Diagonale 2026 – starker Start
Das Festival des österreichischen Films in Graz ist seit 29 Jahren nicht nur eine Werkschau des heimischen Schaffens, sondern auch ein Gradmesser gesellschaftlicher und politischer (Um)brüche. Entsprechend turbulent und abwechslungsreich war bereits die Eröffnung der Diagonale.
Schon von Anfang an war Moderator David Scheid auf Krawall gebürstet. Jeder noch so beiläufige Nebensatz sollte provozieren, egal ob links oder rechts, die Seiten wechselte er fließend. Scheids Humor, bekanntermaßen derb und untergriffig, rüttelte das Publikum aber nur mäßig auf. Der von ihm gewünschte Skandal blieb aus, ebenso wie die heraufbeschworene Orgie bei der Eröffnungsparty. Dafür wurden, wie bei der Diagonale fast schon üblich, die Geldgeber gegeißelt. Bundes- und Landespolitik wurden zurecht für diverse Verschlechterungen in der Förderpolitik kritisiert (ORF-Landesabgabe → kulturlandretten.at, Streaming-Abgabe, Zuverdienst zu Arbeitslosengeld).
Die Rede der Festivalleiter:innen Claudia Slanar und Dominik Kamalzadeh war dagegen ein essayistischer Höhepunkt (hier nachlesen). Danach wurde der Große Diagonale-Schauspielpreis 2026 für Verdienste um die österreichische Filmkultur an Hilde Dalik verliehen. In ihrer Dankesrede geißelte sie zu Recht ein weiteres Mal die Politik, sprach aber auch viele ihrer Erfahrungen und Probleme an, mit denen Frauen in der Branche seit Jahrzehnten zu kämpfen haben (Stichwort Alte weiße Männer). Doch sie ließ Hoffnung aufkommen. Es wird wohl besser.
Bevor dann der Eröffnungsfilm Rose zu sehen war, durfte auch noch Regisseur Markus Schleinzer nochmal wortreich der Politik seine Meinung sagen. Als Vorsitzender des Dachverbands der Österreichischen Filmschaffenden spricht er für 17 Berufsvereinigungen. Von Regie und Drehbuch über Komposition und Beleuchtung ist da jede Sparte vertreten. Denn vor allem in der ohnehin prekären Kulturbranche trifft es vor allem den Nachwuchs, wenn man zum Arbeitslosengeld nicht geringfügig noch etwas dazuverdienen darf. Denn so sammeln viele ihre ersten Erfahrungen an kleineren Sets und Produktionen und knüpfen dabei wichtige Kontakte. Das derzeitige Verbot zwingt sie wieder in unbezahlte Praktika.
Freiheit als radikale Behauptung
Rose spielt im Dreißigjährigen Krieg. Ein Soldat taucht in einem protestantischen Dorf auf, mit schief sitzenden Papieren und einem noch schiefer sitzenden Mund – von einer Kugel durchschossen. Er beansprucht einen verwaisten Gutshof und setzt sich durch, trotz allem Argwohn. Nur die Off-Erzählerin weiß es: Der Soldat ist Rose, eine Frau. Markus Schleinzer, der mit Michael (2011) schon einmal bewiesen hat, dass österreichisches Kino auch unangenehm sein kann, erzählt hier die Geschichte einer Frau, die sich eine eigene Biografie erfindet – als Mann, als Gutsherr, als Ehemann, als Vater. Das klingt nach Kostümfilm, ist aber keiner. Es ist ein Porträt von Freiheit als radikaler Behauptung.
Sandra Hüller, zuletzt in Anatomie eines Falls und The Zone of Interest international gefeiert, erarbeitet sich die Figur vollständig aus dem Körper: Haltung, Gang, Kleidung. Regisseur und Hauptdarstellerin basieren die Figur auf historischen Berichten über Frauen – oder transidente Personen –, die sich als Männer ausgaben, um Arbeit, Einkommen und das eigene Leben überhaupt erst zugänglich zu machen. Gerald Kerkletz filmt das alles in reduziertem Schwarzweiß, wenige Objekte, viele Gesichter, viele Blicke. Der Film stellt Fragen nach Identität und Freiheit, ohne darüber eine Vorlesung zu halten. Das ist seltener, als man denkt.
Dass Rose überhaupt existiert, scheint ein Kraftakt gewesen zu sein. Insgesamt acht Jahre dauerte das Projekt, die Geldsuche war zermürbend, lässt Schleinzer durchblicken. Doch dass er Sandra Hüller als Rose haben wollte, wusste er schon, als er mit Alexander Brom am Drehbuch schrieb. Gefragt hat er sie erst, als wenigstens die Hälfte des Budgets gesichert war. Und der Plan ging auf: Bei der Weltpremiere in Berlin gewann Hüller den Silbernen Bären der Berlinale als beste Hauptdarstellerin für die Rolle.
Am 17. April kommt der Film in die österreichischen Kinos.

Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz
www.digonale.at