Tocotronic: relevanter denn je
Golden Years – das aktuelle Studioalbum der Hamburger Indie-Rock-Veteranen Tocotronic. Vergangenen Mittwoch auch im Posthof Linz auf der Frischluft-Stage zu Gast. Ein Konzert, das bewies, dass die Formation nichts an Aktualität eingebüßt hat.
Es gibt nicht viele Bands, die das Wort „relevant“ für sich behaupten wollen. Tocotronic sind mit Sicherheit eine davon. Seit 1993 sind Dirk von Lowtzow, Dr. (mittlerweile) Arne Zank und Jan Müller aus der Hamburger Musiklandschaft nicht wegzudenken. Digital ist Besser sangen sie etwa schon 1995 – ein Song, der auch auf der aktuellen Tour vertreten war. Gut 1000 Leute waren dann auch gekommen. Von alten Musikfans, die mit der Band mitgewachsen waren, bis zu Neuankömmlingen im Tocotronic’schen Universum war alles vertreten.
Support: Karl und seine Musikanten
Support? Gab es. Bedauernswerterweise stand der schon um 19:15 auf der Bühne. Bedauernswert? Ja, denn auf den Eintrittstickets stand halt 19:30 als Beginnzeit. Wenn das Set von Tocotronic länger dauert, dann muss der Start offensichtlich curfew-bedingt vorverlegt werden. Schade, denn so haben das Set von KARL und seinen Musikanten nicht alle Gäste mitbekommen.
Karl stammt aus Wien, die Band dementsprechend auf. Er bezeichnet sich selbst als „kreative Seele“ und reiht sich in Artists ein, die aktuell deutschsprachigen Pop neu interpretieren. Künstler wie Laurenz Nikolaus, Cordoba78, Lusterboden und viele mehr wären weitere Beispiele. Ein bisschen Ausflug nach Italien muss da natürlich auch sein, Hommagen an die Bundeshauptstadt natürlich auch. Ob das stilistisch zu Tocotronic passt? Vielleicht nicht hundertprozentig, aber als geneigter Zuhörer darf man seinen musikalischen Horizont ja durchaus mal erweitern.
Tocotronic: Auftauchen, Protestieren, Abrocken
Um kurz nach 20 Uhr betritt das Hamburger Quartett die Bühne. Quartett? Ja, denn nach dem Ausstieg von Rick McPhail im Jahr 2024, der Tocotronic zwei Jahrzehnte lang an der Leadgitarre entscheidend mitprägte, wurde Ersatz gefunden. Felix Gebhard hat den Part übernommen – der ist unter anderem auch bei Zahn aktiv, die uns schon am Maifeld Derby nachhaltig beeindruckt hatten. Klingt stilistisch anders als Tocotronic, aber auch hier wurde das Instrument würdig nachbesetzt. Die Setlist? Ein buntes Programm aus drei Jahrzehnten Bandgeschichte. Was mit Das Unglück muss zurückgeschlagen werden aus K.O.O.K. beginnt, hat mit Digital ist Besser als drittem Song einen frühen Höhepunkt. Es folgen Protestsongs mit Denn Sie Wissen Was Sie Tun und Sie Wollen Uns Erzählen, Tocotronic’sche Erzählungen mit Ich Hasse Es Hier und Wie Ich Mir Selbst Entkam.
Gefolgt von einem berührenden Ich Tauche Auf. Und ja, nicht nur wir hätten uns Anja Plaschg in dem Moment auf der Stage gewünscht. Im letzten Drittel wird es rockiger mit dem 1999er-Klassiker Let There Be Rock, Drüben auf dem Hügel und Alles was ich immer wollte war alles. Soweit zum regulären Set. Zugaben? Klar. Hi Freaks, This Boy Is Tocotronic, Die Welt kann mich nicht mehr verstehen. Hier schön zu sehen, dass auch Mittfünfziger wieder Teil einer Jugendbewegung werden und im Moshpit stehen. Zum Abschied gibts ne Explosion und fast schon Post-Rock mit Freiburg. Nichts Neues, was man nicht von anderen Tourstopps schon erwartet hätte. Und klar hätte man sich Klassiker wie Pure Vernunft darf niemals siegen oder Im Zweifel für den Zweifel auch noch gerne live angehört. Jammern auf hohem Niveau aber.
Fazit
Nun, zur Setlist wurde schon vieles gesagt. Was ist aber ein Tocotronic-Konzert 2026? Wohl vor allem einmal ein Statement. Ein Statement einer Band, die angesichts der politischen Großwetterlage inklusive multipler Gewitterzellen aktueller denn je scheint. Dazu ein gut aufgelegter Dirk von Lowtzow. Tocotronic sind eine Band, die nicht wenige Musikenthusiasten (uns inklusive) mehr als nachhaltig beeinflusst haben. Eine Band, die auch 2026 noch etwas hat, was man an Artists schätzen gelernt hat: Haltung. Und wenn das dann so klingt wie in diesen knappen zwei Stunden am Mittwochabend im Posthof, dann weiß man, dass man vielleicht im Nachhinein auf der richtigen moralischen Seite gestanden hat.
Fotos: Christoph Leeb, Larissa Schöfl