Vienna Shorts 2026: Roh und radikal
Eine Abtreibungsparty, verbotene Liebe im Iran, Machtmissbrauch, Monster der Dunkelheit und ein feministisches Rap-Musical: Das Programm „Roh und radikal“ rückt weibliche Perspektiven in den Mittelpunkt. Die fünf Filme erzählen von Widerstand, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Zwängen – intensiv, experimentell und kompromisslos.
Das von Doris Bauer und Marija Milovanovic kuratierte Programm Roh & Radikal zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig zeitgenössisches Kino sein kann. Die Filme aus der Wettbewerbssektion Fiction und Documentary überzeugen mit starken Themen, experimentellen Ansätzen und einer beeindruckenden Bildsprache. Vielfalt und der Mut zu ungewöhnlichen Erzählformen machen das Programm besonders spannend.
Abortion Party – Julia Mellen (Spanien 2025)
Julia Mellen sitzt vor ihrer Webcam. Mit 20 wird sie zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ungewollt schwanger und entscheidet sich abermals für eine Abtreibung. In ihrem Kurzfilm erzählt sie die skurrile Geschichte hinter ihrer Abtreibungs-Party. Untermalt wird das Ganze von witzigen 3D-Animationen. In ihrem Monolog geht sie dabei humorvoll auf Details ein. Wie verhält man sich auf einer Abtreibungsparty? Was ist eine korrekte Abortion-Party-Etiquette? Die Sprache ist sehr Gen-Z: sarkastisch und direkt. Mit ihrer lockeren und selbstverständlichen Sprechweise schafft sie es, das Thema Abtreibung zu enttabuisieren. Der Film ist ein klares Statement für Pro-Choice und in Zeiten wie diesen wichtiger denn je.

گلهای شب ِدریا – Maryam Tafakory (Iran/Vereinigtes Königreich/Frankreich 2025)
گلهای شب ِدریا, übersetzt „Daria’s Night Flowers“, handelt von Daria, einer iranischen Autorin. In ihrem ersten Manuskript schreibt sie über die Liebe zur geheimnisvollen Abi. Als ihr Umfeld, allen voran ihr Mann, davon Wind bekommt, reagiert er mit Eifersucht, Kontrolle und Verfolgung. Daria muss in psychiatrische Behandlung und mit Medikamenten wird versucht, gegen die verbotene Liebe vorzugehen. Für Daria ist die Situation ausweglos. Eine Möglichkeit einer Scheidung gibt es nicht. Sie hat Fantasien von Befreiung und Rache.
Die Bildsprache des Films ist stark von surrealen und symbolischen Elementen geprägt. Durch Bildüberlagerungen entsteht eine traumhafte Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie zunehmend verschwimmen. Wiederkehrende Pflanzenzeichnungen aus Enzyklopädien, insbesondere Darstellungen der Belladonna, verweisen auf Sehnsucht, Widerstand und die verschwimmende Grenze zwischen Heilung und Zerstörung. Darias Manuskript beginnt, die Wirklichkeit zu durchdringen, während die Wirklichkeit selbst immer unwirklicher erscheint. Der Film wird zu einer poetischen Erzählung über unterdrückte Liebe, gesellschaftliche Kontrolle und die Suche nach einem Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Existenz.
The creature of darkness – Ray Whitaker, Lisa Malloy (2026)
In einer Gegend namens Little Egypt im Shawnee National Forest campen drei Teenagerinnen mit ihrem Onkel. Am Lagerfeuer, umgeben von imposanten Sandsteinfelsformationen und Höhlenmalereien, erzählt er ihnen vom „Monster der Dunkelheit“ und nimmt sie mit auf eine Reise in die dunkle Vergangenheit der Region. Die Underground Railroad war das geheime Netzwerk, das entflohenen Sklaven auf ihrer Flucht in die Nordstaaten oder nach Kanada half. Im Süden von Illinois spielte der Shawnee National Forest dabei eine historische Schlüsselrolle als wichtiges Durchgangsgebiet und Zufluchtsort.
Die Bildsprache des Films ist surreal und gruselig und geprägt von symbolischen Elementen. Das Sounddesign ist sehr detailliert und trägt stark zur Atmosphäre bei.
Die Schatten des Rassismus reichen bis in die Gegenwart und prägen weiterhin Wahrnehmungen, Körper und Lebenswelten. Horror, Mythologie und historische Reflexion verbinden sich so zu einer filmischen Reise durch die Landschaft des amerikanischen Mittleren Westens – und durch die Gespenster einer Geschichte, die noch nicht vergangen ist.
Ponto Cego – Luciana Vieira, Marcel Beltrán (Brasilien 2025)
Der brasilianische Film Ponto Cego (Blindspot) handelt von der Ingenieurin Marta, die im Hafen von Fortaleza arbeitet und sich um das dortige Überwachungssystem kümmert. Trotz ihrer Qualifikationen wird sie in ihrer Rolle von ihren männlichen Kollegen nicht wirklich ernst genommen. Tagtäglich muss sie sich mit anzüglichen Kommentaren, Kosenamen und Missachtung persönlicher Grenzen herumschlagen. Mit diesen Erfahrungen ist sie auch längst nicht allein. In der Pause scherzen sie und ihre Kolleginnen über ihre Erlebnisse. Aber die Situation ist aussichtslos, mit HR zu sprechen bringe ohnehin keine Veränderung. So bleiben sie still und ihre Probleme gehen im Lärm des Hafens unter. Eine Vergewaltigung bringt jedoch das Fass zum Überlaufen. Marta ist nun nicht mehr leise. Ob sie gehört wird und ob es Konsequenzen für den Täter gibt, bleibt offen.
Mit der Protagonistin unterwegs im dunklen Hafen, fühlt man ein ungutes Gefühl. Der Film zeigt nur allzu realistisch, was Frau sein für viele bedeutet: nicht ernst genommen werden. Dabei vieles indirekt, subtil, Dinge. Klare Message: nicht länger leise sein.
Orla – Marie Lukacova (Tschechien 2026)
Orla ist ein modernes Märchen. In drei Akten wird die Geschichte von Jasna erzählt. Im Hofstaat des Tyrannen Volk ist sie ganz unten in der Hierarchie. Schon seit ihrer Kindheit hat sie einen starken Gerechtigkeitssinn und so traut sie sich als einzige, die Missstände im Reich gegenüber dem König anzusprechen. Sein Versuch, sie aufgrund ihrer Aufmüpfigkeit zu Tode zu verurteilen, scheitert an der Rechtslage. So schickt er Jasna mit einer Aufgabe in die weite Welt.
Auf ihrer Reise bemerkt Jasna, wie hemmungslos der König die Natur für seinen eigenen Profit zerstört. Durch die Fabelwesen des Zauberwalds erkennt sie außerdem, dass sie in eine Falle des Königs geraten ist. Sie übernimmt daraufhin eine neue Aufgabe: den Herrscher zu stürzen, um eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
In Orla trifft moderner Style – Tattoos und bunte Haare – auf märchenhafte Ästhetik. Catchy Songs mit Ohrwurmgarantie, Animationen und Special Effects verbinden sich mit klassischen Märchenelementen. Es stehen jedoch keine männlichen Retterfiguren im Mittelpunkt. Stattdessen ist Orla ein sehenswertes feministisches Öko-Rap-Musical-Märchen.


26 mai – 31 mai 2026
viennashorts.com
