Schläft es?
Sagas und Jons Familienglück scheint mit dem Einzug in das verfallene Haus von Sagas Großmutter in der finnischen Wildnis prädestiniert zu sein. Ein Kind würde dies doch nur komplett machen, oder? Direkt nach der Geburt wird jedoch klar, dass etwas schrecklich falsch ist. Hanna Bergholms „Nightborn“ bringt am Crossing Europe die monströse Frau, besser gesagt die monströse Mutter, auf die große Leinwand.
Saga und Jon ziehen in das renovierungsbedürftige Haus, in dem Saga ihre Sommer bei ihrer Oma verbrachte. Jenseits des mit altem Metall vermüllten Gartens erstreckt sich der Wald. Saga scheint sofort wieder mit ihm verbunden zu sein, auch wenn es ihr früher verboten war, ihn alleine zu durchstreifen. Nachdem das Paar den Wald das erste Mal erkundet hat, ist Saga schwanger. Direkt nach der Geburt gibt es Komplikationen und in Saga beginnt der Verdacht zu wachsen, dass etwas an ihrem Kind Kuura nicht stimmen könnte. Als Jon beginnt, das Schrottmetall aus dem Garten zu entfernen, passieren immer mehr kuriose Dinge. Das kalte Metall tue ihnen weh, es halte sie fern, die Trolle, pflegte die Großmutter zu sagen.
Alles ganz normal – oder doch mystische Machenschaften?
Die Trolle, sie dringen in Sagas neu geschaffene Familie ein, oder waren sie schon immer ein Teil von ihr? Eigentlich geschieht nichts Außergewöhnliches: Sagas neugeborener Sohn schreit, will nicht schlafen, saugt ihre Brust wund. Er ist jedoch absurd stark und scheint mit dem Wald verbunden zu sein. Saga gruselt sich vor ihrem Sohn, nennt ihn „es“, möchte ihm nicht nahe sein, ist überzeugt, dass an dem Kind etwas falsch ist. Insgeheim hegt sie den Gedanken, es könnte ein Troll sein. Ihr Umfeld scheint dies sehr anders wahrzunehmen. Ärzt:innen, Jon, ihre Mutter und Schwester bestehen alle darauf, dass alles völlig normal sei, dass Saga einfach nur erschöpft sei.
Irgendwo zwischen Folklore und Wahnvorstellung ist immer wieder unklar, wie vertrauenswürdig Sagas Perspektive wirklich ist. Wir sehen das Baby durch ihre Augen, durch ihre Wahrnehmung, welche starke Parallelen zu einer postnatalen Depression aufzuwerfen scheint. Der Film arbeitet mit maßlosen Übertreibungen, mit teils überzeichneten Bodyhorror-Elementen in der Darstellung von Sagas Selbstwahrnehmung und des Bilds ihres Kindes. Trotzdem bleibt der Film in den behandelten Momenten genug in der Realität verhaftet, um unheimlich und abstoßend zu sein, jedoch wiederum tiefe Resonanz zu erzielen. Im Grunde werden Phänomene gezeigt, welche allen Eltern bekannt vorkommen. Ihre überspitzte Ausprägung ruft ein intensives Unwohlsein hervor und lässt daran zweifeln, ob Kuura nicht doch ein mystisches Wesen ist.
die monströse Mutter
Im Aufziehen von Kuura wandelt sich auch Saga, oder besser gesagt, es offenbaren sich zuvor schlummernde Seiten an ihr. Je mehr sie davon überzeugt ist, dass Kuura ein Troll ist, kommt ebenfalls in ihr etwas Monströses hervor. Nicht nur ihr Wesen, auch ihr Körper wandelt sich, ihr wachsen an seltsamen Stellen Haare, ihre Nägel sind dunkel und brüchig wie die Klauen eines Trolls. Sie beginnt, wie ihr Kind, wild zu schreien und rohes Fleisch zu verspeisen.
Wenn die Bindung zwischen einer Mutter und ihrem Kind nicht genauen Vorstellungen von untrennbarer Nähe, auf körperlicher wie auch auf emotionaler Ebene, oder bedingungsloser, aufopfernder Liebe entspricht, gilt die Mutter als Monster. Symptome postnataler Depression oder kompliziertere Beziehungen zum eigenen Kind, vor allem kurz nach der Geburt, werden oft als ein inhärentes Versagen an einer scheinbar naturgegebenen Mutterrolle betrachtet. Auch wenn sie ihr Bestes versucht, hat die Mutter am Ende des Tages für alles die Schuld zu tragen. Diese vielschichtige und komplexe Beleuchtung von Mutterschaft bedrängt, der Film weiß jedoch, in den richtigen Momenten auf bitterböse, schwarze Satire zu setzen. Ebendiese komplementieren die präzise angestellten Beobachtungen und machen diese 92 Minuten zu einem Gänsehaut erzeugenden Kinoerlebnis.
Fazit
Den Fragen, was man alles für die Kinder gibt, welchem Bild man als Eltern entsprechen will (oder muss) und unter welchem Druck vor allem Mütter wirklich stehen, ist diese Horrorparabel gewidmet. „Nightborn“ ist ein äußerst gelungener und empfehlenswerter Film, der einem nicht nur aufgrund seiner fantastisch-gruseligen Elemente lange nachhängt.

Yön Lapsi/Nightborn
Regie: Hanna Bergholm
Mit Seidi Haarla und Rupert Grint
Finnland/Italien/Frankreich/Großbritannien, 2026
Finnisch/Englisch, 92 Minuten, Ome&dU

filmfestival linz
28 april – 03 mai 2026
www.crossingeurope.at
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