Whispers in May
Dongnan Chen erzählt in Whispers in May die berührende Geschichte der 14-jährigen Qihuo. Sie fühlt sich zwischen Kindheit und Erwachsenwerden gefangen. In den Bergen Chinas beginnt für sie eine leise, eindringliche Reise – geprägt von Tradition, Freundschaft und dem Wunsch, noch nicht loslassen zu müssen.
Dongnan Chen entführt uns mit ihrer Dokumentation Whispers in May in die Welt der 14-jährigen Qihuo. Sie ist in den Bergen von Liangshan (China) beheimatet. Die Filmemacherin zeichnet mit dem Film eine Realität in einem Land, in dem die Erziehung der Kinder hinter existenzsichernde Maßnahmen zurückgestellt wird. Eine Region, in der alles, was arbeitsfähig ist, emigriert und die Zeit in Fabriken oder auf dem Feld verbringt, um genügend Geld zum Überleben zu verdienen. In einer solchen Lebensrealität gehen die Bedürfnisse der Kinder unter; zu schnell wird man gezwungen, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Verständlich, dass Qihuo dies so lange wie möglich hinauszögern möchte und nicht bekanntgeben will, dass sie durch ihre erste Periode nun in der Kultur ihrer Eltern als erwachsen gilt. Diese Community erwartet von jungen Frauen, arbeiten zu gehen und früh verheiratet zu werden.
Shalaluo – „Changing Skirt“-Zeremonie
Die erste Periode gilt als Zeichen des Erwachsenwerdens. In anderen Familien wird dies gefeiert: Ein in akribischer Handarbeit gefertigter, traditioneller Rock wird der heranwachsenden Frau übergeben. Diese Feier nennt man „Changing Shirt“-Zeremonie (Shalaluo). In Qihuos Familie bleibt dafür keine Zeit. Es gibt keinen Rock und auch keine Feierlichkeit. Der Film zeigt, wie ein solches Erwachsenwerden auch aussehen kann – allein, ohne Eltern, aber dafür mit den besten Freundinnen, die Rückhalt bieten.
Als die Freundinnen von Qihuo erfahren, dass sie bereits seit mehreren Monaten ihre Periode hat und dies verheimlicht, nehmen sie das Zepter in die Hand. Ihr Ziel ist es, der Freundin ein gebührendes Ritual zu ermöglichen. Dongnan Chen hat diese Reise in Whispers in May einfühlsam verfilmt.
Walking, Walking, Walking
Mit Eltern, die weit entfernt Arbeit gefunden haben, und einem Großvater, der vor Kurzem verstorben ist, ist Qihuo allein für sich und ihre Geschwister verantwortlich. Kontakt zur Mutter gibt es nur via Handy. Dort erntet das junge Mädchen kein Lob für ihre Leistungen, sondern ausschließlich Tadel, und erhält weitere Anweisungen, was sie wie zu erledigen hat. Ein Vertrauensverhältnis besteht nicht.
Immer wieder muss man sich daran erinnern, dass es sich bei Whispers in May um keine fiktive Coming-of-Age-Geschichte handelt, sondern um eine Dokumentation. Aufgebaut wie ein Roadmovie begleiten wir die vier Mädchen – Qihuo, ihre beiden Freundinnen und die Schwester einer Freundin – auf ihrer Reise. Ziel ist eine kleine Stadt, in der es günstige Röcke zu kaufen gibt. Diese ist mehrere Tage Fußmarsch entfernt.
Der rote Faden des Films ist die Reise an sich. Eine Reise, die wie ein Vakuum wirkt, welches das Erwachsenwerden von Qihuo noch für ein paar Momente hinauszögert und den Eindruck vermittelt, als würde die Zeit langsamer vergehen. Der Film zeichnet eine Welt, die sich – zumindest für die Dauer der Reise – von den Mädchen selbst, unabhängig von sozialen Erwartungen, gestalten lässt. Eine Zeitkapsel, bevor die Realität zurückkehrt.
Mithilfe von animierten Grafiken und Texten bekommen wir neben Qihuos Geschichte auch Sagen und Rituale der Region vermittelt. Sprachlich kommt der Film mit wenigen Dialogen aus; besonders die erste Hälfte wird hauptsächlich von Bildmaterial dominiert.
Der Film erzählt die Geschichte der heranwachsenden Frau sehr sanft, leise und langsam. Behutsam wird das Leben eines jungen Mädchens in den Mittelpunkt gestellt. Es fühlt sich an, als würde man einer Blume beim Erblühen zusehen – wunderschön.
Menstruation als Zeichen von Erwachsensein
In der Kultur von Qihuo gilt man mit der ersten Periode als erwachsen. Die Menstruation setzt in der Regel zwischen 11 und 15 Jahren ein. Vergleicht man dies mit westlichen Vorstellungen, ist es ein Alter, in dem Kinder noch Kinder sein sollten – oder eben rebellische Teenager. Geprägt von diesen Werten schließt man Qihuo sehr schnell ins Herz. Man versteht ihr Hinauszögern sowie den Wunsch, noch länger Kind zu bleiben.
In der dargestellten Kultur wird das Erwachsenwerden jedoch nicht nur mit Arbeit verbunden. Bei Mädchen bzw. jungen Frauen geht es auch darum, sich schön fühlen zu dürfen – mit neuen Frisuren und anderer Kleidung. Das führt uns zurück zur Tradition der „Changing-Skirt“-Zeremonie. Das Tragen dieses speziellen Kleidungsstücks ermöglicht weitere Schritte wie Dating und ein Gefühl von Unabhängigkeit. Es handelt sich um eine sehr alte Tradition, die vor allem von der ethnischen Minderheit der Yi in der Region Liangshan praktiziert wird.
Durch den Film bekommt man stellenweise das Gefühl, dass die Zeremonie für Qihuo eher etwas Zwanghaftes ist und sie noch nicht bereit ist, erwachsen zu werden. Sie wirkt im Film auch jünger als ihre 14 Jahre. Dennoch steht es uns nicht zu, solche Rituale zu verurteilen, da sich viele junge Frauen auf diese Zeremonie freuen und insbesondere die dadurch gewonnene Unabhängigkeit zelebrieren.
Mit dem Blick auf das Wesentliche
Dongnan Chen reiht eine wunderschöne Aufnahme an die nächste. Verspielt, sanft, detailgetreu und aus ungewöhnlichen Blickwinkeln erzählt sie die Geschichte von Qihuo. Die kilometerlange Reise zu Fuß gibt uns Zuschauenden die Möglichkeit, auch die beeindruckende Landschaft von Liangshan zu bewundern. Durch das langsame Pacing erhält man einen sehr genauen Einblick in die Region, in die Menschen, die dort leben, und in die gelebten Rituale. Das Vertrauen der Mädchen in die Filmemacherin ist deutlich spürbar und zeigt sich in vielen intimen und emotionalen Momenten.
Die Reise selbst wird authentisch dargestellt. Schlechte Wetterbedingungen, unsichere Schlafmöglichkeiten und verwirrende Gespräche mit Einheimischen sind an der Tagesordnung und bringen die Reisenden an ihre Grenzen. Trotz dieser Umstände geht das Kindliche und der Blick für schöne Momente bei den Mädchen nie verloren.
Plötzlich ist die Reise zu Ende – ohne wirklich am Ziel angekommen zu sein. Das abrupte Ende und der Stilwechsel reißen einen fast aus der Geschichte heraus. Während der Film zuvor mit seiner sanften Erzählweise punktet, bekommt man am Schluss nur noch kurz, mittels Voice-over, die harten Fakten darüber präsentiert, wie es für Qihuo ausgegangen ist. Vielleicht hat sich das Erwachsenwerden für Qihuo genau so angefühlt – wie ein Stoß ins kalte Wasser.
Fazit
Es fühlt sich kaum wie eine klassische Dokumentation an – vielmehr wie eine leise, sehr persönliche Reise. Mehr Filme wie dieser gehören definitiv auf die große Leinwand. Was bleibt, ist eine einfache, aber eindringliche Erkenntnis: Menschen, die uns ein Stück unseres Weges begleiten, sind nicht selbstverständlich. Es lohnt sich, diese Momente bewusst zu erleben – die kleinen wie die großen. Und wenn sich Wege trennen, darf man loslassen und offen bleiben für Neues, statt dem nachzutrauern, was nicht geworden ist.
Am Ende bleibt vor allem eines: ein großartiger Film, der noch lange nachwirkt – nicht umsonst Gewinner des DOX:AWARD.

Whispers in May
Dokumentation
Regie: Dongnan Chen
95 Min, OmEu
Hong Kong, Netherlands, Republic of South Korea & Sweden
