Filmstill von Watching People Watching Birds
Quelle: loekenfranken.de

Vom Himmel herab und in die Wolken hinauf

Die Dokumentation Watching People Watching Birds entführt in eine Welt, die parallel zu unser aller Alltag geschieht. Im Verhältnis zwischen Natur und Menschen, eröffnet sich eine Perspektive, die weder den Blick von oben vollkommen zeigen kann, noch kann der Blick von unten der Vielschichtigkeit gerecht werden.

Mit dem Titel „Watching People Watching Birds“ ist eigentlich schon alles gesagt, was über diesen Film gesagt werden sollte. Gleichzeitig ist es eben nur eine kleine Anregung zu dem, was dieser Film zu sagen hat. Im Namen der deutschen Produktionsfirma loekenfranke unter der Führung des Regisseur:innen-Duos Michael Loeken und Ulrike Franke feierte dieser Film am Internationalen Dokumentarfilmfestival CPH:DOX in Kopenhagen Mitte März Weltpremiere. Er entführt das Publikum in ein Paralleluniversum, welches weit über unseren Köpfen und doch uns ganz nahe ist.

Leute Beobachten Vögel Beobachten Leute

In Watching People Watching Birds geht es im Grunde genau um das: festzuhalten und zu beobachten, wie Menschen Vögel beobachten. Doch der Film zeigt viel mehr als das Offensichtliche. Bereits in der ersten Szene wird deutlich, wie nahe sich die Natur, in diesem Fall die Welt der Vögel, und die städtische Industrie, somit die Welt der Menschen, wirklich sind. Über den ganzen Film hinweg wird dieses Verhältnis immer deutlicher gezeigt. Nicht nur die einem Vogelflug ähnliche Kameraführung, welche den Blick des Publikums vom Boden einer Lichtung über die Bäume hinweg trägt und den Blick auf das nahe Industriegebiet freigibt, sondern auch die von Vogelgezwitscher begleitete Fahrradfahrt einer der Protagonisten zeigt, dass die beiden Welten sich untrennbar überlappen.

Die Haupthandlung setzt sich aus der Begleitung von insgesamt sechs deutschen und US-amerikanischen Birdwatcher(-Gruppen) und deren Geschichten zusammen. Sie geben jeweils eine spezifische Sicht auf den Alltag mit Vögeln wieder. Eine dieser Hauptakteur:innen ist eine Bäckerei-Angestellte. Sie zeigt ihre Liebe zu Vögeln, indem sie ihre Kund:innen stehenlässt, vor die Tür nach draußen tritt und die Frühjahrs-Ankunft der verschiedenen Zugvögel betrachtet. Ein weiterer Protagonist drückt seine Faszination mit den Worten „Andere finden tropische, bunte Vögel toll – ich mag Möwen“ aus. Somit geht es neben dem umweltpolitischen Standpunkt des Films auch einfach mal nur darum, dass gewisse Dinge glücklich machen.

Wie Männer in den Himmel schauen

Wie bereits angedeutet und der Zwischentitel vermuten lässt, demonstriert dieser Film unterbewusste Klischees der dargestellten Gemeinschaft. Es wechseln sich Interview-Szenarien mit alltäglichen Beobachtungen und Begleitungen der im Alltag der Vogelliebhaber ab. Die Wahl der Personen ist hauptsächlich auf Männer gefallen und bedient damit das Vorurteil, wer an der Vogelkunde und -beobachtung interessiert ist und diesem Hobby als Birdwatcher nachgeht. Um diesen Eindruck in Zahlen zu fassen: Es wurden sieben Männer in einem direkten Gespräch mit der Kamera gezeigt. Dem gegenüber stehen nur zwei Frauen.

Im Gespräch mit der Regisseurin Ulrike Franke wird klar, dass diese Form der Repräsentation den Filmschaffenden bewusst ist. Im Zentrum des Entstehungsprozesses des Films steht eine intensive Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen der Gemeinschaft. Die im Film präsentierten Personen stehen dadurch stellvertretend und repräsentativ für eine ganze Gruppe, die im Allgemeinen dem Klischee eines älteren, weißen Mannes entspricht. Ein Kommentar der Regisseurin diesbezüglich ist ihr Eindruck, dass es einen deutlichen männlichen Überhang in der Vogelbeobachtung gibt, doch die Gemeinschaft zunehmend jünger und tendenziell weiblicher wird. Stellvertretend dafür steht die Protagonistin des folgenden Bildes aus dem Film.

Filmstill Watching People Watching Birds
Quelle: loekenfranke.de

Unaufgeregt Vielsagend

In einer Zeit, in der Berichte über Kriege, aktuelle Politik und beängstigend faszinierende Technologien die Kinos füllen, finde ich es auf eine Art und Weise mutig, einen Film über etwas so Banales wie das Vögel-Beobachten zu gestalten. Loeken und Franke haben es mit ihrem Team geschafft, einen Film zu drehen, der eigentlich individuelle Geschichten von Menschen erzählt, und es doch um die Umwelt und die Natur im Allgemeinen geht. Die klassisch gestaltete Dokumentation bietet in ihrem Ansatz eine Beobachtung von Vögeln, welche eigentlich Menschen zu betrachten und zu untersuchen versucht, eine spannende und vielversprechende Perspektive auf unsere Gesellschaft. Es ist damit gelungen, das menschliche Verhalten gegenüber der Natur und den Vögeln in ein größeres Bild einzuordnen und eine weitere Ebene des nötigen Umweltschutzes aufzuzeigen.

All das schafft die Dokumentation, ohne sich politisch zu radikalisieren. In den gezeigten Szenen sterben keine Vögel aufgrund von Menschenhand verursachten Naturkatastrophen. Es werden auch keine Großkonzerne oder ähnliche Institutionen direkt angegriffen. In der Arbeit mit zwei Kameras – durch den Titel motiviert – fokussiert sich eine Kamera auf das Filmen der Personen und die zweite hält die Vögel und die Natur fest. Auffällig ist, dass auch hier in der Bildsprache der Mensch im Fokus steht. In vielen Einstellungen sind die Vögel lediglich als Gezwitscher im Hintergrund präsent. Diese Ruhe und Unaufgeregtheit begleitet die Zuseher:innen durch den ganzen Film. Meiner Meinung nach ein Punkt, der diesem Film seinen Mehrwert gibt.

Fazit

Dieser Film spielt mit den Klischees und bindet diese auch in die Formsprache und Gestaltung ein. Der ruhige und geduldige Fluss der Bilder, die Erzählungen der porträtierten Personen sowie deren Unterbrechungen im Gespräch, gibt einen Einblick in den Charakter der Protagonist:innen. Zum Beispiel wenn ein Zwitschern der Vögel die Aufmerksamkeit auf diese zieht. Die Klischeehaftigkeit mancher Bilder sorgt außerdem für den ein oder anderen witzigen Moment.

Filmstill Watching People Watching Birds
Foto: loekenfranke.de

Ohne Frage lässt sich dieser Film als einfache und simple Dokumentation über ein einfaches und simples Hobby lesen. Es empfiehlt sich jedoch diesem Film eine Chance zu geben und sich auf all jene Dinge einzulassen, die dieser Film im Subtext zu vermitteln versucht. Wer weiß, vielleicht ist es am Ende eine neue Perspektive, sei es nun vom Himmel herab oder in die Wolken hinauf, die gewonnen werden kann.


Poster Watching People Watching Birds

Watching People Watching Birds

Regie: Michael Loeken, Ulrike Franke

90 min/Deutsch, OmEu
Mit Jonathan Franzen

www.loekenfranke.de


CPH:DOX Poster

Logo CPH:DOX

Copenhagen International Documentary Film Festival
11. – 22. März 2026
cphdox.dk

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Kreativ offenes Köpfchen, meist mit Kamera und Notizbuch vorzufinden.