The Town That Drove Away: Eine Stadt, die verschwindet
Es ist das Ilisu-Dammprojekt, das die Menschen in Hasankeyf dazu zwingt, ihr Zuhause aufzugeben. Natalia Pietsch und Grzegorz Piekarski porträtieren in „The Town that Drove Away“ den Widerstand unterschiedlicher Menschen, die sich weigern, ihre Heimat zu verlassen.
Der Dokumentarfilm bleibt dabei ruhig und subtil. Die Ungerechtigkeit, die die Menschen erleben, rückt zunächst in den Hintergrund. Stattdessen wird man langsam in ihre Welt eingeführt. Mit langsamen Bildern, gefühlvollen Aufnahmen und einem feinen Gespür für die Bewohner*innen entsteht eine Erzählung, die lange nachklingt und zugleich Einblicke in kurdische und türkische Lebensweisen und Identitäten gibt.

Zwischen Ausharren und Abriss
Es sind vor allem die Gespräche mit einem Friseur, die im Gedächtnis bleiben. Er gehört zu den Stursten, weigert sich zu gehen, während um seinen Laden herum immer mehr Gebäude verschwinden. Schritt für Schritt wird alles abgerissen, die Stadt leert sich sichtbar. Selbst die Stromversorgung wird nach und nach eingestellt, sodass die wenigen verbliebenen Familien unter immer schwierigeren Bedingungen leben.
Der Friseur wird so zu einem Symbol, für die Stadt selbst und für diejenigen, die bleiben. Gleichzeitig zeigt der Film die Menschen, die bereits gegangen sind oder gehen mussten. Sie ziehen nur wenige Kilometer weiter in eine „Neustadt“, geprägt von gleichförmigen Apartmentblöcken.
„The Town that Drove Away“ wirkt dabei oft unspektakulär, fast ruhig. Doch genau darin liegt seine Stärke, die emotionale Wirkung entfaltet sich langsam. Mit der Zeit überträgt sich die Erschütterung und Verzweiflung über die Leinwand. Immer wieder ist man erstaunt, wie die zwei polnischen Regisseur*innen ein Gespür für die Region entwickelt haben, die sie ursprünglich als Tourist*innen entdeckt haben. In manchen Momenten fehlt der Dokumentation jedoch der letzte Schritt, um ein vollends eindrückliches Bild abzugeben. Die Hintergründe und auch die politische Unterdrückung der Menschen in Hasankeyf werden vielleicht gerade wegen der politischen Repression zu unklar dargestellt. Anstatt einer bloßen Beobachtung wäre in einigen Momenten auch eine deutlichere Einordnung notwendig gewesen
Gemeinschaften, die zerissen werden
Der Film erzählt nicht nur die Geschichte von Hasankeyf, sondern stellt auch eine größere Frage: Was passiert, wenn Nachbarschaften und Gemeinschaften auseinandergerissen und an einem neuen Ort wieder zusammengesetzt werden?
In Hasankeyf lebten kurdisch und arabischsprachige Menschen über lange Zeit zusammen. Diese gewachsenen Strukturen werden durch die Umsiedlung aufgebrochen. Die Dokumentation greift dies sensibel auf und zeigt, wie schwierig es ist, Gemeinschaft einfach neu zu organisieren. Auch die teils absurden Regulierungen rund um die Umsiedlung und die bürokratischen Hürden werden immer wieder sichtbar gemacht.
Fazit
Am Ende bleibt vor allem die Verzweiflung der Menschen. Die Trauer darüber, die eigene Heimat zu verlieren, eine Heimat, die unter Wasser verschwindet. „The Town that Drove Away“ macht auf eindringliche Weise spürbar, was Heimat bedeutet und wie tiefgreifend ihr Verlust ist. Ein wichtiger Dokumentarfilm der die Geschichten und den Widerstand der Menschen von Hasankeyf beleuchtet und festhält.

The Town that Drove Away
Regie: Natalia Pietsch, Grzegorz Piekarski
Polen 2025, color, 70 Minuten
Arabisch / Kurdisch / Türkisch, OmeU

filmfestival linz
28 april – 03 mai 2026
www.crossingeurope.at
Alle Artikel unter subtext.at/crossing-europe