The Secret Reading Club of Kabul
Was bleibt, wenn Freiheit genommen wird? The Secret Reading Club of Kabul zeigt die erschütternde Realität junger Frauen unter der Taliban-Herrschaft – und ihren stillen, mutigen Widerstand. Ein Film, der unter die Haut geht und lange nachwirkt.
Wie schreibt man eine Rezension, wenn einen der Film bis auf die Grundmauern erschüttert hat? Was macht es mit einem, wenn Frauen im Kino beinahe zusammenbrechen, weil sie sich mit der gezeigten Situation so stark identifizieren können? Wie geht man mit dem Gefühl um, keinen eigenen Handlungsspielraum zu haben – außer, Taschentücher für die unzähligen geweinten Tränen anzubieten? Diese Verzweiflung, diese Ohnmacht und diesen Realitätsschock hat der Film „The Secret Reading Club of Kabul“ bei mir ausgelöst. Somit haben die Filmemacherinnen Shakiba Adil und Elina Hirvonen ihr Ziel erreicht.
Die Dokumentation spiegelt die Realität von Frauen in einem von den Taliban kontrollierten Land wider. Die Filmemacherin Shakiba Adil ist selbst unter dem Regime der Taliban aufgewachsen. Sie hat die Befreiung 2001 miterlebt und konnte mit einem der letzten Flieger aus Kabul flüchten, als die Taliban zum zweiten Mal die Herrschaft an sich rissen. In den Jahren dazwischen durfte sie erleben, wie sich ihr Land anfühlt, wenn es frei ist. Mit dem Film nimmt sie uns auf eine sehr persönliche Reise mit und erzählt die Geschichten der „neuen“ Generation.
This could have been me
Das waren die weinerlichen Worte der Dame neben mir. Unter Tränen teilt sie mir auch nach dem Film mit, dass sie immer noch darum kämpft, Freundinnen aus dem Land zu holen. Sorgen, die mir in dieser Form unbekannt sind, die aber durch den Film enorm real wurden.
Der Film zeigt zu Beginn ein Kabul vor der ersten Periode der Taliban – ein Land, das progressiv und offen ist. Ein Land, in dem das Geschlecht nicht über Bildung und den beruflichen Werdegang entscheidet. Mit der Machtübernahme nach dem Bürgerkrieg kommen die massiven Einschränkungen. Das Ende dieser Diktatur wird mit dem Einmarsch der US-Truppen nach den Anschlägen am 11. September 2001 bezeichnet. Nach der Zerschlagung der Taliban-Herrschaft bekamen die unterdrückten Menschen wieder ihre Rechte zurück. Diese wiedererlangte Freiheit war auch für die Filmemacherin Shakiba Adil sehr wichtig. So konnte sie erste Erfahrungen im TV- und Filmbereich sammeln.
Das Kennenlernen der jungen Protagonistinnen beginnt mit der erneuten Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021. Shakiba Adil ist mit den Mädchen via Social Media und Handy in Kontakt. Inspiriert von den Erfahrungen Anne Franks in den 1940er-Jahren in Amsterdam formiert sich eine Gruppe junger Mädchen in Kabul. Sie beginnen, die Tagebücher von Anne Frank zu lesen und ihre eigenen Tagebücher zu schreiben. Daraus entwickelt sich ein geheimer Leseklub, eine Art Widerstand, mitten im unmenschlichen Regime der Taliban.

Da es Frauen verboten ist, zu lesen und sich weiterzubilden, ist den Protagonistinnen bewusst, dass sie mit diesem Leseklub ihr Leben aufs Spiel setzen. Neben dem Lesen ist es Frauen in Afghanistan auch verboten, zu arbeiten, öffentlich zu sprechen oder unverschleiert zu sein. Öffentliche Verkehrsmittel dürfen nicht genutzt werden. Das Haus darf nur in männlicher Begleitung verlassen werden. Öffentliche Räume sind tabu, und Frauen dürfen auch nicht in den Medien gezeigt werden. Zusätzlich kommt hinzu, dass Frauen vor Gericht nicht gleichgestellt sind wie Männer. Verstöße gegen diese Regeln werden mit Gewalt, Verhaftungen und – nach neuen Gesetzen – sogar mit Versklavung bestraft.
Irgendwann verschwimmen die Grenzen
Die Parallelen zwischen den beiden diktatorischen Regimen – Taliban und Nationalsozialismus – sind beängstigend. Shakiba Adil zitiert in ihrer Dokumentation immer wieder Texte von Anne Frank und vergleicht sie mit den Einträgen der jungen Frauen. Sie erzählen von ihren Erlebnissen mit den immer weiter wachsenden Einschränkungen. Beginnend mit Kleiderordnungen, über Verbote bis hin zu steigender Gewalt.
Irgendwann ist unklar, wo die Unterschiede liegen. Was für mich besonders erschreckend ist: In Europa gibt es ein klares Commitment gegen die Verfolgung und Diskriminierung bestimmter Menschengruppen. Immer wieder heißt es, so etwas wie im Nationalsozialismus dürfe nie wieder passieren – zumindest in Europa. Passiert eine ähnlich strukturierte Unterdrückung in anderen Ländern, zum Beispiel in Afghanistan, wird schnell klar, dass dieses Commitment an den Außengrenzen des europäischen Kontinents endet.
Ab einem gewissen Punkt im Film verliert man den Überblick, ob die Zitate nun von Anne Frank stammen oder von den jungen Frauen. Die Identifikation des Buchklubs mit der Geschichte von Anne Frank ist sehr hoch und dominiert die Diskussionen. Szenen wie jene, in der eine geheime, versteckte Schule gestürmt wird und Mädchen, die Martial Arts übten, verhaftet werden, zeichnen ein realistisches Bild. Ein Bild, das zeigt, was alles auf dem Spiel steht.
Wenn Kino real und ungemütlich wird
Der Film besteht aus Handyvideos der betroffenen Frauen, aufgezeichneten Videocalls und Aufnahmen der Filmemacherin Shakiba Adil. Zwischendurch werden immer wieder öffentliche Aufnahmen, etwa von Nachrichtensendern, zur besseren Verständlichkeit der Situation eingefügt. Der rote Faden ergibt sich aus der Chronologie des Verfalls der Humanität in diesem Land.
Ein Film, der die jungen Frauen von 2021 bis 2024 begleitet, erzählt zum einen die erschütternde Geschichte der weiblichen Unterdrückung. Zum anderen gibt er aber auch Hoffnung. Einige der Frauen schafften die Flucht aus dem Land und kämpfen nun, wie auch Shakiba Adil, von außen weiter.
Fazit
Der Film ist ein sehr intimes Zeitdokument. Er zeigt die Grausamkeit eines diktatorischen Regimes, aber auch den Mut der jungen Frauen. Dieser Widerstand in Form von Lesen, Schreiben und Diskutieren wirkt klein, gibt aber Hoffnung. Auch wenn der Verfall feministischer und humanitärer Werte mit jeder Minute der Dokumentation deutlicher wird, kämpfen die Frauen weiter für ihre Unabhängigkeit. Leise und heimlich, aber mit Wirkung.
Die beiden Filmemacherinnen haben mit diesem Film ein großartiges Zeitdokument geschaffen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema in Europa ist längst überfällig. So sieht es auch die Jury von CPH:DOX. Der Film wurde in der Kategorie NORDIC:DOX ausgezeichnet.

THE SECRET READING CLUB OF KABUL
Dokumentation
Regie: Shakiba Adil & Elina Hirvonen
95 Minuten 2026
Finnland und Norwegen


