Le Bambine / Mosquitoes – Freundschaft, Freiheit und Anderssein
Mit Le Bambine / Mosquitoes erzählen Valentina Bertani und Nicole Bertani die Geschichte zweier Schwestern, die einen Sommer zwischen kindlicher Neugier und familiären Spannungen erleben. Im Mittelpunkt stehen Azzurra und Marta sowie die zugezogene Linda, deren Blick die Handlung prägt.
Der Film entfaltet seine Geschichte ruhig, fast beobachtend. Im Mittelpunkt stehen drei junge Mädchen, deren Alltag zwischen kindlicher Unbeschwertheit und subtiler Verunsicherung schwankt. Ohne große dramatische Zuspitzung entwickelt sich ein sensibles Porträt familiärer Beziehungen, in dem unausgesprochene Konflikte und fragile Bindungen sichtbar werden. Besonders beeindruckend ist, wie die Kamera die Welt der Kinder einfängt – auf Augenhöhe, ohne zu bewerten.
Zwischen kindlicher Wahrnehmung und familiärer Realität
Moskitos sind klein, laut und tauchen genau dann auf, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann – einen Vergleich, den auch die präpubertären Schwestern Azzurra und Marta sowie die aus der Schweiz zugezogene Linda immer wieder zu hören bekommen. Wir befinden uns im Sommer 1997 in Ferrara: eine Zeit voller Hitze, Eis und scheinbar endloser Tage, in denen die drei Mädchen durch Straßen und Felder streifen. In ihren intensivsten Momenten scheint sogar geheimnisvoller blauer Glitzer durch die Luft zu tanzen – ein Hauch von Magie in ihrem Alltag. Gemeinsam nennen sie sich „Le Zanzare“ – die Moskitos – als Symbol ihres wilden, widerständigen Kindseins.
Doch dieser Unbeschwertheit steht eine andere Realität gegenüber. Zuhause warten emotionale Leere, distanzierte Eltern und einengende Nachbarschaften. Während Azzurra und Marta mit der emotionalen und oft auch physischen Abwesenheit ihrer Eltern umgehen müssen, wächst Linda bei einer sehr impulsiven hedonistischen Mutter auf, von der sie vernachlässigt wird. Die Mutter von Azzurra und Marta ist entweder bei der Arbeit im Krankenhaus oder widmet sich ihrem Hobby – dem Anfertigen von Porzellanpuppen. Der Vater, ohne Namen, ist vor allem rauchend und schweigend anwesend im Film. Die Mutter von Linda hingegen verbringt ihre Zeit damit, Partys zu feiern und Drogen zu konsumieren, und wirkt mehr Kind als ihre 9-jährige Tochter. Linda übernimmt fast so etwas wie eine Mutterrolle ihrer eigenen Mutter gegenüber.
Thematisch bewegt sich das Werk im Spannungsfeld von Familie, Veränderung und emotionaler Unsicherheit. Die Regisseurinnen behandeln diese Themen mit großer Sensibilität. Es geht weniger um konkrete Konflikte als um Stimmungen und Wahrnehmungen: Wie fühlen sich Kinder, wenn sich die Dynamik innerhalb der Familie verschiebt? Diese Frage durchzieht den gesamten Film. Ein herausragendes Merkmal von Le Bambine/Mosquitoes sind die außergewöhnlichen Leistungen der Kinderdarstellerinnen. Ihre Natürlichkeit verleiht dem Film eine Authentizität, die man selten sieht.
Foto: Ines Mayer / subtext.at
Carlino
Die Figur Carlino, gespielt von Milutin Dapčević, ist besonders interessant. Er ist ein queerer Babysitter der Schwestern Azzurra und Marta. Carlino ist dabei das Gegenstück zu den anderen Erwachsenen im Film. Während die anderen egoistisch, überfordert oder emotional abwesend erscheinen, ist Carlino einer der wenigen Menschen, die den Kindern tatsächlich Aufmerksamkeit schenken. Dadurch wirkt er fast wie ein Gegenpol zu den dysfunktionalen Elternfiguren.
Milutin Dapčević war auch als Filmgast beim Crossing Europe anwesend und erzählte im Q&A vom Dreh. Er betonte die wunderbare Arbeit mit den drei Kinderdarstellerinnen und dass es für ihn ein ganz besonderer Prozess war. Es gab mehrere Treffen im Vorfeld, bei denen er und die Kinder sich kennenlernen konnten und – fast wie im Film dargestellt wurde – sie zu einer Familie zusammengewachsen sind.
Fazit
Le Bambine / Mosquitoes ist kein Film für schnelle Unterhaltung, sondern ein sensibles, künstlerisch anspruchsvolles Werk. Die Kombination aus feinfühligem Thema, beeindruckenden Kinderdarstellerinnen und einer durchdachten visuellen Gestaltung macht dieses Werk zu einem besonderen Film, den man nicht verpassen sollte.

Le bambine / mosquitoes
Regie: Valentina Bertani, Nicole Bertani
Italien/Schweiz, 2025
110 Minuten, Italienisch, OmeU
Mit Mia Ferricelli, Agnese Scazza, Petra Scheggia, Clara Tramontano, Milutin Dapčević, Jessica Piccolo Valerani, Cristina Donadio, Matteo Martari

filmfestival linz
28 april – 03 mai 2026
www.crossingeurope.at
Alle Artikel unter subtext.at/crossing-europe