The Last Dinner Party
Foto: Fabian Schwarzinger

The Last Dinner Party: Barockpop und Sisterhood

The Last Dinner Party bringen am 19. Februar ihre „From the Pyre“-Tour ins Wiener Gasometer. Mit dabei haben sie Female Rage, bildhafte Lyrics und musikalische Vielseitigkeit.  

Die britische Band gastierte bereits Anfang 2024 in Wien, damals jedoch im kleineren Rahmen in der Grellen Forelle. Mittlerweile haben The Last Dinner Party die Indie-Rock-Welt mit einzigartigen Kompositionen im Sturm erobert – ausgefallene Outfits inklusive. Auch das Publikum gleicht eher einer queer-coded viktorianischen Hexenversammlung als durchschnittlichen Konzertbesucher:innen. 

Melancholic Dreams mit Sunday (1994)

Die knappe Dreiviertelstunde dreamy-melancholia-Pop, mit der der Voract Sunday (1994) Konzertbesucher:innen empfängt, vergeht schnell. Der Name der Leadsängerin, Paige Turner, spricht also für sich. Songs scheinen miteinander zu verschmelzen. Die verträumte Stimmung wird durch melodische Gitarren und Turners Stimme bis hinauf zu den Sitzplätzen getragen. Ein Moment sticht klar hervor: Bei dem Song Tired Boy beschert das Publikum sich und der Band durch ein Taschenlampen-Lichtermeer bereits den ersten Bonding-Moment des Abends. 

Barockpop gegen das Patriarchat

Hohe Torbögen, eine herabhängende Kirchenglocke und pompös anmutende weiße Tüllvorhänge bieten die Kulisse für eine ästhetisch bewusst aus der Zeit fallende Band: The Last Dinner Party. Die kraftvollen Titel Agnus Dei und Count The Ways läuten den Abend ein. Sofort wird klar, welche musikalische und lyrische Wucht der Auftritt der fünfköpfigen FLINTA*-Band mit sich bringt. The Last Dinner Party, das sind nicht die Leadsängerin Abigail Morris und ein paar Musiker:innen dahinter. The Last Dinner Party ist eine Formation, aufgestellt in einer geraden Linie am Bühnenrand, und präsentiert sich als Einheit mit ineinanderfließenden Rollen.

Gleichzeitig besteht die Band aus fünf Individuen, von denen jede:r einzelne im Laufe des Abends mindestens einmal Main Character sein darf. Was sie mit ihren überwiegend weiblichen und queeren Fans vereint, zeigt sich in Songs wie The Feminine Urge oder Caesar on a TV screen. Es geht um female rage, getrieben von dem Drang, sich aus patriarchaler Unterdrückung zu befreien. Der Wunsch, wie ein Mann ernstgenommen zu werden und etwas verändern zu können, scheint sowohl Band als auch Publikum aus der Seele zu sprechen – oder eher zu singen. 

„I’ll take you with me anywhere.“

Die Verbindung zwischen The Last Dinner Party und ihren Fans ist weit mehr als eine Vorliebe für bedeutungsschwere Lyrics und der witchy Dresscode. Als sie über das aktuelle Album From the Pyre spricht, macht Leadsängerin Abigail Morris klar, dass erst die Energie der Liveauftritte das Werk der Band komplett machen. „You make every single song come alive“, gesteht sie. Emotional unterstrichen wird diese Verbundenheit durch den melancholischen Lovesong On Your side : zart-mehrstimmig vorgetragen und gewidmet den Fans, die bereits das erste Wienkonzert 2024 besuchten. Auch am aktuellen Album bleibt Platz für Tiefgründigkeit. Tracks wie Sail Away oder The Scythe thematisieren Verlust. Es geht jedoch auch um gemeinsamen Eskapismus und die Zuversicht, eine geliebte Person stets bei sich zu tragen. 

Hexenriten und Queerness

Die Performance von Woman is a Tree ist ein klares Highlight des Abends. Man hat das Gefühl, einem uralten Hexenritual beizuwohnen, bei dem Naturgeister oder Dämonen beschworen werden. Getragen wird die Zeremonie von sich aneinanderreibender und gleichzeitig harmonischer Fünfstimmigkeit, die Gänsehaut auslöst. Ähnlich staunt das Publikum bei Ghuja, einem albanischen Song über Sprache und kulturelle Entwurzelung. Mit diesem möchte Bandmitglied Aurora Nishevci ihre fast vergessene albanische Identität neu entfalten. Im zunächst eher modern-rockig wirkenden Rifle, einem Endzeit-Song über Zerstörung, steht Lizzie Mayland im Mittelpunkt der Bühne. Diese verfärbt sich zunehmend rot und unterstreicht damit den Songtext und dessen Dringlichkeit. Ein für die Band typischer Stilbruch durch eine französische Chanson-Einlage fehlt auch hier nicht. 

Wie der Bandname bereits vermuten lässt, verarbeiten The Last Dinner Party auch ihre katholisch geprägte Erziehung in ihren Songs. Die in der katholischen Kirche oft als sündhaft angesehene Queerness ist für mehrere der Bandmitglieder ein essenzieller Teil ihrer Identität. Hier wird hier selbstverständlich mit biblischen Metaphern verknüpft. Alle Klischees des ‚queer catholic school girls‘ werden in Songs wie My Lady of Mercy und Sinner mehr als erfüllt. Das scheint auch bei vielen im Publikum auf Resonanz zu stoßen. Morris‘ Charme, ihr Blickkontakt mit scheinbar jeder einzelnen Person im Raum und ein zwinkerndes „Vienna Baby“ tragen zusätzlich dazu bei.  

Am Ende des Abends holt die Band noch einmal alle Energiereserven hervor. Der Debut-Hit Nothing Matters bildet einen fulminanten Abschluss. The Last Dinner Party geben sich damit aber noch nicht zufrieden, sondern bieten dem Publikum noch eine Modern Dance Masterclass. Zu This is the Killer Speaking wird getanzt, indem Arme und Beine ausgelassen durch die Luft geworfen werden.  

Fazit

„We’ve loved, we’ve cried, we’ve danced“ – mit diesen Worten beendet die Band ihre Performance. Sei es die Einheit und gleichzeitige Individualität der einzelnen Bandmitglieder, die nischige Ästhetik und Thematik der Songs, die genau deshalb einen bestimmten Nerv bei exakt diesem Publikum treffen, oder ihr unbestreitbares musikalisches Können. The Last Dinner Party überzeugen, und der Abend im Gasometer bleibt in Erinnerung.  

Foto: Fabian Schwarzinger

literatur- und konzertbegeisterte lehramtsstudentin // in graz, wien, kärnten & überall :)