Nova Rock 2026: Vertraut wie der Staub
Seit zehn Jahren sage ich vor jedem Nova Rock denselben Satz. “Das ist das beste Line-up, das es jemals gab.” In meiner Gruppe ist das längst ein Running Gag, und irgendwie hatte ich bisher auch immer recht… zumindest in dem Moment, in dem die ersten Bandwellen rauskamen. Dieses Jahr war es anders.
Ich habe das Plakat gesehen, die großen Namen gelesen und The Offspring, Volbeat, Iron Maiden gemerkt: Der Satz kommt diesmal nicht. Vieles klang nach Wiedersehen statt Entdeckung. Nach Bands, die man kennt, schätzt oder sogar liebt, aber eben auch schon gesehen hat, teilweise mehrmals. Keine echte Überraschung, kein nervöses Hinfiebern. Ich war, ehrlich gesagt, ein bisschen enttäuscht.
Ein Line-up wie ein Wiedersehen
Und dann saß ich im Auto, drei Stunden Richtung Nickelsdorf, und merkte, wie sich diese Enttäuschung in etwas anderes verwandelte. Vorfreude. Aber nicht die aufgeregte Sorte, die man hat, wenn man eine Band zum ersten Mal sieht und nicht weiß, was kommt. Sondern die ruhige Variante: Ich wusste relativ genau, was auf mich zukommt. Bei sehr vielen Bands hatte ich schon ein Gefühl im Bauch, weil ich sie kenne, weil ich weiß, wie sie sich anfühlen. Es war ein bisschen wie das jährliche „Herr der Ringe“-Wochenende, bei dem man jede Szene auswendig mitsprechen kann und sich trotzdem, oder gerade deswegen, darauf freut. Man schaut nicht, weil man gespannt ist, wie es ausgeht. Man schaut, um das Gefühl von damals noch einmal zu spüren.
Vorhersehbar, aber genau richtig
Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich: Genau das haben dieses Jahr viele gebraucht. Wer nicht komplett unter einem Stein lebt, kriegt mit, was draußen los ist. Kriege, eine Wirtschaft, die ächzt, eine KI, die uns angeblich allen den Job wegnehmen will. Es gibt aktuell genug, worüber man sich den Kopf zerbrechen kann. Und mitten in diesem Lärm wartet das Nova Rock mit einem Line-up auf, das solide und etwas vorhersehbar ist. Und das fühlt sich an wie ein vertrautes Heimkommen. Ob das Absicht war, weiß ich nicht. Aber funktioniert hat es, zumindest bei mir. Man fährt hin, weiß bei vielen Bands ungefähr, wie der Abend wird, und genau diese Sicherheit ist im Moment mehr wert als jede Überraschung.
Vier Tage, drei Bühnen, 215.000 Fans
Ein paar nüchterne Zahlen zum Einordnen: Das Nova Rock 2026 war bereits die 21. Ausgabe und ging von 11. bis 14. Juni über die Pannonia Fields II in Nickelsdorf. Rund 215.000 Fans verteilten sich über die vier Tage, macht etwa 50.000 pro Tag, die sich auf drei Bühnen – Blue, Red und Red Bull Stage – durch knapp 80 Bands hörten. Das Headliner-Quartett bildeten Volbeat am Donnerstag, The Cure am Freitag, Iron Maiden am Samstag und Bring Me The Horizon am Sonntag. Der Freitag mit The Cure war laut Veranstalter der stärkste Besuchertag. Und während wir noch feierten, war die Bilanz von Polizei und Rotem Kreuz bereits eine ausgesprochen ruhige. Das größte Ärgernis blieben, wie so oft, die Diebstähle am Gelände.
Die großen Namen: Routine mit Momenten
Bei den Headlinern hieß das konkret: wenig Neues, aber verlässlich. Volbeat haben zum achten Mal am Nova Rock gespielt, und sie gehören mittlerweile hierher wie der Staub und der Regen. Man kann sie mögen, lieben oder hassen, drumherum kommt man nicht. Standardshow, gefühlt etwas demotiviert gestartet. Keine Überraschungen und trotzdem genau das, was man von ihnen erwartet. Iron Maiden waren im selben Modus unterwegs, nur eben auf einem ganz anderen Niveau: Die Maiden-Show ist um Welten größer, und die Band gefällt mir insgesamt einfach besser. Dass sie mit “Infinite Dreams” einen Song aus dem Hut zogen, den sie seit fast 40 Jahren nicht gespielt haben, war dann doch ein kleiner Moment, der über die Routine hinausging.
The Cure waren für mich die Wundertüte. Ich hatte vorher nie viel mit ihnen am Hut, konnte mit der Musik ehrlich gesagt wenig anfangen. Während des Konzerts hat sich das ein kleines bisschen geändert, aber eben nur ein bisschen. Wahrscheinlich bin ich dafür schlicht zu jung, oder es ist einfach nicht mein Stil. Von einem Headliner erwarte ich mir normalerweise einen bombigen Rausschmeißer. Was The Cure lieferten, war gesanglich makellos, schön, kontrolliert und atmosphärisch, aber für meinen Geschmack eher Ausklang als Abriss.
Den eigentlichen Headliner-Knall gab es am Sonntag mit Bring Me The Horizon. Die waren mit Abstand das Beste aus der Headliner-Riege und auch allgemein muss man sagen. Sie schaffen es, ein Live-Erlebnis mit modernen Mitteln so aufzupumpen, dass man sich fühlt wie mitten in einem Videospiel. Die Kamerafahrten sind atemberaubend, Oli Sykes ist als Frontmann sowieso eine Bombe. Für mich sind BMTH so etwas wie das Linkin Park der Gegenwart (auch wenn Linkin Park ja wieder tourt).
The Cure
Die zweite Reihe spielt groß auf
Die wirklichen Highlights lagen aber woanders. In der ersten Reihe der Red Stage und in der zweiten Reihe insgesamt. Bad Omens, Ice Nine Kills und Sabaton standen als Headliner auf der Red Stage und haben das mit richtig starken Shows gerechtfertigt. Schön zu sehen, wie eine Stage-Hierarchie wächst. Apropos parallele Stages: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys spielten zeitgleich mit Iron Maiden ihren italienischen Schlager-Spaß und haben es tatsächlich geschafft, eine ordentlich gefüllte Stage zu bekommen. Eine solide, lustige Ausweichoption für alle, die nicht zu Maiden wollten, was ich absolut nicht verstehen kann. Das war letztes Jahr beim Linkin-Park-Slot ganz anders, da blieben auf der Gegenseite nur ein paar hundert eingefleischte Cradle Of Filth Fans übrig.
Die zweite Reihe hatte es heuer wirklich in sich. Feine Sahne Fischfilet haben am Donnerstag die Bühne komplett abgerissen. Erwartbar, weil sie das jedes Mal machen. Trotzdem ein Konzert wie ein kollektives Frust-Ablassen für all das, was sich in den letzten Monaten angestaut hat. The Offspring lieferten genau die solide, fitte Show, für die man sie kennt.
Der Frontmann Dexter Holland wirkt auch nach all den Jahren erstaunlich fit. Auch Three Days Grace passten gut in diese Reihe verlässlicher Festivalbands: Große Refrains, viel Druck und ein Auftritt, der live deutlich stärker zündete, als man es auf dem Papier vielleicht erwartet hätte. Besonders charmant waren Tom Morello und Papa Roach, die beide ihre Kinder mit auf die Bühne nahmen, eine Art „Bring deinen Sohn mit zur Arbeit“-Tag. Und man muss sagen: Der Nachwuchs hat den Vätern stellenweise glatt die Show gestohlen. Morello spielte ein Best-of seiner Rage-Hits samt ein paar Covers, Papa Roach rissen wie gewohnt alles ein.
Three Days Grace
Feine Sahne Fischfilet
Tom Morello
The Offspring
A Perfect Circle
Ein echtes Highlight, das ich beinahe unterschlagen hätte, war A Perfect Circle. Das Nebenprojekt von Tool-Sänger Maynard James Keenan, wurde von vielen am Gelände offenbar unterschätzt. Und sie haben eine wirklich starke, präzise Performance abgeliefert. Spannend war die Reaktion drumherum: Erstaunlich wenige kannten die Band überhaupt. Aber kaum hatte ich jemandem gesagt: “Das sind quasi Tool“, waren plötzlich alle am Start. Zugänglicher als Tool, aber kein Stück simpel, genau die Art von Konzert, bei der sich Hinschauen lohnt.
Mehr Farbe in der Szene
Auch erfreulich: Die Szene wird sichtbarer und offener. Acts wie TX2 bringen Themen, Haltung und Publikumsnähe auf die Bühne, in diesem Fall die Red Bull Stage, von denen sich manche etablierte Bands etwas abschauen könnten. Wie die mit dem Publikum umgehen, was für Songs und Texte sie haben, damit stehen sie etablierten Bands in nichts nach. Den Spaß-Slot, den letztes Jahr die Butcher Sisters belegt haben, füllte heuer Mittel Alta mit ihrem Mittelalter-Konzept richtig gut aus: vom Ansatz her ähnlich, einfach mal die Szene durchschütteln und sich selbst nicht zu ernst nehmen.
Alter Bridge und Black Veil Brides
Ein schöner Kontrast waren Alter Bridge und Black Veil Brides. Alter Bridge gehören zum technisch Besten, was die Rockwelt zu bieten hat, und genau so klang es auch. Fast wie eine Studioaufnahme, jedoch mit wenig Publikumsinteraktion. Es war trotzdem eine Riesenfreude, sie endlich mal live zu sehen. Black Veil Brides standen dem komplett gegenüber. Frontmann Andy Biersack mit sehr viel Publikumsinteraktion samt halbem Show-Programm mit kabarettistischen Ansätzen obendrauf. Da ist jedes Mal etwas Neues dabei, da lohnt sich die Live-Show wirklich.
Zwischen Staub, Merch und Veggie-Food
Und dann sind da die Dinge abseits der Bühne, die ein Festival genauso ausmachen. Ich bin seit Jahren Vegetarier, und während ich vor acht Jahren außer Pommes kaum etwas gefunden habe, konnte ich heuer jeden Tag gut und sogar abwechslungsreich essen. Das Merch war das beste und schönste, das das Nova Rock je gesehen hat. Ich habe mir noch nie teures Festival-Merch geleistet. Dieses Jahr lagen plötzlich 85 Euro (trotzdem meiner Meinung nach total überteuert) für einen Hoodie auf der Theke. Und die Logistik: Das Team ist sichtlich eingespielt, die Behörden routiniert, An- und Abreise liefen bei mir reibungslos. Stau gibt es immer ein bisschen, Chaos gab es keines.
Heimkommen statt Überraschung
Ich bin dem Line-up zu Beginn sehr kritisch gegenübergestanden. Am Ende muss ich aber zugeben: Es war ein tolles, rundes Programm und vielleicht genau das Richtige, um einmal abzuschalten aus dieser ziemlich turbulenten Welt. Die Vorhersehbarkeit war kein Mangel, sondern das, was dieses Nova Rock gut funktionieren ließ.
Und 2027 geht es weiter, dann mit Die Ärzte als Headliner der Rückkehr von The Butcher Sisters und Motionless in White. Den Satz vom „besten Line-up aller Zeiten“ spare ich mir vorsichtshalber noch auf.