Don’t Let The Sun: Der Wunsch nach Nähe
Die Erde hat sich so weit erwärmt, dass sich das Leben der Menschen in die Nacht verlagert hat. In dieser Welt engagiert die alleinerziehende Mutter von Nika einen Ersatzvater für sie, was für beide neue Emotionen mit sich bringt.
In einer dystopischen Zukunft hat es selbst um 19:00 Uhr noch 49 °C. Untertags ist die Stadt wie ausgestorben, in der die rund achtjährige Nika mit ihrer Mutter lebt. Einen Vater hat sie nicht, denn sie wurde durch künstliche Befruchtung gezeugt. Zur Schule gegangen wird nachts – generell wird dann geschlafen, wenn es draußen hell ist. Denn dann wird die von Asphalt durchzogene Stadt zu heiß, um sich lange draußen aufhalten zu können.
Don’t let it in
Genauso wenig, wie die Menschen in dieser Gesellschaft die Sonne in ihre Räume lassen, lassen sie Gefühle zu. So macht sich schnell Unmut breit, wenn man Nika beobachtet. Sie wirkt gelähmt, traurig und unzufrieden – ein Zustand, den die Mutter verbessern möchte. So kommt sie auf die Idee, einen Ersatzvater in einer Rent-a-Friend-Agentur für sie zu mieten. Jonah wird engagiert und verbringt daraufhin immer mehr Nächte mit der jungen Nika. Dabei wird eines klar: Emotionen zu zeigen ist keine Stärke der beiden. Dialoge sind auf ein Minimum reduziert, Gefühle werden über Blicke erzählt.
Nika sagt, dass sie keinen Vater braucht, und Jonah versucht vergeblich, ihr näherzukommen. Im Laufe des Films wird jedoch langsam klar, dass beide nur auf der Suche nach gegenseitigem Verständnis in dieser so trostlos trockenen Welt sind. So gibt es schöne Szenen, in denen Jonah Nika das Skateboardfahren beibringt oder sie gemeinsam in einer Art Zoo-Geschäft Eulen streicheln.
Don’t let them Cut
Im Schnitt ist der Film ebenfalls maximal minimalistisch. Dialoge sind eher Monologe, auf die gefühlt minutenlange Blicke als Reaktion folgen. Die Bilder zeigen kantige Architektur, die die Menschen in ihren persönlichen Räumen mit Dekoration aufzubrechen versuchen. Das Licht ist im öffentlichen Raum synthetisch, im Privaten warm und geborgen. Frame-in-Frame-Kompositionen zeigen die Enge der Welt, während eine statische Handkamera an den Gefühlswelten der Figuren rüttelt.
Das sorgt für viel Atmosphäre, die jedoch leider nie richtig in Gang kommt. Die Regisseurin kommt eigentlich aus der Doku-Sphäre, schafft es hier aber nicht, lange genug Spannung zwischen ihren Figuren aufzubauen. Die Schauspieler versuchen ihr Bestes, in die kaum vorhandenen Sprechanteile Bedeutung zu legen. Hinzu kommt, dass das Worldbuilding einige Logiklöcher aufweist. Wenn das Grundkonzept ist, dass sich das Leben nur nachts abspielt, warum sind die Straßen einer Großstadt zu dieser Zeit trotzdem immer so leer?
Don’t let them talk
Don’t Let The Sun wird so zu einem Film, der mit seinen Bildern und dem Grundkonzept eine äußerst spannende Basis für eine Geschichte bietet, die sich ganz dem Show-don’t-tell-Prinzip verschreibt. Allerdings wirkt es stellenweise aufgesetzt, wie wenig die Figuren miteinander sprechen. Eine bedrückende Stimmung ist gewollt und wird auch erzeugt, doch die Charakterentwicklung wird über die 100 Minuten hinweg so langsam erzählt, dass sich kaum etwas bewegt. Äußerst schade, wenn doch so viele Ausgangskomponenten so viel Potenzial in sich tragen. Selbst der Soundtrack sei hier noch positiv erwähnt: Xylophonklänge unterstreichen die Bildwelt und verstärken die Empathie, die man für Nika und Jonah entwickeln soll. Und doch möchte man der Leinwand zurufen: Redet doch endlich miteinander!
Fazit
Don’t Let The Sun ist ein Film, der auf konzeptioneller Ebene vieles richtig macht. In seinen knapp zwei Stunden lässt er jedoch viel Potenzial ungenutzt, indem er seinen Figuren realistisches Interagieren verwehrt – obwohl die Schauspieler:innen durchaus Talent mitbringen.

Don’t Let the Sun
Regie: Jacqueline Zünd
100 Minuten, Englisch, OmdU
Mit Levan Gelbakhiani, Maria Pia Pepe

filmfestival linz
28 april – 03 mai 2026
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