Ramen Forever: Das Kochbuch für alle, die es ernst meinen
Ramen sind mehr als Nudelsuppe – und wer das einmal verstanden hat, kommt zum Packerl nicht mehr zurück. Tim Anderson, eine der bekanntesten Stimmen für japanisches Essen im englischsprachigen Raum, zeigt in „Ramen Forever“, wie man das komplexe Gericht Schritt für Schritt selbst zusammenbaut.
Tim Anderson ist kein Koch, der einfach Rezepte sammelt. Der in Wisconsin aufgewachsene Autor beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit japanischer Küche – er hat in Japan gelebt, die japanische Küchengeschichte studiert und 2011 den britischen MasterChef gewonnen. In London gründete er das Soulfood-Restaurant Nanban in Brixton. Inzwischen hat er acht Kochbücher über japanisches Essen geschrieben. Ramen Forever ist sein bislang fokussiertestes: ein Buch, das sich ausschließlich einer einzigen Speise widmet – und dabei erstaunlich viel zu sagen hat.
Das Buch funktioniert als Baukasten. Anderson unterteilt Ramen in fünf Elemente: Brühe, Tare (die Würzflüssigkeit, die der Brühe Salz und Tiefe gibt), Nudeln, aromatische Öle und Fette sowie Toppings. Für jedes dieser Elemente gibt es eigene Rezepte und Erklärungen – wer sie kombiniert, baut seine Schüssel nach eigenem Geschmack zusammen. Das klingt nach System, und das ist es auch. Aber Anderson schreibt zu jedem Abschnitt ausführliche Einleitungen, erklärt Hintergründe, zitiert Soziologen. Wer nur schnell kochen will, braucht einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Wer wirklich verstehen will, was in der Schüssel passiert, kriegt hier echten Kontext.
Schlürfen ist Pflicht!
Gleich zu Beginn stellt Anderson ein „Ramen-Manifest“ auf – fünf Regeln, die gleichzeitig Philosophie und Gebrauchsanweisung sind. Ramen sollen schlürfbar sein, alle Zutaten sollen zusammenspielen statt einzeln zu glänzen, und: Man muss auch wirklich schlürfen. Das klingt trivial, trifft aber den Kern. Anderson schreibt mit Selbstironie, widerspricht sich innerhalb weniger Absätze bewusst selbst und macht dabei klar: Ramen ist kein Gericht mit einer richtigen Version. Es gibt keine Urfassung, kein Ideal. Das Gericht ist von Anfang an hybrid – aus China über Japan in die Welt – und genau das macht es so wandlungsfähig. Diese Haltung zieht sich durchs ganze Buch.
Wer hofft, mit einfachen Tricks sofort bessere Ramen zu kochen, wird hier nicht enttäuscht – aber auch nicht mit falschen Versprechen abgespeist. Anderson ist ehrlich über den Aufwand. Eine gute Brühe braucht Zeit, manche Zutaten sind nicht im nächsten Supermarkt zu finden, und selbstgemachte Nudeln verlangen idealerweise eine elektrische Nudelmaschine. Gleichzeitig zeigt er, wo man sinnvoll abkürzen kann. Das Ergebnis – auch ein halbwegs umgesetztes – ist geschmacklich deutlich mehr als alles, was aus dem Packerl kommt.
Nicht nur klassisch
Neben den Grundlagen und klassischen Rezepten – Tonkotsu, Miso, Shoyu – gibt es ein Kapitel das Anderson typisch ist: „Nicht ganz Ramen“. Hier erfindet er Gerichte, die mit den Bestandteilen von Ramen spielen, ohne selbst welche zu sein. Ramen-Caesar-Salad, Würstchen im Ramenteig, ein Ragù mit Ramen-Nudeln. Das ist keine Spielerei um der Spielerei willen, sondern logische Konsequenz seiner Grundthese: Wenn Ramen-Kultur auf Kreativität und Grenzüberschreitung basiert, sollte das Kochbuch das auch zeigen.
Optisch ist das Buch ein Statement. Das Layout ist aufwändig und grafisch durchgestylt – eher Magazin als Küchenratgeber. Die Rezepttitel erscheinen auf Deutsch und in japanischen Schriftzeichen, Kanji und Hiragana wechseln sich mit fettem Lettering ab. Die Fotos reichen von klassisch appetitlichen Aufnahmen bis zu konzeptionell-skulpturalen Lebensmittelbildern. Man merkt, dass hier jemand ein Objekt machen wollte, nicht nur ein Werkzeug.
Fazit
Ramen Forever ist kein Buch für einen entspannten Kochabend unter der Woche. Es ist ein Buch für alle, die verstehen wollen, warum Ramen so funktionieren, wie sie funktionieren – und die bereit sind, Zeit und ein bisschen Recherche in die Zutaten zu investieren. Anderson macht das Thema zugänglich, ohne es zu vereinfachen. Wer einmal wirklich selbst gekocht hat, wird das Packerl danach mit anderen Augen sehen.

Ramen forever
90 japanische Soulfood-Rezepte
von Tim Anderson
südwest Verlag
224 Seiten, Deutsch, gebundene Ausgabe
€ 35,–
Disclaimer: Wir bekommen für die Artikel keine Bezahlung und verdienen auch nichts an Affiliate-Links. Aber wir unterstützen gerne den lokalen Buchhandel und empfehlen, nicht bei Amazon zu kaufen.