Mike Skinner alias The Streets beim Konzert im Posthof Linz
Foto: Christoph Leeb

The Streets im Posthof: Verdammter Mike Skinner

Über 20 Jahre nach „A Grand Don’t Come for Free“ bringt Mike Skinner alias The Streets das Konzeptalbum erstmals komplett auf die Bühne. Im Posthof Linz wird daraus fast Theater – mit Bushaltestelle, Bier und britischem Schmäh. Support kam von Wandl, der es schwerer hatte, als er verdient hätte.

Die ersten Bässe wummern, und auf einmal steht der Platz vor der Frischluft-Bühne voll. Vielen im Publikum sieht man an, dass sie schon damals Fans waren, als das Album erschienen ist. Mitten drin lehnt Mike Skinner ganz entspannt in einer grünen Bushaltestelle, Bier in der einen, Mikro in der anderen Hand. Die Haltestelle ist mehr als Deko, man erkennt sofort das Cover seines Konzeptalbums. Während er weiterrappt, schreibt er nebenbei „Mural Harbor“ auf die Scheibe, daneben sein Logo, ein Feuerzeug, und einen großen Smiley. Die Bühne wird zur Leinwand, das Konzert zur kleinen Theaterinszenierung. The Streets ist längst keine One-Man-Show mehr: Vocals, Keys, Gitarre, Bass und Drums begleiten Skinner, der seine Geschichten aus der britischen Arbeiterschicht in seiner typisch ruhigen Art eher rezitiert als rappt.

Wenn der Vorhang doch nicht fällt

Der Abend ist klar zweigeteilt. Im ersten Teil spielt Skinner „A Grand Don’t Come for Free“ von vorne bis hinten durch, ganz so wie es das Album verlangt. Genau nach 50 Minuten: Verbeugung, Applaus, Abgang. Gäbe es einen Vorhang, wäre der jetzt gefallen. Die Show ist aber nicht zu Ende. Jetzt wird’s härter und party-iger: neuere Nummern, mehr Tempo, mehr Schweiß. Nicht nur mehr das „Original Pirate Material“ von früher, auch neue Nummern kommen dazu. Erst jetzt geht Skinner ins Publikum. Anders als beim Lido Sounds 2024, wo er praktisch das ganze Set von dort aus bestritt.

Diesmal versucht er, den größten Dance-Pit der Konzertgeschichte zu erschaffen. Dafür erklärt er dem Publikum live, wie sich sowas anhand von Fläche und Besucherzahl bei Festivals berechnen lässt. Ob alle die Formel kapieren, ist fraglich, mitgemacht wird trotzdem begeistert. Sein Satz „I’m mad and that’s why you paid for a ticket“ bringt am Ende gut auf den Punkt, warum heute so viele alte und neue Fans gekommen sind. Und sie bekommen genau das, wofür sie bezahlt haben.

Wandl

Die neue, höhere Frischluft-Bühne hinter dem Posthof hat spürbar mehr Platz für Technik und Licht. Das merkt man vor allem am wummernden Bass, dem zu Beginn noch kein großes Publikum entgegensteht. Die Schnittmenge zwischen Mike-Skinner-Fans und Wandl-Hörer:innen dürfte überschaubar sein. Optisch wirkt der Auftritt mit Opas zu großem Sakko und blassrosa Overalls wie frisch aus den Achtzigern. Klanglich aber eher nach Soundcloud: atmosphärischer Soundteppich, wabernde Gitarrenriffs, Autotune-Vocoder mit viel Hall. Diese Mischung kannte man hierzulande schon von Bilderbuch im Jahr 2014. Oder Falco, aber der ist mittlerweile auch schon bald 30 Jahre tot.

Wandls neues Album „Karambolage“ ist erst letzte Woche erschienen. Mit „Ich will nicht erwachsen werden, ich will gleichzeitig mit meiner Katze sterben“ bringt der 32-Jährige seine Adoleszenz-für-immer-Attitüde auf den Punkt. Wandl kommt aus dem Umfeld von Dorian Concept, Cid Rim und Crack Ignaz, der Applaus bleibt trotzdem verhalten. Ein Publikum, das auch seinetwegen kommt, hätte er sich verdient. Mit diesem Package-Deal als Support eines Veteranen hat ihm seine Booking-Agentur keinen Gefallen getan.

Fotos: Christoph Leeb

photographer, designer, journalist