„Zwei Typen, zwei Instrumente – sonst nichts“: Manu Delago & Max ZT im Interview
Treffen zwei Ausnahmemusiker aufeinander, entsteht im besten Fall Magie. Bei dem Hang-Virtuosen Manu Delago und dem Hackbrett-Interpreten Max ZT führte das zu einem jahrelangen Dialog zwischen New York und London, der auf ihrem gemeinsamen Album „Deuce“ verewigt wurde. Im Interview sprechen die beiden über ihre symbiotische Zusammenarbeit.
Zwei Typen, zwei Instrumente: Das Werk von Manu Delago und Max ZT lebt von bewusster Reduktion statt klanglicher Überladung. Es ist kein musikalisches Duell, sondern ein Match auf Augenhöhe, das Dynamik, Kontraste und die Grenzen des Vinyl-Zeitlimits auslotet.
Ein Interview mit Manu & Max über die Schönheit des Minimalismus, hypnotische Improvisationen und die Frage, warum organische Kunst eigentlich keine Reibung braucht. Passend zur Tennis-Analogie des Albums findet das Gespräch wie ein Match auf dem Court statt: Beide bekommen abwechselnd eine Frage serviert – dürfen sich dazwischen aber natürlich jederzeit die Bälle zuspielen und reingrätschen. Und am Ende klären wir, wer abseits der Bühne der wahre GOAT auf dem Tennisplatz ist.
subtext.at: Max, bei Manu habe ich vor Jahren festgestellt, dass er von Gegensätzen angezogen wird. Anziehung und Abstoßung zum Beispiel. Seine Songs tragen dann auch Namen wie „Plus Minus“ oder „Between Oil And Water“. Teilst du diese Vorliebe?
Max ZT: In diesen Begriffen habe ich bislang gar nicht gedacht, wenn es um Manus Musik geht. Worüber ich jedoch regelmäßig nachdenke, ist Balance. Das ist wohl am ehesten das, worum es Manu auch geht, wenn man es so betrachten will – eine Parallele. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Komposition einerseits und Improvisation andererseits. Möchte man etwas Innovatives auf die Beine stellen oder doch die Tradition wahren? Es sind stets zwei Seiten, die sich gegenseitig herausfordern. In „Plus“ und „Minus“ habe ich diese Sichtweisen bislang zwar nicht eingeteilt, aber es macht irgendwie Sinn.
subtext.at: Manu, eure Live-Darbietung, wie beispielsweise im Wiener Musikverein, schien genau diese Vorliebe aufzugreifen – laut und leise, Lautstärke und Ruhe, warmes Licht und kaltes Licht. Vor allem Licht und Dunkelheit. War es eine bewusste Entscheidung, eure Live-Performance nach diesem Prinzip der Kontraste zu konzipieren?
Manu Delago: Was meine vorherigen Tourneen anbelangt, hatte ich mehr Abwechslung, was die Instrumente und elektronischen Sounds betrifft. Es standen auch mehr Leute auf der Bühne. Für dieses Projekt haben wir uns selbst die Restriktion auferlegt, dass wirklich nur wir zwei auf der Bühne sind. Zwei Typen, zwei Instrumente – sonst nichts. Natürlich hätte man hier und da noch etwas ergänzen können, doch diese Beschränkung hat uns geholfen, uns ganz auf uns selbst zu fokussieren. Innerhalb dessen, was wir mit dem Hang und dem Hackbrett auf der Bühne darbieten können, wollten wir diesen Kontrastraum voll ausnutzen.
Andernfalls wäre es ziemlich langweilig, wenn wir die ganze Zeit über im selben dynamischen Spektrum bleiben und keine Kontraste zulassen. Zuerst gab es also die Restriktion, aber danach wollten wir so kreativ wie möglich damit umgehen. Wir wollten die lauten Momente ebenso zeigen wie die ganz feinen. Das hält ein Konzert ja überhaupt am Leben – ganz generell. Wenn es zu viel vom selben Vibe gibt, wird es schnell eintönig. Wir wollten bewusst Variationen anbieten, um das Publikum mitzureißen.
Max ZT: Dynamik ist ein gutes Stichwort. Wir lieben es, klanglich Lautes auf Leises folgen zu lassen und umgekehrt. Wir erlauben es uns auch, unsere Rollen innerhalb eines Stückes fließend zu tauschen.
subtext.at: Habt ihr euch diese Limitierung auferlegt, weil ihr sonst dazu neigt, dem Klang mehr und mehr Schichten hinzuzufügen, sodass das Ergebnis verwässert? Weil es einfach zu viel werden kann?
Max ZT: Manchmal kann das passieren, ja. Hier kann ich nur für mich sprechen: Wenn man etwas kreiert, neigt man schon dazu, es ausschmücken zu wollen. Als Musiker hat man ein bestimmtes Gehör und nimmt Dinge wahr, die noch gar nicht im Song enthalten sind. Das kann aufregend sein. Andererseits ist es aber auch oft so, dass man durch eine Limitierung unerwartete Facetten von Schönheit freilegt. Das ist auch die Herausforderung an der ganzen Sache und das, was die Konzerte von Manu und mir so besonders macht.
Es gibt Dinge, die ich ohne diese Limitierung nie so gespielt oder über die ich nie auf diese Art nachgedacht hätte. Gewisse Elemente – egal ob harmonisch oder rhythmisch – haben nur deswegen den Weg auf die Bühne gefunden. Diese Limitierung verhilft eben auch zu Innovation.
Die Regeln des Turniers
subtext.at: Max, weshalb beginnt euer gemeinsames Album „Deuce“ nicht mit dem Titel „Inhale“, wo es doch mit dem Song „Exhale“ aufhört?
Max ZT: Auf der Vinyl-Version ist „Inhale“ der erste Track auf der B-Seite und „Exhale“ der letzte. Darüber haben wir lange nachgedacht. „Inhale“ war ja auch die erste Single. Je mehr wir jedoch über das Album als Ganzes sinniert haben… (überlegt) Manu und ich haben, auch auf der Tour, oft darüber gesprochen, wie viele Störgeräusche von außen und innen im Leben an einen herangetragen werden. Die Welt verharrt irgendwie im Chaos, unser Leben mittendrin, und dazu kommt diese konstante Abhängigkeit von Beschäftigung – all diese sozialen Verrücktheiten, mit denen wir uns tagtäglich umgeben müssen.
Manu kam dann mit der Idee, die Zuhörer erst einmal mit dem reinen Klang der Instrumente vertraut zu machen. Erstmal einen Schritt zurückgehen, sich an den Raum gewöhnen und den Moment auskosten. Deswegen beginnen wir sowohl das Album als auch die Liveshows mit dem gleichen Song: „Draw“. Wir wollen jeden Einzelnen mitnehmen. Luft holen, dem Beat und dem Rhythmus folgen und alles andere vergessen, was da gerade draußen in der Welt vor sich geht. Wir wollen das Publikum einladen, uns zu folgen – auf dem Album wie auch live.
Manu Delago: „Draw“ funktioniert in dieser Hinsicht wie eine Art klangliches Intro. Der Titel greift außerdem erneut die Tennis-Analogie auf. Er legt gewisse Regeln und Runden für das Turnier fest, noch bevor es überhaupt losgeht. Bevor man sich also dem Stück „Inhale“ widmen und einatmen kann, werden erst einmal die Regeln festgelegt.
Max ZT: Beim Schach bedeutet es Gleichstand. Bevor wir also überhaupt loslegen, starten wir zusammen bei Null.
Manu Delago: Später, beim Stück „40/40“, kommen wir darauf zurück. Keiner von uns steht mehr im Fokus als der andere. Unsere Arrangements existieren völlig gleichberechtigt nebeneinander. Das ist sehr natürlich entstanden.
Max ZT: Das war auch meine größte Befürchtung im Vorfeld, dass ein Instrument das andere in den Schatten stellt, weil wir stilistisch nah beieinanderliegen. Wir wollten uns nicht gegenseitig im Weg stehen mit unseren Instrumenten. Das ist nie passiert. Unsere Inspirationen und Ansätze haben sich perfekt ergänzt. Viele Male musste ich solche Momente ganz bewusst heraufbeschwören – hier geschah das ganz natürlich.
subtext.at: Manu, vor Jahren erzähltest du mir, dass sich das Konzept eines Albums erst während der Entstehung herauskristallisiert – beeinflusst von verschiedenen Fäden, die parallel laufen. War das nun auch mit Max der Fall?
Manu Delago: Der Prozess, wie wir es diesmal bewerkstelligt haben, war sehr einzigartig für mich. Im Grunde haben wir drei improvisierte Sessions aufgenommen: eine in New York und zwei in London, in den Jahren 2019, 2021 und 2023. Aus diesem Zeitraum von fünf Jahren haben wir dann das beste Material ausgewählt. Als wir angefangen haben, dachte ich zudem, dass wir zusätzliche Instrumente brauchen – Bass, Percussion oder etwas für die Melodien an sich. Ich dachte nicht, dass wir ein reines Duo bleiben würden. Je mehr ich mir jedoch die Aufnahmen angehört habe, desto bewusster wurde mir, was für einen speziellen Sound wir beide erzeugen. Ich habe Potenzial in diesen Improvisationen herausgehört (lächelt).
2024 haben wir dann eine gemeinsame Woche mit den Kompositionen verbracht, die aus den Improvisationen entstanden sind. Das war ein völlig neuer Weg für mich, denn die Kompositionen zeichnen sich ja durch eine ganz natürliche Bewegung aus. Was funktioniert auf welchem Instrument von uns beiden am besten? Normalerweise arbeite ich nicht auf diese Weise an meinen Songs.
Max ZT: Man kann durchaus vor der Entstehung über ein gewisses Konzept nachdenken und später entsteht, wie Manu sagt, etwas ganz anderes. Doch in unserem Fall hat es sich von Anfang an eingestellt: dieses Konzept der Balance – die gleiche Bandbreite abzubilden, ohne dem anderen auf die Füße zu treten. Die harte Arbeit entstand also erst im letzten Jahr, als es darum ging, aus den Improvisationen das Beste herauszufiltern. Wir wussten aber, wo wir hinwollten, weil eben das Konzept so früh feststand.
subtext.at: Max, Manu hat seine Musik wie ein „20-minütiges, warmes Bad“ beschrieben. Stimmst du dem zu?
Max ZT: Yeah. Das ist großartig (lächelt). Es ist ein Vibe. Klar, daheim gibt dir eine Aufnahme vielleicht dieses Gefühl, doch bei einem Konzert kommen noch andere Aspekte und Frequenzen hinzu, die dich noch mal ganz woanders hinführen. Es ist dann eine raumfüllende Erfahrung. Das ist auch der Grund, weshalb eine Live-Darbietung auf einer Bühne so einen großen Unterschied zu einer Aufnahme darstellt. (überlegt kurz) Ein warmes, pflegendes Bad? Sicherlich. Absolut.
Manu Delago: Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das gesagt habe (Max lacht). Ich benutze dieses Narrativ, wenn die Musik zu lange dasselbe Muster bedient, einfach nice und schön ist. 20 Minuten sind eine gute Länge, aber wenn es zu lang wird, dann will ich raus.
Max ZT: 40 Minuten sind also nicht drin (lacht).
Manu Delago: Wenn die Haut zu schrumpelig wird, dann ist es an der Zeit, das Bad zu beenden (lächelt).
Wenn man völlig ohne Kontext startet, ist das wie ein unbeschriebenes Blatt.
subtext.at: Manu, kann man mit der Musik von Max ebenfalls baden gehen? Ein Bad nehmen? kann man in der Musik von Max ebenfalls so tief versinken? Mit ihr auf Tuchfühlung gehen?
Manu Delago: Ja, weil es genug Abwechslung gibt. Manchmal bin ich froh, 20 Minuten vom selben zu haben, aber unser Album beispielsweise geht ja länger und auch bei Max gibt es so viele Varietäten und Einflüsse, von Pop zu zither-ähnlichen Sounds, mal melodisch, mal upbeat. Sehr rhythmisch. Diese Variationen machen es so hörenswert und nicht schwer, ein 90 minütiges Set zu spielen.

subtext.at: Manu, kann man mit der Musik von Max genauso gut auf Tuchfühlung gehen und sich entspannen?
Manu Delago: Ja, weil es einfach genug Abwechslung gibt. Manchmal bin ich froh, wenn ich mal 20 Minuten lang dasselbe höre, aber unser Album geht ja beispielsweise länger. Auch bei Max gibt es so viele verschiedene Einflüsse – von Pop bis hin zu zither-ähnlichen Sounds, mal melodisch, mal upbeat und sehr rhythmisch. Diese Vielfalt macht es so hörenswert. Dadurch ist es auch überhaupt nicht schwer, ein 90-minütiges Set zu spielen.
subtext.at: Max, „Deuce“ lebt von einem verspielten, facettenreichen Optimismus. Hier und da gibt es dennoch Stellen, die dieses Gefühl etwas trüben – dennoch kämpft sich der Optimismus stets nach vorne, bis er wieder die Oberhand gewinnt. Wolltet ihr das klanglich auf die Beine stellen?
Max ZT: Diese Beschreibung gefällt mir sehr. Mit Sicherheit ist ein verspielter Optimismus auf dem Album zu finden. Dennoch zeigt sich eine gelegentliche Dunkelheit, ein gelegentliches Aufkommen von Spannung und Unbehagen. Das ist die Balance, von der wir anfangs gesprochen haben. Das ist die Realität des Lebens.
Es gibt unglaublich schöne Momente, als auch unglaublich furchtbare. Alles existiert zur gleichen Zeit. Wenn wir es geschafft haben, das mit dem Album abzubilden, ist das natürlich das oberste Ziel. (überlegt kurz) Verspielter Optimismus – das ist etwas, was mir liegt, da fühle ich mich wohl. Muss man manchmal dafür kämpfen? Auf alle Fälle. Stellenweise dauert dieser Kampf sogar länger als gewohnt. Wir waren alle schon mal an diesem Punkt. Es fühlt sich wie ein Wunder an, dass wir es geschafft haben, all das auf der Platte abzubilden.
subtext.at: Manu, in früheren Gesprächen hast du erzählt, dass es für dich immer schwieriger wird, neue Wege mit dem Hang zu finden. Ist die Kollaboration mit Max für dich eine Art neuer Pfad, um aus vertrauten Mustern auszubrechen?
Manu Delago: Ja, es war sehr erfrischend. Vor allem wegen der Improvisationen, die wir schon angesprochen haben. Ich mache das nicht oft. Für mich allein ist es schwer, Inspiration nur aus der Improvisation zu schöpfen. Wenn du hingegen jemanden hast, bei dem die Ideen hin und her springen, ist das sehr beflügelnd. Es entstehen neue Einfälle. Wir haben uns getroffen und wussten schon vor dem ersten gemeinsamen Ton, dass gegenseitiges Interesse besteht – noch bevor wir überhaupt improvisiert haben. Keiner von uns wusste so genau über das jeweils andere Instrument Bescheid. Es war ein großartiger Weg für mich, neue Inspiration zu finden.
Max ZT: Wir kannten uns davor kaum. Wir haben uns vielleicht ein- oder zweimal gesehen, bevor wir gemeinsam musiziert haben. Der Sound unserer Instrumente hat uns sozusagen gegenseitig vorgestellt. Wenn man völlig ohne Kontext startet, ist das wie ein unbeschriebenes Blatt. Jedes Instrument hat jedoch seinen eigenen Fluss, sodass es nie im Chaos endet. Manu meinte ja schon, dass er aus der Improvisation kommt.
Manu Delago: Wobei ich meine Herangehensweise über die Jahre stark verändert habe. Früher, so Anfang 20, habe ich viel Jazz gespielt und extrem viel improvisiert. Später wurde ich dann mehr zum Kontrollfreak: Ich habe mehr strukturiert und geplant, die Improvisation blieb eher auf der Strecke.
Max ZT: Dafür ist der gemeinsame Prozess bei uns jetzt aber wirklich sehr natürlich verlaufen! (lacht)!
Manu Delago: Manchmal braucht es eben nur einen kleinen Anstoß, und dann läuft es von allein.
subtext.at: Max, die Tennis-Metapher fasst euer Album hervorragend zusammen. Beim Spiel fungiert der Schläger als verlängerter Arm, um den Ball im Fluss zu halten. Sind eure Instrumente in diesem Sinne eure Schläger – und die Töne der Ball?
Max ZT: Mit Sicherheit, absolut. Ich benutze meine Sticks, verschiedene Dämpftechniken mit den Händen oder eine Art Plucking beim Zupfen der Saiten – alles, um genau den Klang zu erzeugen, den man im Kopf hat. Das gilt genauso für Manu. Meistens entlockt er dem Hang melodische Sounds, aber er baut auch viele perkussive Elemente ein. Manchmal nutzt er es sogar für Feedback-Resonanzen. Wenn man so will, benutzen wir also viele unterschiedliche Schläger.
subtext.at: Manu, Tennis zeichnet sich durch das Fehlen eines Zeitlimits beim Match aus. Sind eure gemeinsamen Songs auch ohne Zeitdruck entstanden?
Max ZT: Cool! Diesen Aspekt habe ich gar nicht bedacht.
Manu Delago: (überlegt) Als wir improvisiert haben, gab es in der Tat keinen Zeitdruck. Deswegen sind dann auch Stücke entstanden, die 20 Minuten lang sind.
Max ZT: Langweilig (lacht)!
Manu Delago: Wir hatten am Ende Material mit einer Länge von sieben Stunden. Auf dem Album gibt es dann Variationen zwischen drei und fünf Minuten, auch wenn kein Song im klassischen Popsong-Format dabei ist. Da wir unbedingt eine Vinyl-Version von „Deuce“ herstellen lassen wollten, boten sich insgesamt 40 Minuten an. Wir haben ja auch den Song „40/40“ als weitere Analogie. Was den Prozess anbelangt, hatten wir also anfangs keine zeitlichen Restriktionen – aber bei der Fertigstellung des Albums und dem Tracklisting mussten wir dann natürlich auf den Punkt kommen. Eben alles so, wie es für die Musik am Ende am besten ist.
Max ZT: Die einzige Restriktion ergab sich durch das Vinyl, da jede Seite nur etwa 22 Minuten Musik fassen kann – danach sinkt die Qualität. Abseits dieser Vorgabe haben wir über den Begriff Zeit nicht wirklich nachgedacht.
subtext.at: Max, Tennis ist ein Duell auf Distanz. Hat Distanz eine Rolle gespielt bei der Entstehung von „Deuce“?
Max ZT: Sicherlich. Ich lebe ja in New York und Manu ist zu der Zeit zwischen London und Österreich hin und her gependelt. Das war schon eine Herausforderung. Wir haben uns abseits der Musik drei- oder viermal persönlich getroffen, bevor wir dann ebenso viele Aufnahmesessions hatten. Diese Restriktion mussten wir einfach nutzen und das Beste aus der Zeit herausholen, in der wir zusammen waren. Einmal war ich für sieben Tage da und was hatten wir da nicht alles zu erledigen: vier Shows, drei oder vier Videoshootings, EPK, Fotos, ein extra Konzert und eben ein Album fertigstellen…
Es war alles extrem busy und durchorganisiert. Vielleicht würde das Ergebnis anders klingen, wenn Manu und ich in derselben Stadt wohnen würden. Wer weiß. Wenn man jedoch mit einer solchen Limitierung an eine Sache herangeht, muss man eben völlig fokussiert sein.
subtext.at: Manu, beim Tennis versucht man den Ball dorthin zu schlagen, wo der Gegner sich nicht befindet. Funktioniert eure Dynamik nach demselben Prinzip?
Manu Delago: (lächelt)
Max ZT: Versuch bloß nicht, den Ball dorthin zu schlagen, wo ich nicht bin. Ich zahl dir das zurück! (lacht)
Manu Delago: (überlegt) Wir versuchen wohl, unterschiedliche Rollen innerhalb unserer Songs einzunehmen und zu finden. Wir haben aber auch Momente, in denen wir unisono dieselbe Melodie spielen. Das ist dann sehr synchron und das meistern wir zusammen. Ich wiederhole mich wohl, aber wir wollten trotz der Restriktionen, die uns durch die Situation auferlegt wurden, dennoch Abwechslung anbieten.
Max ZT: Generell gesprochen ist es schon ein freundliches Match, das wir uns da liefern (lacht)! Es geht nicht darum, dass einer die Oberhand über den anderen gewinnt.
Manu Delago: Die meisten unserer Songs lassen wir gemeinsam ausklingen, aber es gibt schon vereinzelt Stücke, bei denen wir entschieden haben, dass nur einer von uns den Song beendet. Wenn man so will, kann man hier davon sprechen, dass eben nur einer von uns den Punkt macht.
Max ZT: Eine Sache, die wir eigentlich gar nicht erzählen sollten (lacht).
subtext.at: „Deuce“ klingt außerordentlich organisch und homogen. Fast so, als hättet ihr mit allen Mitteln versucht, Reibung zu verhindern.
Max ZT: Vielleicht haben wir versucht, Reibung nicht heraufzubeschwören. Gleichzeitig haben wir Spannung zugelassen – das haben wir definitiv als kompositorisches Werkzeug benutzt. (überlegt) Was Reibung anbelangt: Dafür haben unsere beiden Instrumente vielleicht eine viel zu warme Qualität, um so etwas wie Unbehagen auszulösen oder musikalisch abzubilden.
subtext.at: Ist Reibung überhaupt notwendig, um Kunst zu erschaffen?
Max ZT: Nein. Manchmal kann es eine Art Katalysator für etwas sein. (überlegt) Offenheit ist wichtiger als Reibung – einfach zuzuhören, was ein Song verlangt. Sicherlich gibt es Beispiele, wo Reibung von Nutzen ist. Auf persönlicher Ebene genieße ich das aber nicht sonderlich. Ich mag es lieber, offen zu sein und komplementär zu agieren, anstatt gegeneinander, nur um der Reibung willen.
subtext.at: Manu, du hast einst das Duo Living Room mit Christoph Pepe Auer auf die Beine gestellt. Da hat die Bassklarinette dein Hangspiel ergänzt. Schlägt die Kollaboration mit Max in eine ähnliche Kerbe?
Manu Delago: Obwohl es auch ein Duo war, ist es mit Max wegen des Instruments schon etwas anderes. Die Bassklarinette hat eine wirklich breite Range und ist ein Holzinstrument. Sie verhält sich sehr komplementär zum Hang. Das Hackbrett hingegen hat mit dem Hang viel mehr Gemeinsamkeiten. Beide Instrumente decken in etwa dieselbe Bandbreite ab, wenn wir spielen. Unser Zusammenspiel als Duo funktioniert hier anders als bei Living Room. Wir spielen mehr unisono. Ich war ja seit Living Room nicht mehr als Duo aktiv, aber die Interaktion mit Max hat es noch einmal auf eine ganz andere, interessante Ebene für mich geführt.
subtext.at: Max, wird es eine Revanche geben? Ein weiteres Album? Ich bin ja sehr davon überzeugt.
Max ZT: Was kommt denn nach Deuce (lacht)? Ich bin mir nicht sicher. Es gibt noch viel Material aus den Aufnahmesessions. Wir können natürlich hergehen und daraus weitere zehn Songs raussuchen. Oder wir machen neue Aufnahmesessions und wählen aus diesen die Kompositionen aus. Ich weiß es wirklich noch nicht. Das große Ungewisse! Wie der nächste Schritt wohl aussehen mag, wissen wir noch nicht. Hast du Vorschläge (schaut zu Manu)? Sollen wir die Instrumente tauschen (lacht)?
Manu Delago: Ich bin neugierig, es zu versuchen, denke aber nicht, dass es viel Sinn ergeben wird. Für unsere Liveshows haben wir ja noch zwei Coverversionen („Zombie“ von The Cranberries, „My Heart Will Go On“ von Celine Dion, Anm. d. Red.) arrangiert. Da haben wir Sachen vollführt, die wir nicht auf unserem Album ausprobiert haben. Die sind wirklich sehr schnell entstanden und daraus schöpfen wir eventuell eine Inspiration für die Zukunft. Wir werden sehen. Der Zuspruch der Leute motiviert mich auf alle Fälle. Die Leute sind interessiert an dem Album, kaufen das Vinyl … Ich weiß gar nicht, ob so viele Leute überhaupt einen Plattenspieler daheim besitzen, aber sie möchten jedenfalls das Album mit nach Hause nehmen (lacht)! Motivierend und inspirierend.
Max ZT: Heute dreht sich fast alles um sekundenlange Clips. Ganze Alben oder Songs treten oft in den Hintergrund, weil die kurzen Videos die gesamte Aufmerksamkeit rauben. Ich merke aber, dass die Menschen trotzdem das Bedürfnis nach etwas Greifbarem haben – sie wollen die Musik auf CD oder Vinyl mit nach Hause nehmen. Sie wollen involviert sein, etwas besitzen und den Moment festhalten. Ein TikTok-Video liefert vielleicht einen schnellen Dopaminschub, aber dieses tiefe Gefühl von Zugehörigkeit kann es nicht ersetzen. Auf unseren Konzerten entsteht ein Raum, der das Publikum wirklich teilhaben lässt. Das Hang-Hackbrett-Movement hat gerade erst begonnen (lacht)!
subtext.at: Zum Abschluss die Frage an euch beide, wer the Goat im männlichen Tennis ist?
Max ZT: Wie ist noch gleich sein Name (überlegt)? The british guy…
subtext.at: Ist es Federer? Nadal? Djoković?
Max ZT: Federer ist die offensichtlichste Wahl. Oder ist der, den ich meine, Amerikaner?
Manu Delago: Von früher?
Max ZT: Nein, jetzt. Aktuell. Ich schau mal nach (zückt sein Smartphone). Aller Zeiten? Das ist Federer. Den, den ich meine, da habe ich einige Interviews mit ihm gesehen und mir hat einfach sein Zugang zum Leben gefallen, seine Antworten.
Manu Delago: Ich fand Federer auch immer schon gut. Er ist einfach ein liebenswerter, cooler Typ. Was die gewonnen Siege anbelangt, ist es schwer, nicht Djoković zu nennen. Ihn finde ich nicht immer sympathisch, aber seine Titel sprechen für sich. Das ist schon unglaublich und da macht ihm auch niemand etwas vor.
Max ZT: Vergessen wir nicht Serena.
Manu Delago: Er hat aber nach männlichen Tennisspielern gefragt.
Max ZT: Andy Murray meine ich! Er ist Brite. Ihn mag ich persönlich. Aller Zeiten ist es wahrscheinlich Djoković. Serena ist für mich dennoch eins: The best there is.