Avant / Après: Die haarige Angelegenheit von Männerfreundschaften
„Turkish Hairlines“ ist ein Begriff, der bereits voll und ganz im Sprachgebrauch verwendet wird. So zieht es auch die zwei Protagonisten in Avant / Après nach Istanbul, um etwas gegen die Entwicklung ihrer Glatzen zu unternehmen. Aber sind sie dabei wirklich nur auf der Suche nach neuer Haarpracht? Oder liegt doch mehr dahinter?
Jérémy und Baptiste sind um die dreißig und lernen sich zufällig kennen. Sie verbindet der Wunsch, ihre immer größer werdenden Geheimratsecken wieder loszuwerden, um mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen. Avant / Après (Vorher / Nachher) erzählt dabei in ruhigen, fast dokumentarischen Szenen viel Zwischenmenschliches, das zu keiner Zeit aufgesetzt wirkt. Und während die Handlung unglaublich einfach erscheint, steckt doch so viel mehr hinter einem so banal wirkenden Wunsch wie vollem Haar.
Wie würdest du mich beschreiben?
Der eine schläft normalerweise in seinem Auto, der andere trampt zum Haus seines Vaters, in dem es nicht wirklich Strom gibt. So lernen sich Jérémy und Baptiste kennen. Man merkt schnell, dass beiden in ihrem Leben etwas fehlt, auch wenn sie ihre Differenzen haben. Der Regisseur und Autor Manoël Dupont beweist dabei ein sehr genaues Auge für Männerbeziehungen. Vieles bleibt unausgesprochen, schwingt aber im Subtext klar mit. Das Streben nach mehr Selbstbewusstsein wird dabei niemals direkt kommuniziert, aber feinfühlig aufgearbeitet.
„Wie würdest du mich beschreiben?“, fragt Jérémy schon in einer der ersten Szenen. Er erwartet sich einen Kommentar zu seinen Haaren, doch der bleibt ihm verwehrt. Ein erstes Indiz dafür, dass hinter den „Turkish Hairlines“ neben einem gesellschaftlichen Zwang meist noch viel mehr steckt. In einer Welt mit Begriffen wie „Male Loneliness Epidemic“ und noch immer tabuisierten Gefühlswelten von Männern schlägt dieser Film in eine Kerbe, die wohl vor allem für Männer den Nagel auf den Kopf trifft.
Und so machen sich die beiden auf den Weg nach Istanbul, um sich inmitten von Arztbriefings und Sprachschwierigkeiten gegenseitig zu stützen. In den Gesprächsszenen wird dabei wenig geschnitten. Sie wirken unglaublich authentisch, und auch Reaktionen sowie Denkpausen bekommen viel Raum. Diese Dialoge sind erfüllt von peinlicher Rührung, erlernter Höflichkeit und gleichzeitig tiefem Verständnis füreinander.
Der Wunsch nach einem anderen Leben
Die beiden Introvertierten sind dabei ständig auf der Suche – nach etwas, das sie selbst nicht wirklich benennen können. Die handgeführte, begleitende Kamera unterstreicht diese Emotion hervorragend. Das enge Seitenverhältnis verdeutlicht die Enge, die sich breitmacht. Auch türkische Wahlen tauchen immer wieder auf und spiegeln einen großen Wunsch nach Veränderung wider.
Mit ruhigem Schnitt wird auch der Körperlichkeit von Jérémy und Baptiste Raum gegeben. Ein elektronisch zurückhaltender Sound untermalt das Geschehen, und alltägliche Szenen werden zu großen Gefühlsträgern. Erneut beweist Manoël Dupont mit diesen technischen Mitteln viel Empathie für seine Charaktere. Nie wird die Thematik ins Lächerliche gezogen, ohne dabei steif zu wirken. Es gibt auch komische und humorvolle Szenen, die stets aus dem Leben gegriffen erscheinen. Womöglich ist hier vieles improvisiert, was die Authentizität zusätzlich stärkt.
Leider bricht der Film nach seinem emotionalen Höhepunkt gegen Ende recht abrupt ab. Ohne zu spoilern: Es kommt zu einer Wendung in der Geschichte, deren Logik und Hintergrund nicht vollständig aufgelöst werden. Das hinterlässt einen etwas enttäuscht zurück. Alles davor ist jedoch ein großartiges Porträt zweier Männer, die sich nach Bedeutung sehnen und diese auf ihrer Reise vielleicht durch – aber nicht in – einer Haartransplantation finden.
Fazit
Avant / Après ist ein Film, der viel Feingefühl für seine Protagonisten beweist und vor allem durch seinen dokumentarischen Stil große Authentizität vermittelt. Die Schauspieler schaffen es, viel Emotion zwischen den Zeilen zu transportieren, auch wenn das Ende eher enttäuscht und verwirrt zurücklässt.

Avant / Après (Before / After)
Regie: Manoël Dupont
Belgien, 2025, 79 Minuten
Französisch, Englisch, Türkisch, OmEu
Mit Baptiste Leclere, Jérémy Lamblot

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28 april – 03 mai 2026
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