Feels like Home?
Ein Film, der von Beginn an unter die Haut geht: Itt érzem magam otthon (Feels like home) entfaltet eine beklemmende Geschichte über Kontrolle, Identität und Zugehörigkeit – intensiv erzählt und nichts für schwache Nerven.
„Hell will freeze over before you will make this film“ – das war die Antwort der ungarischen Filmförderung, erzählte der Drehbuchautor Attila Veres bevor wir in den Genuss des Filmes kamen. Mit diesen Worten tauchten wir voller Spannung in den Eröffnungsfilm ein.
Itt érzem magam otthon (Feels like home) erzählt von den traumatisierenden Erfahrungen von Rita (gesp. von Rozi Lovas). Rita hat ihren Job verloren und wird auf dem Heimweg von der Árpád-Familie gekidnappt. Sie kommt in einem spärlich eingerichteten Raum mit gefesselten Armen wieder zu Bewusstsein. Ihr Entführer ist der Überzeugung, dass sie in Wirklichkeit Szilvi, seine verschwundene Schwerster, ist. Als ein Teil der Árpád-Familie muss sie sich auch anpassen können und wird nach und nach zum „Akzeptanz“ gezwungen. Unterschiedliche Foltermethoden brechen den Widerstand und zwingen Rita dazu, sich „zu erinnern“, wie sie sich als Familienmitglied zu verhalten hat. Nachdem sie diese erzwungene Resozialisierung überlebt bzw. überwunden hat, darf sie die andere Familie kennen lernen.
Papa hat immer recht
Gábor Holtais insziniert mit seinem Langspieldebüt eine absurde Welt, die einen immer mehr in den Bann zieht. Der Film lässt uns in ein gewaltverherrlichendes und patriarchales System eintauchen. Die zentrale Figur des Vaters gibt vor, wie das Leben der einzelnen Familienmitglieder zu sein hat. Er bestimmt, wer die Wohnung verlassen darf, wer welche Kleidung trägt und wer wann und was isst. Widerstand wird in Form von Gewalt bestraft. Ausgeführt wird diese Gewalt entweder vom Vater selbst oder vom Sohn. Schnell wird das Bild vermittelt, Verhaltensweisen wie Gewalt seien vererbbar oder zumindest erlernbar. Ein Ausflug von Rita/ Szilvi nach draußen verbildlicht, wie weit die Macht der Familie geht und wie chancenlos eine Flucht ist.
Endlich erinnere ich mich
Mit jeder Minute im Film kehrt immer mehr Normalität in die Familie ein und es entwickelt sich sowas wie ein Alltag. Nach und nach kommt jedoch auch ein Teil der Wahrheit ans Licht und Rita erkennt eine Möglichkeit, das System zu verändern. Es stellt sich aber schnell auch die Frage, ob sie den eingespielten Alltag verlassen möchte, der zwar ihre Identität klaut, aber immense Sicherheit und Zugehörigkeit bietet. Einen Spoiler zum Ende könnte die genaue Betrachtung der Bedürfnispyramide nach Maslow bieten.
Das Drehbuch stammt zwar schon aus dem Jahr 2021, könnte aber mit der Ungarn-Wahl nicht aktueller sein. Attila Veres spricht im Filmgespräch auch den Wandel im politischen System in seiner Heimat an. Er sieht den Wandel noch etwas kritisch, da er der Meinung ist, dass Personen austauschbar sind und sich das System dahinter nur äußerlich verändert. Um die Wiederholung im anderen Mantel zu verhindern, spricht er von einer Veränderung bei den Personen selbst bzw. zumindest die Bereitschaft dafür. Diese Ansichten finden sich auch im Film wieder.
Fazit
Als Fazit bleibt ein Film, der definitiv fesselt und noch lange nachwirkt – gleichzeitig aber nicht ohne ist und deshalb unbedingt eine Triggerwarnung verdient. Die Geschichte zieht einen rein, lässt wenig Raum zum Durchatmen und konfrontiert mit Themen, die bewusst unangenehm bleiben. Besonders stark wirkt dabei das Spannungsfeld rund um Rita im zweiten Teil: der permanente Kampf zwischen individuellen Bedürfnissen und den Dynamiken innerhalb des Familiensystems. Genau hier drängt sich auch das Zitat von Karl Marx auf – „Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen.“ Es passt erschreckend gut zu dem, was der Film zeigt.
Denn letztlich stellt er eine zentrale Frage: Wie viel Veränderung ist überhaupt möglich, wenn die Menschen selbst nicht bereit sind, sie zuzulassen? Neue Strukturen, neue Führung, neue Ideen – all das bleibt wirkungslos, wenn sich die grundlegenden Haltungen nicht mitbewegen. So wird der Film neben seiner bissigen Autokratie-Kritik auch zu einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit Verantwortung, Veränderung und den Grenzen beider. Ein Publikumshit, der nicht nur unterhält, sondern fordert.

Feels Like Home / Itt érzem magam otthon
Regie: Gábor Holtai, Drehbuch: Attila Veres
Ungarn / Tschechien 2025, 124 Minuten,
Ungarisch, OmeU
Mit Rozi Lovas, Áron Molnár, Dorka Gryllus uvm.

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