Filmstill If Pigeons Turned to Gold
Foto: crossingeurope.at

If pigeons turned to gold, would it even matter?

Pepa Lubojacki erzählt in ihrem Langfilm-Debüt keine Geschichte über Pigeons. Über fünf Jahre hinweg hat sie ihren Bruder in seinem Alltag als Alkoholkranker begleitet. Die Dokumentation bietet dabei ein bedeutendes Porträt über ihren Bruder und die Geschichte ihrer eigenen Familie.

Der am diesjährigen Crossing Europe Film Festival als bester Dokumentarfilm prämierte Film trägt den Titel If Pigeons Turned to Gold (im Original Kdyby se holubi promenili ve zlato). Die Regisseurin Pepa Lubojacki erzählt darin die Geschichte ihrer Familie und porträtiert dabei ihren Bruder David als Hauptcharakter in ihrer ganz persönlichen Geschichte. In ihrem Debütfilm zeigt sie ihrem Publikum eine Realität, über welche ein Großteil der Gesellschaft einfach hinwegblickt. Pepa Lubojacki bietet dadurch denen, die unsichtbar sind, eine Bühne. Die tschechisch-slowakische Produktion hatte auf der Berlinale dieses Jahres Premiere gefeiert und durfte sich auch dort über eine Auszeichnung als Best Documentary und über den Caligari Film Prize freuen. Ob die Dokumentation diese Preise wirklich verdient gewonnen hat, versuche ich euch in den nächsten Zeilen zu erläutern.

I got it from my Dad

Über fünf Jahre hinweg begleitet Pepa Lubojacki ausgewählte Familienmitglieder durch deren Alltag. Allen voran ihr Bruder David und sie selbst stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Persönlich und vielschichtig vermittelt die Regisseurin die von Alkohol, Gewalt und Trauma geprägte Geschichte ihrer Familie. Sie bezeichnet diese Kontinuitäten als „cycle“, der sich über viele Generationen wiederholt und – bewusst überspitzt – seine Opfer fordert.

Im ersten Teil des Films fokussiert sich die Erzählung auf die sympathische und ehrliche Vorstellung der verschiedenen Charaktere. Die Protagonist:innen werden nicht nur zueinander in Relation gestellt, sondern durch sie wird ebenso die Familienvergangenheit sowie die aktuelle Realität der auf der Straße lebenden Personen erläutert. Auf ungewöhnliche und ansprechende Art und Weise werden die wichtigsten Definitionen erklärt, relevante Vergangenheiten geschildert und die wichtigsten Personen vorgestellt. Im Großen und Ganzen gibt dieser Teil den nötigen Kontext, um den weiteren Film verstehen zu können.

Zwischen Identität und Krankheit

Im zweiten Teil werden die zuvor noch lockereren und fröhlicheren Szenen von den Emotionen von Davids „Heilungsprozess“ abgelöst. Hoffnung, Frustration, Zweifel, Liebe und die Sucht dominieren diesen Teil der Geschichte. Es wird betont, dass es sich um eine Krankheit handelt. Um diese unter Kontrolle zu bringen, benötigt es nicht nur viel eigene Kraft, psychisch sowie physisch, sondern auch jemanden, der:die einem zur Seite steht. Für David ist diese Person Pepa. Auch Pepa leidet unter der Krankheit Davids. Mithilfe des Films versucht auch sie, eigene Probleme und Konflikte aufzuarbeiten.

Filmstill If Pigeons Turned to Gold
Foto: crossingeurope.at

Im ersten Moment mag die Beschreibung zur behandelten Thematik so klingen, als wäre es nur eine weitere Dokumentation von vielen. Doch als ich nach dem Film den Saal verlassen hatte, war ich von dieser ganz neuen Art der Vermittlung berührt. Es ist vor allem eine Herangehensweise, mit der ich nicht gerechnet habe. Dieses Sichtbarmachen der (Alkohol-)Sucht als Krankheit, als etwas, dem niemand (so einfach) entkommen kann, setzt die Geschehnisse, die täglich auf der Straße passieren, in Relation und zeigt bestimmte Gegebenheiten auf, über die sich viele wohl nur selten, wenn überhaupt, Gedanken machen. Wie prekär die Lage wirklich ist, wird deutlich, als die Grenzen zwischen Person und Krankheit zusehends verschwimmen.

Social Media Filter, Typo und funky Beats

Dieser Zwischentitel scheint im ersten Moment womöglich etwas irreführend zu dem bereits Gesagten. Doch bilden diese drei Stichworte eine ideale Basis für die Gestaltung. Dazu zählen alte Fotos aus den Kindertagen der Geschwister, welche mit Künstlicher Intelligenz (KI) zum Sprechen gebracht wurden. Diese Gesichter aus der Vergangenheit erzählen die Geschichten der Vergangenheit – von verstorbenen Familienmitgliedern sowie von guten als auch schlechten Erinnerungen. Große, teilweise verschnörkelte und auf jeden Fall zur Betonung eingesetzte typografische Elemente verleihen manchen Teilen das Gefühl eines frühen YouTube-Clips. Gepaart mit den bewusst eingesetzten Hip-Hop- und Rap-Songs ergibt sich in Teilen eine Ästhetik, die an Musikvideos erinnert. Vor allem in der ersten Hälfte der Dokumentation dominiert diese unterhaltende und lockerere Bildsprache.

Filmstill If Pigeons Turned to Gold
Foto: crossingeurope.at

Ein Zuhause ist eine wichtige Komponente des Films. Zuhause als ein Ort, an dem jede Person einen Platz findet, um zu bleiben. Das spiegelt sich auch in den verschiedenen Drehorten und Szenenbildern wider: in der Wohnung von Pepa, in dem Unterschlupf von David, auf den Kinderfotos der beiden usw. Dadurch bietet sich eine Gelegenheit, die gezeigten Personen authentisch und wirklich zu zeigen, nichts verschönern zu müssen und nicht zu dramatisieren.

Ehrlich und unverschleiert werden die Dinge als solche angesprochen, als die sie sind. Als David zu Pepa sagt: „It’s only the streets“, als er seine damalige Wohnung verliert, zeigt beispielhaft wie die Fakten ohne Scham und Tabu gezeigt werden. Mitunter aus diesem Grund kann eine Geschichte wie diese erzählt werden. Eine Geschichte, die einerseits Aufklärungsarbeit leistet und zeigt, dass Sucht eine Krankheit ist. Andererseits verdeutlicht, was es heißt, obdachlos zu sein, und welche Herausforderungen ein solches Leben mit sich bringt.

Fazit

Dieser Film hat mich überrascht und hat ohne Zweifel den diesjährigen Crossing Europe Social Awareness Award für die beste Dokumentation verdient. Bereits im Frühjahr in Berlin durch den Documentary Award und den Caligari Film Prize bei der Berlinale ausgezeichnet, zeigt sich in If Pigeons Turned to Gold, dass auch Obdachlosigkeit und Sucht in einer Art und Weise unterhaltend gestaltet werden können und trotzdem seriös bleiben.

Dieser Film ist trotz der einfach verständlichen Aufbereitung keine leichte Lektüre. Aufgrund der bedrückenden Thematik und der persönlichen sowie berührenden Umsetzung durch Pepa Lubojacki bietet diese Dokumentation einen Einblick in eine Parallelwelt. Es ist eine Welt, der vielen von uns womöglich täglich aus dem Weg gehen. Es ist nicht nur der Einblick in eine Familiengeschichte, sondern in ein größeres und viel komplexeres Thema. Gerne würde ich hier eine Empfehlung an alle aussprechen. Egal ob Alkoholkonsum oder Obdachlosigkeit ein Teil der eigenen Realität ist oder es keine Berührungen zu dieser Thematik gibt. Diese Empfehlung ist jedoch nicht ohne eine vorsichtige Warnung und einen Verweis auf die Content-Notes des Films auszusprechen.


If Pigeons Turned to Gold

Regie: Pepa Lubojacki

Tschechien/Slowakei 2026
110 Minuten, Tschechisch/Englisch OmeU

www.ifpigeonsturnedtogold.com


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