Vergessene Geschichte erzählen: Atlas of Disappearance
Ein riesiges Monument nahe der spanischen Hauptstadt Madrid, die tabuisierte Historie einer Diktatur, fast 34.000 Gebeine, über 12.000 unbekannte Tote, Methoden der forensischen Architektur und acht Jahre Arbeit. Zusammengefasst in einem Film, um eine Geschichte zu erzählen, die über 80 Jahre zurückreicht.
Manuel Correa ist ein junger kolumbianischer Künstler, Filmemacher und der Regisseur des Films Atlas of Disappearance (Original: Atlas de la Desaparición). Durch seine Arbeit in der Forschungsgruppe Forensic Architecture hat dieser nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen historisch-wissenschaftlichen Zugang zur Film-Thematik. Die 84-minütige Dokumentation beschäftigt sich mit einem riesigen Monument Francos im Valle de los Caídos und dringt in die Tiefen der Grabstätte ein. Dadurch wird einem interdisziplinären akademischen Feld ein Raum geboten, welches mit verschiedenen Werkzeugen Verstöße gegen die Menschenrechte aufzuzeigen versucht. Es entsteht eine Fusion, in welcher die Perspektive einer modernen geschichtswissenschaftlichen Forschung auf den Blick all jener Familien trifft, die im Laufe der Franco-Diktatur jemanden verloren hatten.
Valle de los Caídos
Das Tal der Gefallenen (Valle de los Caídos) wurde 2022 umbenannt und heißt heute offiziell Valle de Cuelgamuros. Umgangssprachlich wie auch im Film wird jedoch nach wie vor die ursprüngliche Form verwendet. Gemeint ist mit dieser Bezeichnung ein gigantisches Monument. Dieses wurde 1940 durch Francisco Franco, von 1939 bis 1975 spanischer Diktator, in Auftrag gegeben und 1959 offiziell eröffnet. Es sollte ein Ort zur Andacht und die letzte Ruhestätte für all jene werden, die während des spanischen Bürgerkriegs ihr Leben ließen. Dabei war es eigentlich nur für diejenigen gedacht, die im Namen Francos gegen die Republik gekämpft hatten. Schließlich wurden jedoch auch Verteidiger der Republik und Gebeine aus Massengräbern in das Tal gebracht, um die Krypten zu füllen. Von weitem erkennbar, kennzeichnet das größte Kreuz der Welt diesen Ort. Dort liegen fast 34.000 Personen vergraben – über 12.000 davon sind in den Listen als desconocido, als unbekannt, gekennzeichnet.
Atlas of Disappearance erzählt die Geschichte einer Suche nach diesen Personen, die Brüder, Väter und Freunde waren. Entlang der Geschichte von drei Familien versucht Correa mit einem Team an Forscher:innen die wenigen Informationen auszuwerten und in der Menge an Missinformationen eine mögliche Wahrheit zu entziffern. Geprägt sind die Erzählungen durch die Stille über das, was passiert ist, Erinnerungen an die, die verschwunden sind, Trauer und die geraubte Möglichkeit, vollständig Abschied zu nehmen. Hoffnung und Frustration wechseln sich im Laufe der Ermittlungen und gewonnenen Erkenntnisse über den monumentalen Bau der Grabstätte ab.
Architektur trifft Geschichte
Wie bereits erwähnt steht diese Produktion in engem Zusammenhang mit der Forensic Architecture. Darunter versteht sich ein relativ neues Forschungsfeld wie auch eine Forschungsgruppe der University of London. Seit 2010 arbeiten dort im Centre for Research Architecture Architekt:innen, Programmierer:innen, Filmemacher:innen – so auch Correa – Investigativjournalist:innen, diverse Wissenschafter:innen und Jurist:innen gemeinsam daran, neue Techniken, Methoden und Konzepte zur Untersuchung von organisierter Gewalt zu entwickeln, anzuwenden und zu verbreiten. Was hier in einem historischen Kontext angewandt wird, bezieht sich in vielen aktuellen Projekten der Gruppe auf gegenwärtige Menschenrechtsverletzungen.
Die Arbeitsweise der Forensic Architecture kommt im Film vor allem durch die Visualisierung durch 3D-Modelle aus der Architektur zur Geltung. Durch die Animationen werden die Erzählungen der Protagonist:innen in ein deutliche(re)s Bild übersetzt. Dadurch ist es möglich, die komplexe Struktur des riesigen Bauwerks darzustellen, die wahrscheinliche Ordnung der Gebeinboxen – die Verstorbenen wurden in Kisten gelegt und Reihe um Reihe aufgestapelt – und weitere Unvorstellbarkeiten darzustellen. Dazu möchte ich zwei Szenen des Films im Folgenden näher beschreiben. Diese zeigen den filmischen Umgang mit den zur Verfügung stehenden Materialien deutlich.
das Unvorstellbare erkenntlich machen
Viele Bereiche der Grabstätte Francos sind allgemein nicht betretbar, andere Bereiche sind für die Öffentlichkeit und für Filmaufnahmen unzugänglich. Die Kammern wurden nicht dafür konzipiert, um wieder geöffnet zu werden, weswegen es auch den Filmemacher:innen nicht möglich war, in die Krypten zu steigen. Um trotzdem einen Eindruck der Kammern zu erhalten, werden 3D-Modelle genutzt. Unterstützt wird dieses Bild durch Fotos eines Besuches der Familien im Valle de los Caídos. Über die sterile geometrische Form der Darstellungen werden die Fotos auf die Struktur des Gebäudes gelegt. Eine einfache Methode mit großer Wirkung – eine technische Zeichnung wird plötzlich zur erschütternden Realität.
Es ist eine Realität, in der es um fast 34.000 Personen geht, die in den verschlossenen Räumen vergraben liegen. In den Listen wurden sie von einem Namen zur Nummer um schließlich einer Sargnummer zugeteilt, um in den Tiefen der Gemäuer zu verschwinden. In diesem Zusammenhang steht eine weitere Szene, in welcher, durch eine technische Schwierigkeit motiviert, diese Listen laut vorgelesen werden. Eintrag für Eintrag werden Listen-Nummerierung und Name genannt. Eine Szene, die zeigt, dass es um Menschen geht, einzelne Personen, an die erinnert und an welche gedacht wird.
34.000 Personen. Diese Zahl ist neben vielen anderen Zusammenhängen unvorstellbar. Die Gestalter:innen des Films haben dafür ebenfalls Werkzeuge der digitalen Zeichnung genutzt und ein konkretes Bild zur Geschichte geliefert. Ein Beispiel dieses Gestaltungselements ist das unscheinbar wirkende Bild der graugesprenkelten Fläche der begleitenden Abbildung. Was hier abgebildet ist, ist jedoch genau diese unvorstellbare Zahl von 34.000, denn die kaum erkennbaren Formen werden im Film als die Knochen von 34.000 Personen kontextualisiert.
Inhaltlich befasst sich der Film mit technisch exakten Zusammenhängen und Darstellungen. Obwohl genau dabei alle Punkte korrekt berechnet und abgebildet sein sollten, sind in der filmischen Umsetzung manche Aspekte deutlich nicht einwandfrei. Dazu gehören zum Beispiel manche Texteinblendungen, die zu schnell und unleserlich arrangiert sind. Auch die Tonqualität stört durch zu laute Hintergrund- oder Nebengeräusche in manchen Szenarien den Fluss der Bilder.
Fazit
Als (angehender) Historiker finde ich diesen Film nicht nur aufgrund der erzählten Inhalte interessant und wichtig. Einerseits ist es von großer Bedeutung, die Gräueltaten und die Details eines Regimes, wie es Francos Diktatur war, aufzuzeigen. Andererseits stehen die Hintergründe und Ergebnisse der Untersuchungen und die Möglichkeit, diese zur visuellen Verdeutlichung der Gegebenheiten zu nutzen, im Fokus. Den Filmemacher:innen von Atlas of Disappearance ist es gelungen, über diesen Ort zu informieren und diesen regimekritisch zu beleuchten.

Atlas of Disappearance
Original: Atlas de la Desaparición
Regie: Manuel Correa
84 Minuten/Spanisch, OmEu
