Nicole List: Angst vor Männern

Nicole Lists „Angst vor Männern“ ist ein persönlicher und zugleich gesellschaftlich relevanter Text über weibliche Angst im Alltag. Die Autorin verbindet eigene Erfahrungen mit strukturellen Beobachtungen. Sie schafft so einen eindringlichen Zugang zu einem Thema, das oft verdrängt wird.

Als Mitglied des Feministischen Buchclubs in Linz setze ich mich viel mit feministischer Literatur auseinander. Wir treffen uns alle zwei Monate, um über ein Buch zu sprechen. Vor ein paar Monaten wurde das Buch „Mit Männern leben – Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ von Manon Garcia behandelt. Dieses Buch hat uns alle tief erschüttert, vor allem in Bezug darauf, welchen Männern in unserer Gesellschaft man eigentlich noch vertrauen kann und dass man als Frau wieder mit mehr Angst im öffentlichen und privaten Raum konfrontiert ist.

Beim Hören des Podcasts „Große Töchter“ von Beatrice Frasl bin ich auf das Buch „Angst vor Männern“ von Nicole List gestoßen. In der Podcast-Folge 129 spricht sie über ihr literarisches Werk. Auf 135 Seiten erzählt Nicole List ihre persönliche Geschichte zur Angst vor Männern. Das Buch enthält ihre eigenen Erfahrungsberichte mit verbaler, körperlicher, psychischer, struktureller und sexualisierter Gewalt, gepaart mit statistischen Fakten zu Gewalt gegen Frauen.

„Ich habe nicht aufgehört, an die Liebe zu glauben – ich habe nur aufgehört zu glauben, dass Liebe zu Männern ungefährlich ist.“

Dass sie Angst vor Männern hat, bemerkt Nicole List das erste Mal so richtig, als sie in der Arbeit ein Paket ohne Absender*in bekommt. Sie denkt sofort, dass dies eine Briefbombe oder Ähnliches ist, und geht davon aus, dass dieses von einem Mann stammt. Warum? Sie merkt, dass sie jegliche Art von Gewalt in ihrem Leben immer durch einen Mann erfahren hat. Körperlich, psychisch, sexuell, ökonomisch oder strukturell. Alle zwei bis drei Tage kommt eine Frau in Deutschland durch einen Femizid zu Tode. Alle neun bis 15 Tage in Österreich.

Fragen stellen

Nicole Liste interagiert mit ihren Leser*innen, indem sie zum Beispiel Fragen stellt wie: Haben Sie Ihren Haustürschlüssel schon einmal sichtbar zwischen die Finger geklemmt, um ihn nachts auf dem Heimweg als mögliche Waffe zu nutzen? Haben Sie so getan, als würden Sie Musik hören, um das Angesprochen-Werden abzuwehren? Haben Sie Ihren Live-Standort mit Freund:innen geteilt, bis Sie sicher zu Hause waren? Die Autorin weist dann darauf hin, dass Personen, die alle diese Fragen mit Ja beantworten, Cis-Frauen, nonbinäre oder Transpersonen sind. Personen, die diese Fragen mit Nein beantworten, sind in den meisten Fällen Cis-Männer. Mit solchen Beispielen verdeutlicht sie immer wieder, in welch unterschiedlichen Welten sich FLINTA*-Personen im Gegensatz zu cis-Männern bewegen. In einer Welt voller Angst.

Heterofatalismus und Freund*innenschaften

Ein zentrales Thema des Buches ist auch der Hinweis auf den sogenannten Heterofatalismus. Das ist die Vorstellung, dass heterosexuelle Beziehungen Frauen oft eher enttäuschen, belasten oder einschränken, obwohl sie gesellschaftlich als „normal“ oder erstrebenswert gelten. Nicole List hinterfragt traditionelle Rollenbilder kritisch und zeigt, wie tief diese Erwartungen in Beziehungen verankert sind. Dadurch regt das Buch dazu an, über Liebe, Partnerschaft und Abhängigkeiten neu nachzudenken.

Gleichzeitig hebt die Autorin die Bedeutung von Freund*innenschaften hervor. Freundschaften zwischen Frauen werden im Buch als wichtiger Ort von Unterstützung, Verständnis und Sicherheit dargestellt. Während romantische Beziehungen oft mit Druck oder Unsicherheiten verbunden sind, erscheinen Freund*innen als Menschen, die Halt geben und echte emotionale Nähe ermöglichen. Gerade dieser Fokus macht das Buch nicht nur kritisch, sondern auch stärkend und hoffnungsvoll.

Wen dieses Thema noch ausführlicher interessiert: Lest das aktuelle Buch von Beatrice Frasl: Entromantisiert euch! ein Weckruf.

Not all men, but always men

Abschließend zeigt „Angst vor Männern“ von Nicole List eindringlich, dass die Angst vieler FLINTA*-Personen keine individuelle Überempfindlichkeit ist, sondern auf realen Erfahrungen und gesellschaftlichen Strukturen basiert. Das Buch macht sichtbar, wie tief Gewalt, Unsicherheit und Anpassung im Alltag von Frauen verankert sind. Oft auf eine Weise, die von vielen Männern gar nicht wahrgenommen wird. Gleichzeitig schafft Nicole List mit ihrer Offenheit einen Raum, in dem sich viele Leser*innen verstanden und weniger allein fühlen können.

Besonders wichtig ist dabei, dass das Buch nicht nur Angst und Ohnmacht thematisiert, sondern auch die Bedeutung von Solidarität, feministischen Perspektiven und Freund*innenschaften hervorhebt. Gerade in einer Gesellschaft, in der Frauen oft zum Schweigen gebracht werden, wird gegenseitige Unterstützung zu einem wichtigen Mittel des Widerstands und der Sicherheit.

„Angst vor Männern“ ist deshalb nicht nur ein persönlicher Erfahrungsbericht, sondern auch ein gesellschaftspolitischer Appell: zuzuhören, hinzusehen und jene Strukturen ernst zu nehmen, die Angst und Gewalt ermöglichen. Denn nur wenn offen über diese Erfahrungen gesprochen wird, kann sich langfristig etwas verändern.


Angst vor Männern

von Nicole List

WASSER Publishing
136 Seiten, Deutsch, gebundene Ausgabe

€ 22,50 – jetzt bestellen


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Kulturfrau // Feministin // Veranstalterin // Konzert-, Kino- und Museumsliebhaberin // Laufen // Wandern