Betterov im Posthof Linz
Foto: Michael Streifeneder

Betterov: Ein Geschichten­erzähler

Seit 2020 ist Betterov nicht mehr aus der deutschen Indie-Welt wegzudenken. Nun geht er mit seinem neuen Album „Große Kunst“ auf Tour, und man fragt sich: Ist es große Kunst?

Am 06.03., als dritter Stopp der Tour, landet Betterov etwas unerwartet sogar wieder in Linz. Bereits vor drei Jahren – die Zeit fliegt – hatte er hier Halt gemacht; nun ist er tatsächlich wieder zurück, was bei der zweiten Tour eher selten passiert. Darüber möchte man sich an dieser Stelle aber nicht beschweren. Den Start in den Abend liefert zuerst noch die Künstlerin Akryl.

Akryl

Die Singer-Songwriterin ergänzt ihren Coming-of-Age-Indie gerne mit einer Prise elektronischem Sound. So entsteht gemeinsam mit Akustik- und E-Gitarre ein harmonisches Klangbild, das ein noch sehr verhaltenes Linzer Publikum zum Schunkeln einlädt. Ihr Sound hat groovige Elemente, die Liebe, Familiendrama oder auch Verlust verarbeiten. Zwischendurch gibt sie sich sympathisch verletzlich und macht so einen angenehmen Opener für Betterov. „Traurig mittanzen“ ist die Beschreibung, die sie selbst benutzt.

Betterov

Seit seiner Debüt-EP hat das Projekt rund um Manuel Bittorf eine Fangemeinde angesammelt, auf die andere nur neidisch sein können. Die unverkennbare Stimme und starke Rock-Elemente füllen eine Nische, die unverständlicherweise noch zu kurz kommt. Auf seinem neuen Album „Große Kunst“ verarbeitet er vor allem sein Aufwachsen und die Geschichte seiner Eltern. Es wird vom Flüchten aus der DDR erzählt oder auch ganz schlicht vom Begleiten seines Vaters beim Lenken dessen LKWs.

Mit rot-blau getränktem Licht steigt er auf die Bühne und beginnt das Konzert gleich mit dem titelgebenden Track „Große Kunst“. Eine Wahl, die sich ein bisschen wie ein Abfrühstücken anfühlt. Denn was man beim weiterhin sehr zurückhaltenden (und stellenweise wirklich enttäuschenden) Linzer Publikum merkt: Die älteren Tracks sind klar die Favoriten. So wacht erst ein paar Songs später – ironischerweise beim Song „Schlaf gut“ – die Menge zum ersten Mal so richtig auf.

Höhen und Tiefen

Seine Stimme wirkt dabei leider nicht ganz fit. Die erzählerischen Strophen wirken angestrengt, teilweise schleichen sich schiefe Töne ein. Vergleichbar wird die erste Hälfte des Konzerts mit einer Erzählstunde. Die Texte reimen selten und oft werden Geschichten chronologisch und mit recht einfacher Sprache musikalisch untermalt. Das ist durchaus ergreifend – wenn auch das Publikum oft (zu unrecht) erstarrt und eingeschläfert wirkt. Womöglich ist das Generationentrauma Ost-West für ein österreichisches Publikum auch einfach schwerer greifbar.

Dieser live eher schwierigen Komponente seines neuen Albums scheint sich der Sänger aber bewusst zu sein, denn er liefert in der zweiten Hälfte eine ordentliche Portion seiner älteren, durchaus tanzbaren Tracks nach. So springt bei „Mein Leben ist monoton“ dann der ganze Saal mit und man bekommt doch noch zahlreiche Höhenflüge geliefert, die bis dahin eher rar verteilt waren. Vor allem instrumentale Outros zu den Songs mit Stroboskop-Licht bringen den Saal dann komplett zum Beben. Vor allem bei den beiden Schlusstracks „Viertel vor irgendwas“ und „Dussmann“ bekommt das Linzer Publikum noch einen ehrwürdigen und in Erinnerung bleibenden Abschluss.

Fazit

Betterov hat mit seinem neuen Album nicht ganz den Nerv des österreichischen Publikums getroffen, umgeht diese Schwierigkeit aber gut mit einer durchdachten Setlist. Er wird nach anfänglichen Stimmschwierigkeiten vor allem in der zweiten Hälfte den Erwartungen mehr als gerecht. So bleibt Betterov weiter einer der Artists, die man nicht aus den Augen verlieren sollte, weil er eben große Kunst beherrscht.

Fotos: Michael Streifeneder, Fabian Schwarzinger

Im Zweifel vor dem großen Screen oder hinter der Kamera.