Sziget 2026: Embrace the Love
Zwischen Staub, Hitze und einer beeindruckenden musikalischen Vielfalt verwandelte sich die Óbuda-Insel auch 2026 wieder in die „Island of Freedom“. Wir waren fünf Tage am Sziget unterwegs und haben uns durch große Shows, kleine Entdeckungen und jede Menge Festivalwahnsinn getanzt.
Sechs Tage, unzählige Bühnen, Staub, Hitze, große Gefühle und noch größere Acts. Das Sziget Festival auf der Budapester Óbuda-Insel ist auch 2026 wieder seinem Ruf als eines der vielfältigsten Festivals Europas gerecht geworden. Zwischen internationalen Superstars, aufstrebenden Newcomer:innen und kleinen musikalischen Entdeckungen haben wir uns durch das Festivalprogramm getanzt, gesungen und manchmal auch einfach treiben lassen. Was dabei besonders hängen geblieben ist? Ein Festival, das weit mehr sein möchte als eine Aneinanderreihung großer Konzerte.
Dienstag – Ankommen und Reinfühlen
Offiziell begann das Festival eigentlich schon am Montag mit Day Zero. Die Wiedereinführung dieses Tages wird als konzeptionelle Rückbesinnung gesehen, nachdem das Festival einen Besitzerwechsel zurück zum Gründer Károly Gerendai hinter sich hat.
Für uns als Subtext-Crew startete das Festival jedoch erst am Dienstag. Bei so einem großen Festival heißt es zuerst mal ankommen, Orientierung schaffen und das ein oder andere bekannte Gesicht begrüßen. Danach ging es direkt rein ins Getümmel zum ersten Act.
Bad Nerves
Bad Nerves legen auf der Main Stage einen rasanten Start hin. Garage-Punk mit ordentlich Tempo, britischem Retro-Look irgendwo zwischen Beatles und Punk und einem Publikum, das sich lieber tanzend als stillstehend zeigt. Zwischen Disco-Moves und wildem Herumspringen bilden sich schon die ersten Mosh- und Circle-Pits des Festivals. Die fünfköpfige Band aus Essex verbindet dabei eingängige Powerpop-Melodien mit ordentlich Garage-Punk-Dreck. Schon ab der ersten Minute wird klar gemacht, dass hier niemand lange stillstehen wird.
Wolf Alice
Die nächste britische Band auf der Main Stage kommt mit Wolf Alice und Frontfrau Ellie Rowsell. Ab Minute eins mit ordentlich Energie. Zwischen Alternative-Rock, Indie und Shoegaze zeigt Rowsell, warum sie eine der markantesten Stimmen der britischen Rockszene ist. Zwischendurch wird auch zum Megafon gegriffen. Eine Performance, die fast ein bisschen an Olivia Rodrigo erinnert. Spätestens bei der Hymne „Don’t Delete the Kisses“ gehört die Bühne dann endgültig dem Publikum: Tausende Stimmen singen gemeinsam mit und machen den Song zum großen Festivalmoment.
Zara Larsson
Zum zweiten Mal Sziget für die schwedische Pop-Queen Zara Larsson. Diesmal auf der Main Stage vor einem prall gefüllten Publikum. Larsson macht bereits seit Jahren erfolgreich Musik, doch gerade durch Social Media und die Entwicklung ihrer ganz eigenen Ästhetik erlebt sie aktuell einen mehr als verdienten neuen Hype. Ihre girly Show mit jeder Menge Tanzeinlagen und ihre wunderbar lockere, sympathische Art passen perfekt auf die große Festivalbühne. Und beim mittlerweile viralen „Lush Life Dance“ wurden in Budapest sogar zwei Fans auf die Bühne geholt. Darunter ein Typ im Delfin-Kostüm und seine Schwester. Sie machten den Moment endgültig zum kleinen Festival-Highlight.
Lambrini Girls
Dass es am Sziget durchaus auch mal politisch werden darf, sollte kein Geheimnis sein. Der beste Beweis dafür sind die Lambrini Girls, die am ersten Tag auf der Revolut Stage spielen. Mit „Fuck Fidesz“-Einblendungen oder auch „Free Palestine“-Schriftzügen und einem herzergreifenden Aufruf für Transrechte nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Mit unapologetischen Texten, die in einem fast schon Sprech-/Schreigesang ans Publikum gebracht werden, tragen sie ihre Lieder vor. Auch die ersten Circle-Pits werden geöffnet und das Schlagzeug als auch die Gitarre keineswegs sachte behandelt. So sieht echte Girl-Power aus.
Sombr
Für den Musiker ist das Sziget das erste europäische Festival überhaupt und gleich geht es als Headliner auf die Main Stage. Der Hype um den noch jungen New Yorker ist im prall gefüllten Publikum deutlich zu spüren. Musikalisch und als Performer wirkt er dabei deutlich stärker als noch auf seiner Headline-Tour Anfang des Jahres, auch wenn seine teilweise etwas goofy Art durchaus Teil des Charmes bleibt. Seine Songs handeln oft von Insecurities, auf der Bühne ist davon allerdings wenig zu spüren. Spätestens als er mit einer selbst besprühten Flagge mehrere Minuten lang die gesamte Barrikade entlangläuft und wirklich jede Ecke des Publikums mitnimmt, wird klar, wie wohl er sich mittlerweile in dieser Rolle fühlt.
Kim Dracula
Das komplette Gegenteil zu Sombr ist der australische Musiker und TikTok-Star Samuel Wellings alias Kim Dracula. Am ehesten lässt sich die Musik dem Genre Metal zuordnen, was in Budapest zumindest am Tag 1 noch nicht so viele Leute begeistern konnte. Aber jene, die den Weg von der Mainstage und Sombr schafften, zeigten großen Einsatz. Acts wie Kim Dracula und ihrer unglaubliche Show zeigen die Diversität vom Sziget und dass es auch Musik abseits von Pop und heteronormative Konstrukten gibt.
Dijon
Der amerikanische Singer-Songwriter machte für uns den Abschluss des ersten Tages auf der Revolut Stage. Mit seinen smoothen Sounds aus einer Mischung von R&B, Soul und Alternativ ließ er den ersten Tag perfekt ausklingen. Obwohl er relativ spät seinen Auftritt hatte, wartete schon eine große Crowd auf die ersten Töne. Bekannt ist Dijon Duenas unter anderem durch Projekte wie Abhi/Dijon und durch Kooperationen mit Charli XCX, Bon Iver und Justin Bieber. Sein Soloprojekt startete er rund um 2017 und ist seitdem vor allem im englischsprachigen Raum sehr erfolgreich. Wir sind schon gespannt, wann der Hype endlich auch Österreich erreicht.
Mittwoch – einmal quer durch alle Genres
Der Mittwoch wurde von uns genutzt, auch mal über unsere eigenen Genregrenzen hinwegzuschauen. Bewusst wurde neben dem Gewohnten in Neues rein geschnuppert. Neben der Musik wurde zwischendurch natürlich auch die partielle Sonnenfinsternis bewundert.
Giant Rooks
Nach einer anfänglichen Entschuldigung bei den Fans, dass sie doch nicht Twenty One Pilots sind, wollen sie aber dennoch für gute Unterhaltung sorgen. Die deutsche Indie-Band liefert dabei voll ab. Trotz der Hitze tanzen und trommeln sie sich die Seele aus dem Leib. Neue Songs vom angekündigten dritten Album werden gespielt, während Frontman Fred Rabe mit seinen Pirouetten über die Bühne fegt. Die Instrumente werden rege durchgewechselt und Gitarren oder Hocker dabei sogar herumgeworfen. So kann man in einen Festivaltag mit ordentlich Good Vibes starten.
ALT BLK ERA
Auf die Revolut Stage treten zwei Powerfrauen, die es in sich haben. Irgendwo von Rock bis Rave und fast Rap sorgen die zwei aus Nottingham stammenden Künstlerinnen für eine energiegeladene Soundwelt. Das kontrastreiche Kostüm aus Schwarz und Weiß bleibt im Kopf, die Musik könnte man auch genauso gut bis 3:00 nachts hören. Sie versuchen es jedenfalls auch beim Eröffnen der Revolut Stage, den Boden ordentlich zum Beben zu bringen, was ihnen auch ganz gut gelingt.
Carson Coma
Ein Highlight des Sziget ist es immer wieder, Einblicke in die ungarische Musikszene zu bekommen. Während Carson Coma vielen Besucher:innen kein Begriff ist, zählen sie als die aktuell gefragteste Alternative-Rock-Band des ganzen Landes. Ihr Hype ließ sich mit ihrem mitreißenden Auftritt auf der Mainstage und unzähligen Fans im Publikum sofort bestätigen. Per Glücksgrad wurde sogar ein Surprise-Song ausgewählt, was jede Show sofort spannender macht. Für uns ein klares Zeichen, noch mehr in ihre Musik reinzuhören.
Twenty One Pilots
Es gibt wohl keinen besseren internationalen Festival-Headliner wie Twenty One Pilots. Ihr Auftritt am Sziget hat genau das erneut bewiesen. Neben ihren bekannten Hits wie „Stressed Out“ oder „Heathens“ ist es vor allem ihre Show, die wirklich jede:n abholt. Es ist keine Lüge, dass Tyler und Josh die meiste Zeit gar nicht auf der Bühne verbringen. Stattdessen klettern sie auf Türme, performen direkt über der Crowd und sind ihren Fans so nah wie möglich. Sollte es doch einmal langweilig werden, gibt es Cover-Songs wie „Stolen Dance“ (Milky Chance) oder „Seven Nation Army“ (The White Stripes). Außerdem brachten sie eine Menge Humor mit, als sie etwa einen Security-Guard auf die Bühne holten, um gemeinsam mit ihnen „Ride“ zu singen.
Chet Faker
Wir hatten bereits im Posthof auf der Frischluftbühne das Vergnügen, einen Abend mit Chet Faker zu verbringen. Schon dort war klar, es wird nicht viel Klimbim in den Auftritt selbst gesteckt, keine besonderen Outfits, keine begeisterten Ansprachen und keine besondere Choreo. Musik wird hier pur gefeiert und wir mitten drinnen. Der australische Singer-Songwriter ist bekannt für seine musikalische Mischung aus Future Beat, Hip-Hop, Funk, Elektro und Modern Soul. Eine Mischung, die direkt die Seele berührt. Mit seinem aktuellen Album „A Love for Strangers“ konnte er auch am Sziget punkten. Chet Faker und sein Musikerteam schienen die gesamte Zeit wie in einem kreativen Tunnel zu sein. Performt wurde ein Meisterwerk nach dem anderen. Der Musik wurde sich komplett hingegeben.
Ikkimel
Auch deutsche Artists werden natürlich immer gerne am Sziget gesehen. Nachdem die Rapperin Ikkimel vor kurzem mit ihrem Auftritt beim Moma weltweit für Aufsehen sorgte, zog sie auch dort eine erstaunliche Crowd an. Schließlich muss man die Sprache nicht verstehen, um von ihrer starken Performance und Message mitgerissen zu werden. Trotzdem geht sie mit ihren neuen englischen Texten und Kollaborationen klar dem Ziel internationalen Erfolgs nach.
Ashnikko
Hinter der Musik von Ashnikko verbirgt sich Musiker*in Ashton Nicole Casey. Ashnikko stammt ursprünglich aus North Carolina und lebt mittlerweile in London, wo auch die musikalische Karriere 2016 begann. Der Durchbruch ließ nicht lange auf sich warten. Mit der EP „Hi It’s Me“ und dem Viralgehen von dem Song „Stupid“ war der*die Musiker*in nicht mehr zu stoppen. 2023 hatten wir die Ehre, beim ersten Österreich-Auftritt am Lido Sounds dabei zu sein, wo wir schon damals aus dem Staunen kaum rauskamen.
Mit Ikkimel auf der benachbarten Bühne standen fast gleichzeitig zwei Charaktere auf der Bühne, die Geschlechterrollen gespielt aufbrechen. Gemeinsam setzten die beiden Musiker*innen ein Statement und feierten mit ihrer enormen Fanbase radikale sexuelle Selbstbestimmung und feministische Wut.
Tomora
Aurora und die Chemical Brothers sollten ja den meisten ein Begriff sein. Ihr neues electronic „Experiment“ ist eines, das die zarte Stimme von Aurora in eine Musikwelt hebt, die mit ordentlich Strobo zum Tanzen einladen soll. Seit 2025 ist das Duo, bestehend aus Aurora Aksnes und Tom Rowlands, nun gemeinsam als Tomora musikalisch aktiv. 2026 feiern sie ihre erste Festivalsaison nicht nur hier am Sziget, sondern unter anderem auch auf Festivals wie Coachella. Die beiden Musiker*innen verbindet schon eine längere Geschichte.
So hat Tom Rowlands beim fünften Album von Aurora „What Happened to the Heart?“ mitgewirkt. Umgekehrt war Aurora bei seinem Projekt, den Chemical Brothers bereits 2019 als Gastsängerin aktiv. Die Kostüme sind ausgefallen, die Bühnenvisuals strotzen vor experimentellem Schwarm. Die Lichter bräuchten eine Epilepsie-Warnung und die Bässe ein Limit. Aber ein Limit wäre ja langweilig, deshalb ist Tomora für das Tanzen bis in die frühen Morgenstunden die perfekte Wahl, was auch das Publikum genauso sieht. Für ausgelassenes Tanzen passt die Klangwelt von Tomora, verpackt in Songs wie „Ring the Alarm“, auf jeden Fall.
Donnerstag – ein Tag an der Mainstage
Die Hitze und Trockenheit machen auch vor dem Sziget-Gelände nicht Halt. Beim täglichen Überqueren der Brücke erinnert der niedrige Wasserstand der Donau daran, wie trocken es mittlerweile ist. Währenddessen wirbelt der Wind und tanzende Menschen den Staub vom ausgetrockneten Boden munter durch die Luft. Ein modisches Essential ist deshalb ganz klar ein Tuch oder eine Maske, um den Staub nicht direkt in die Atemwege zu bekommen. Aber auch diese kleine Einschränkung hält uns natürlich nicht davon ab, die großartigen Acts gebührend zu feiern.
Paris Paloma
Ein Festivaltag kann kaum besser starten als mit Paris Paloma. Die englische Musikerin hat sich seit 2020 Schritt für Schritt eine beeindruckende Karriere aufgebaut. Spätestens mit ihrem Durchbruchssong „Labour“ hat sie internationale Aufmerksamkeit erlangt. Die feministische Hymne erreichte innerhalb von nur 24 Stunden über eine Million Streams auf Spotify und YouTube. Bis heute ist der Song kaum aus den sozialen Medien (oft als Hintergrundmusik) wegzudenken. Was Paris Paloma dabei so besonders macht? Ihre Musik ist viel zu kraftvoll und ihre Texte sind viel zu klug, um bloß als Hintergrundmusik zu funktionieren. Sie schafft es, gesellschaftliche Themen, Feminismus, Verletzlichkeit und Selbstzweifel in Worte zu fassen, die gleichzeitig persönlich und universell wirken. Genau diese Mischung macht ihre Songs so empowernd.
Besonders unter die Haut ging „Good Girl“ von ihrem aktuellen Album „The Fatal Flaw“, ein Lied über Selbstliebe, Selbstakzeptanz und die verschiedenen Facetten von Liebe. Paloma gelingt es dabei, große Gefühle nicht kitschig, sondern ehrlich und greifbar zu erzählen. Und dann natürlich „Labour“. Als unzählige FLINTA-Stimmen im Publikum gemeinsam mit ihr die Hymne sangen, entstand dieser besondere Festivalmoment, bei dem aus einem einzelnen Song plötzlich ein kollektives Statement wurde. Paris Paloma ist eine Musikerin, die etwas zu sagen hat! Gleichzeitig besitzt sie die Fähigkeit, ihre Worte so eindringlich auf die Bühne zu bringen, dass man sich als Zuhörer*in tatsächlich gesehen, verstanden und empowered fühlt. Ein Konzert, das uns definitiv noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Lewis Capaldi
So sympathisch wie immer geht Lewis Capaldi auf die Bühne und lässt sich gleich mal von den Bungeejumpern im Hintergrund ablenken. Wer auch immer derjenige war, der dann plötzlich vom ganzen Main-Stage-Publikum bei seinem Absprung angefeuert worden ist – derjenige wird das nie vergessen. Ansonsten bedankt sich Capaldi dafür, dass er auch 10 Jahre nach Start seiner Karriere noch immer auf solchen Bühnen stehen darf. Und die Lieder sorgen für genau die Emotionalität, für die er bei seinen Fans so beliebt ist. Er bringt sich zwar dazwischen immer wieder selbst zum Lachen und reißt einen so immer wieder raus, aber irgendwo macht auch dieser Kontrast aus fröhlichen Anmoderationen und traurigen Songs seine Show aus. Und so freut man sich sogar, wenn er nächstes Jahr eine Pause einlegen wird, um an einem neuen Album zu arbeiten.
Fcukers
Die Band Fcukers gestaltete die Revolut Stage kurzerhand zur Tanzfläche. Das New Yorker Duo rund um Sängerin Shanny Wise bringt von der ersten Minute an ordentlich Energie mit. Sie versteht es perfekt, das Publikum zum Mitsingen, Mittanzen und vor allem zum gemeinsamen Feiern zu animieren. Ihr Sound bewegt sich irgendwo zwischen Electroclash, Indie-Sleaze, Garage und elektronischen Clubbeats. Genau die richtige Mischung, um aus einem Festivalzelt einen kleinen Club zu machen. Besonders sympathisch: Wise wirkt dabei nie aufgesetzt, sondern schafft es, das Publikum wirklich mitzunehmen und eine Atmosphäre zu erzeugen, in der sich alle eingeladen fühlen. Bei Songs wie „If You Wanna Party, Come Over To My House“ wird dann endgültig klar, dass der Name Programm ist. Fcukers wollen keine Show abliefern, sondern eine verdammt gute Party feiern.
LEAP
Es gibt nur wenige Bands mit so vielen Shows in kürzester Zeit, die, egal wie oft man sie gesehen hat, nicht langweilig werden. Die englische Rocktruppe Leap gehört da klar dazu. Egal ob Mega-Fans in der 1. Reihe oder zufällige Besucher:innen: Am Sziget wurde durch ihre Energie jede:r in Stimmung gebracht. Dank Auftritten wie diesen wächst ihre Reichweite fast ununterbrochen. Wer auch nicht genug von ihnen kriegen kann, sollte sich vielleicht ein Ticket für die Show in der Arena Wien im November sichern.
Florence + The Machine
Wenn wir einen Act nennen müssten, bei dem wir uns auf dem Sziget ganz besonders auf den Auftritt gefreut haben, dann Florence + the Machine. Okay, Untertreibung des Jahrhunderts. Die gebürtige Londonerin war einer der Hauptgründe für den Besuch am Szigtet. Fangirlmoment hoch 10. Während der gesamten 90 Minuten fühlte sich der Platz vor der Main Stage wie ein riesiger Safe Space an. Ein Platz in dem man für einen Moment alle Masken fallen lassen und einfach so sein konnte, wie man sein möchte.
Florence schafft es wie kaum eine andere, aus einem Konzert einen Ort zu machen, an dem Verletzlichkeit, Ekstase, Kitsch, Pathos und völlige Hingabe problemlos nebeneinander existieren dürfen. Dass sich das auch auf das Publikum überträgt, war schon Stunden vor dem Auftritt sichtbar. Vor der Bühne sammelten sich Florence-Fans, viele von ihnen mit aufwendig gebundenem Blumenschmuck, Diademen und den unterschiedlichsten Outfits. Fast so, als würde man sich gemeinsam auf ein kleines, sehr persönliches wildes Ritual vorbereiten.
Dog Days are over
Und dann steht da Florence Welch auf der Bühne und gibt genau das zurück. Bei „Shake It Out“ geht es darum, den Ballast abzuwerfen und weiterzumachen, bevor „Dog Days Are Over“ endgültig zur kollektiven Befreiung wird. Florence fordert das Publikum auf, den Moment zu genießen, die Handys wegzustecken und einfach zu tanzen. Ein seltener Festivalmoment, bei dem tatsächlich einmal fast niemand durch einen Bildschirm schaut, sondern alle gemeinsam im selben Augenblick stehen. Auch die neuen Songs fügen sich erstaunlich selbstverständlich in die Show ein. Etwa „Buckle“, der augenzwinkernde Song über das Nicht-Zurückschreiben auf Nachrichten, bei dem Florence selbst erzählt, dass sie sich dafür eigentlich schon fast zu alt fühlte und erst auf Drängen anderer den Song aufs Album nahm. Das Publikum dankt es ihr mit Begeisterung.
Musikalisch ist die Show dabei ohnehin eine Wucht. Große Chöre, treibende Drums, Florence‘ unglaubliche Stimme und diese ganz eigene Mischung aus Folk, Rock und Pop, die ihre Konzerte gleichzeitig riesig und intim wirken lässt. Es ist diese seltene Fähigkeit, einen Raum zu schaffen, in dem man sich für ein paar Stunden komplett fallen lassen kann. Eines von vielen Markenzeichen der Band Florence + The Machine. Mit dem Wissen, dass der Abend keinen besseren Abschluss finden wird, ging es für uns danach wieder retour zur Unterkunft.
Freitag – ist zum Tanzen da
Eine gewisse Grundmüdigkeit war bei uns ab Festivaltag vier schon auch zu beobachten. Der Tag startete langsam und gemütlich mit einem Langosfrühstück. Dieses ungarische Nationalgericht gab uns genügend Energie, um uns durchs Lineup zu tanzen.
Karen Dio
Es machte fast den Anschein, als hätte Karen Dió vor, die Main Stage mal eben am Nachmittag abzureißen. Die brasilianische Musikerin wird nicht ohne Grund aktuell als eine der spannendsten Stimmen der alternativen Szene gefeiert. Ihre Auftritte gelten seit jeher als energiegeladen und kompromisslos. Nachdem wir sie nun selbst mit ihrem minimalistischen Setup aus Drums, Gitarre und Gesang live erleben durften, können wir das nur unterstreichen. Dió schafft es, trotz der reduzierten Besetzung ordentlich Druck aufzubauen. Sie mischt gekonnt eigene Songs mit Covers, unter anderem von Chappell Roan und Pitty. Zum Abschluss wurde mit ihrem wohl bekanntesten Song „Sick Ride“ noch einmal alles aus dem Publikum und der Bühne herausgeholt.
Nation of Language
Der Song „Weak in your light“ hat uns beim Durchhören schon sehr begeistert und war Grund für den nachmittäglichen Besuch auf der Revolut Stage. Die Band gründete sich 2026 in Brooklyn in New York. Seitdem produzieren sie Musik, die sich am ehesten den Genres Indie-Pop, Synth-Pop und Dream-Pop zuordnen lässt. Geprägt sind die Lieder auch von dem ein oder anderen Element der 1980er-Punk-Pop-Szene. Also ein perfekter Sound, um in den Nachmittag zu starten.
Sigrid
Don’t Kill My Vibe ist nicht nur einer der bekanntesten Songs der norwegischen Musikerin, sondern wohl auch ihre Lebensphilosophie. Sigrid Solbakk Raabe ist in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen und hat schon in jungen Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester oder mit ihrem Bruder Bühnenerfahrung gesammelt. Mit 17 veröffentlichte die Singer-Songwriterin ihre erste Single „Sun“ und wurde kurz darauf bereits unter Vertrag genommen. Danach ging ihre Karriere steil bergauf. Viele Auszeichnungen und Nennungen später steht sie nun komplett unscheinbar vor uns auf der Main Stage. Und singt von ihren Erfahrungen in den letzten Jahren. Viele Fans hofften wohl auf eine Performance von „Bad Life“ gemeinsam mit Oliver Sykes, dem Sänger von Bring Me The Horizon, wurden aber enttäuscht. Die sehr herzliche und liebevolle Art der Norwegerin machte diesen Verlust aber wieder wett und schuf eine authentische Atmosphäre. Ihr bekanntester Song „Strangers“ machte dann den perfekten Abschluss für ein wunderschönes Konzert.
Luke Black
Für Vampir-Charme sorgt Luke Black auf der Buzz Stage. Die Sonne brennt ihm zwar noch ordentlich ins Gesicht (anscheinend doch kein Vampir?), aber das hält ihn nicht davon ab, seine düster aufgeladenen Songs zum Besten zu geben. Zwei Tänzerinnen komplettieren gemeinsam mit seiner Band das Bühnenbild und nach und nach lassen sich immer mehr Leute in seinen Bann ziehen. Wer mit dem Genre etwas anfangen kann, hat hier definitiv seinen Spaß.
Baby Lasagna
Kaputt, aber glücklich! So fühlten wir uns nach dem Konzert von Baby Lasagna. Die Band rund um Sänger Marko Purišić vertrat 2024 Kroatien beim Eurovision Song Contest in Malmö und erreichte mit dem Song „Rim Tim Tagi Dim“ den zweiten Platz. Und das gesamte Konzert erinnerte auch an eine riesige ESC-Party. Großartige Bühnenshow und natürlich darf da auch die Pyro nicht fehlen. Was genau in den 90 Minuten vorne auf der Bühne passierte, ist nicht ganz klar. Fest steht: Es ist irgendwie ein Wunder, dass die Bühne danach noch stand.
Hinter uns feierten einige Finnen ihr Leben, als der Song „#Eurodab“ an der Reihe war, der beim ESC 2025 gemeinsam mit dem finnischen Rapper Käärijä performt wurde. Zum kompletten Abriss kam es dann bei „Don’t Hate Yourself, But Don’t Love Yourself Too Much“, bei dem bis in die letzten Reihen abgefeiert wurde. Dass es dazu noch eine Steigerung geben könnte, wurde uns wenige Sekunden später bewusst, als mit dem letzten Song des Abends „Rim Tim Tagi Dim“ endgültig der totale Crash-out ausbrach.
Ski Aggu
Für sofortige Partystimmung auf einem Festival ist Ski Aggu immer die richtige Wahl. Seinen allerersten Auftritt in Ungarn durften wir darum nicht verpassen. Vielen Festivalbesucher:innen ging es wohl genauso, denn er konnte bisher die größte Masse zur Revolut Stage bringen. Zu Songs wie „Spring“ oder „Friesenjung“ öffnete sich ein Moshpit nach dem anderen. Dazu wurde Jumpstyle getanzt oder auf Schultern mitgefeiert. Zur Belohnung warf Aggu höchstpersönlich gratis Merch ins Publikum.
Altin Gün
Bei Altın Gün fühlt es sich ein bisschen an, als würde man direkt in die psychedelischen 70er-Jahre Anatoliens katapultiert werden. Die niederländisch-türkische Band aus Amsterdam verbindet traditionelle türkische Volksmusik mit Psychedelic Rock, Funk, Saz, Synthesizern und treibenden Beats und schafft daraus einen Sound, der gleichzeitig retro und komplett zeitgemäß klingt. Live funktioniert die Mischung besonders gut. Ein Konzert, das irgendwo zwischen Psychedelic-Rock-Show und türkischer Tanzparty liegt und damit perfekt auf das Sziget passt.
Bring Me The Horizon
Auch wenn wir uns nicht unbedingt zu den größten Bring Me The Horizon-Fans zählen würden, muss man der Band eines lassen: Diese Show ist schwer zu ignorieren. Oli Sykes und seine Band liefern auf der Main Stage ein komplett überdrehtes Spektakel aus Metal, Pop und einer Menge Pyro, begleitet von einer ziemlich abgefahrenen Sci-Fi-Story rund um eine bevorstehende Apokalypse. Besonders viel Energie bringt Sykes ins Publikum, fordert Circle Pits und holt für „Pray For Plagues“ sogar den ungarischen Deathcore-Sänger Barni Kókai von The Southern Oracle auf die Bühne. Musikalisch vielleicht nicht ganz unser Ding, aber als Headliner-Show definitiv beeindruckend. Spätestens bei „Drown“ und „Throne“ war auch in den hinteren Reihen ordentlich Bewegung.
BUNT.
Eigentlich wollten wir beim Nachhausegehen nur kurz zu Bunt. schauen, ein paar Fotos machen und dann den Abend gut sein lassen. Levi Wijk, der sich hinter dem Projekt Bunt. versteckt, hatte da wohl andere Pläne für uns. Denn plötzlich standen wir mitten in einer ziemlich großen Party. Der deutsche DJ und Produzent verbindet elektronische Beats mit eingängigen Pop- und Indie-Elementen und schafft damit einen Sound, der gleichzeitig leichtfüßig und ordentlich tanzbar ist. Bei seinem Auftritt auf der Revolut Stage wurde jedenfalls schnell klar, warum BUNT. heuer zu den Acts gehörte, die man auf dem Sziget nicht verpassen sollte. Spätestens bei „Clouds“, „TRIPPIN“ oder „Peace In Silence“ war die Tanzfläche voll. Als Zugabe ging der DJ beim letzten Song mitten ins Publikum und feierte gemeinsam bis zum letzten Takt.
Samstag – letzter Festivaltag
Schon etwas wehmütig betraten wir zum letzten Mal die Insel. Mit dem Wissen, dass es der letzte Tag ist, wurden nochmals mit mehr Bedacht Erinnerungen (und auch Merch) gesammelt. Der Fokus der ersten Tage lag klar auf den Hauptbühnen, aber dass es am Sziget auch abseits dieser viel zu entdecken gibt, hat uns eine kleine Sidequest quer durchs Gelände gezeigt, wo an jeder Ecke wunderschöne Kunst zu sehen ist.
Sisi
Die erste Überraschung des Tages brachte die ungarische Rapperin Sisi. Obwohl es der letzte Festivaltag war, extrem viel Staub und Hitze in der Luft lagen und sie hauptsächlich national bekannt ist, hat schon eine große Menge bei der Mainstage auf sie gewartet. Ohne ein Wort zu verstehen, haben uns ihre Energie und ihr Vibe sofort abgeholt. Von Minute zu Minute passierte mehr auf der Bühne: Es gab Skateboarder:innen, Background-Tänzer:innen und es wurde auf „Free Palestine“ aufmerksam gemacht. Dazu kommt, dass Sisi wirklich keine Scheu vor dem Publikum hatte und entspannt durch die Crowd spazierte. Sie war nur begeistert, wie viele Fotograf:innen sich im Fotograben befanden.
bbno$
Bei bbno$ wird schnell klar, dass hier nicht alles ganz ernst genommen werden muss. Das macht den Auftritt so sympathisch. Der kanadische Rapper liefert eine wilde Mischung aus Internet-Humor, kurzen, absurden Songs und ordentlich Energie. Er schafft es damit, die Main Stage innerhalb kürzester Zeit in eine riesige Party zu verwandeln. Zwischen „Lalala“, „Edamame“ und jeder Menge Selbstironie holte er sogar Baby Lasagna auf die Bühne und kündigte kurzerhand an, Kanada beim Eurovision Song Contest vertreten zu wollen.
Cassia
Die Band Cassia bringt genau das mit, was man sich an einem heißen Sziget-Nachmittag wünscht. Es gibt jede Menge gute Laune und einen Sound, der nach Sommer klingt. Die britische Band verbindet Indie-Rock mit Afrobeat-Einflüssen und eingängigen Melodien und schafft damit eine ziemlich entspannte, aber trotzdem tanzbare Atmosphäre. Besonders Songs wie „lemon gelato“ fühlen sich an, als wären sie direkt für einen sonnigen Festivalnachmittag geschrieben worden. Genau dort funktionieren sie auch hervorragend.
Zimmer90
Sehr ähnliche Vibes brachten dann etwas später das deutsche Indie-Duo Zimmer90. Ihren Sound kennen wir schon gut und würden sagen, er ist perfekt für das internationale Publikum vom Sziget geeignet. Es ließ sich nur leicht anmerken, dass bei manchen Festivalgeher:innen nicht mehr ganz so viel Energie übrig ist. Während ihre Songs so nach der Zeit vielleicht etwas eintönig klangen, war es ein entspannter Abstecher zur Revolut Stage und perfekt, um das Festival langsam ausklingen zu lassen.
Skrillex
Die Erwartungen an Skrillex waren hoch. Gerade als letzter großer Act auf der Main Stage hatten wir auf eine Bühnenshow gehofft, die in Sachen Inszenierung in Richtung der fast schon legendären Shows von Justice geht. Und tatsächlich wurde bei der Show einiges aufgefahren: Licht, Visuals, Feuer und jede Menge durchdachte Elemente sorgten immer wieder für beeindruckende Momente. Trotzdem wollte der Funke bei uns nicht ganz überspringen, denn irgendwann wirkte das Konzept zunehmend repetitiv und die großen Wow-Momente blieben aus. Musikalisch wurde natürlich ordentlich abgeliefert und auch das Publikum ging bis zum Schluss mit. Für uns blieb am Ende aber ein bisschen das Gefühl, dass aus dieser Show noch deutlich mehr hätte herausgeholt werden können.
Fazit
Simone
Ich hab mich nicht ohne Grund das ganze Jahr auf das nächste Sziget gefreut und stolz erzählt, dass es das beste Festival ist. Die Atmosphäre der „Island of Freedom“ kann man nicht einmal annähernd mit Konkurrenten wie etwa dem Frequency vergleichen. Es vereint Menschen aus der ganzen Welt, die jedes Jahr für mehr als nur zum Feiern und Livemusik erleben nach Budapest reisen. Dazu kommt ein Line-up, was auch dieses Mal wieder sehr positiv herausstach. Das Sziget 2027 ist schon ein fixer Termin für mich :))
Fabian
Staubtrocken, heiß und anstrengend, so erlebt man die Island of Freedom. Aber genau diese Atmosphäre, vollgepackt mit nationalen und internationalen Artists, macht es einem so leicht, sich auf dieser Insel zu verlieren und sich in sie zu verlieben.
Lisa
Zugegeben, ich habe im Vorhinein den Slogan „Island of Freedom“ etwas belächelt und als schlechten Marketingspruch abgetan, der an die Zeiten rund um die 1968er-Revolte erinnern und den Hippie-Flair hochleben lassen soll. Aber ja, ich wurde eines Besseren belehrt. Beim Sziget geht es nicht darum, irgendwelche verstaubten Klischees hochleben zu lassen. Sondern geht es viel mehr darum, einen Ort zu schaffen, an dem jede Person sein kann, wie sie möchte. Die Veranstalter schaffen gemeinsam mit unzähligen Partner*innen und Musiker*innen einen Safe Space. Dieser ermöglicht es, das wahre Ich auszuleben, ausgelassen zu tanzen, das zu tragen und sich so zu stylen, wie man möchte, und neue Menschen kennenzulernen, die vielleicht schon bald gute Freund*innen sein können.
Beim Sziget geht es eben nicht nur um Musik, sondern um die Erfahrung, anzukommen, sich selbst zu feiern und die Connection zu anderen Menschen zu spüren. Und vielleicht ist genau das „Island of Freedom“. Ein Ort, an dem für ein paar Tage ziemlich egal ist, wer man im Alltag sein muss – und einfach zählt, wer man sein möchte.