Das Klassenzimmer von Mathilda. Kinder in tristen, grauen Uniformen und die freundliche Lehrerin.
Foto: Barbara Pálffy

Grandioser Auftakt: Roald Dahl’s Matilda läutet die neue Saison ein

Das Musical zum Buch feierte 2010 Theaterpremiere, die Verfilmung folgte 2022 im Kino. Nun eröffnet die Bühnenfassung die Theatersaison 2026/27 am Landestheater Linz. Junge Darsteller:innen mit starken Stimmen treffen auf bekannte Ensemble-Gesichter. Die Themen des Kinderbuchs von 1988 sind fast 40 Jahre später noch immer aktuell.

Roald Dahl, der Autor von Matilda, wurde 1916 in Wales geboren. Bekannt wurde er vor allem durch seine Kinderbücher. Charlie und die Schokoladenfabrik (1964), Hexen Hexen (1983) oder Der fantastische Mr. Fox (1970). Als Kind verlor er bald seinen Vater und musste ein Internat besuchen. Die Zeit dort war geprägt von körperlichen Strafen und Mobbing, was wohl als Inspiration für viele seiner Bösewichte diente. Später machte er angenehmere Erfahrungen in einer öffentlichen Schule, die direkt neben der Cadbury Schokoladenfabrik war. Für seine Geschichte „Matilda“ scheinen jedoch die Erfahrungen im Internat Inspiration gewesen zu sein.

Matildas Albtraum: eine kurze Einführung in den Inhalt der Geschichte

1. Akt

Wobei der Anfang wohl eher der Albtraum ihrer Eltern ist: Frau Wurmwald geht, geplagt von Bauchschmerzen und vermeintlichen Blähungen, zum Arzt, der mit Begeisterung feststellt, dass sie schwanger ist. Diese Begeisterung teilt Frau Wurmwald jedoch nicht. Auch die Euphorie von Herrn Wurmwald ist schnell dahin, als er mit Entsetzen feststellt, dass sein unerwartetes Kind kein Junge ist.

Die Jahre vergehen und Matilda passt noch immer nicht in das Leben ihrer Familie. Ihr betrügerischer Vater nennt sie beharrlich einen Jungen, während ihre exzentrische Mutter viel lieber hätte, dass sie wie ihr hirnloser Bruder fernsieht, anstatt ständig zu lesen. Nur in der Bibliothek findet das kluge Mädchen Ruhe und eine Freundin, der sie ihre fabelhaften Geschichten erzählen kann. Zu Hause lernt Matilda, sich zu wehren und ihre Familie mit kleinen Streichen auszutricksen. Etwa indem sie die Haare ihres Vaters grün färbt.

In der Schule bekommt Matilda eine engagierte Lehrerin, Frau Honig. Doch die gesamte Schülerschaft zittert vor der Direktorin Frau Knüppelkuh. Die ehemalige Weltmeisterin im Kugelstoßen führt die Schule mit eiserner Hand und bestraft jedes noch so kleine Vergehen. Ihr berüchtigster Folterapparat ist der Röchler.

2. Akt

Als Matildas Freundin Lavender der Direktorin einen Molch in den Wasserkrug setzt, will Frau Knüppelkuh einen unschuldigen Schüler bestrafen. Matilda kann die Ungerechtigkeit nicht länger ertragen und entdeckt dabei ihre außergewöhnliche Fähigkeit: Sie kann Gegenstände mit ihren Gedanken bewegen. Gemeinsam mit ihren Mitschülern beginnt sie, sich gegen die Direktorin aufzulehnen.

Während Matilda der Bibliothekarin Frau Phelps ihre Geschichte vom Entfesselungskünstler und der Akrobatin erzählt, erkennt sie schließlich deren Verbindung zu Frau Honig. Die Akrobatin starb bei der Geburt ihrer Tochter, die später von ihrer grausamen Tante aufgezogen wurde. Diese Tante ist niemand anderes als Frau Knüppelkuh, und Frau Honig ist das Mädchen aus Matildas Geschichte.

Mit ihren Kräften gelingt es Matilda schließlich, Frau Knüppelkuh zu vertreiben. Frau Honig erhält das Haus ihres Vaters zurück und übernimmt die Schule. Auch für Matilda beginnt ein neues Leben: Als ihre Eltern wegen der kriminellen Geschäfte ihres Vaters das Land verlassen wollen, darf Matilda bei Frau Honig bleiben. Zum ersten Mal hat sie ein Zuhause, in dem sie so sein darf, wie sie ist.

Die neue Generation auf der Bühne

Neben vielen bekannten erwachsenen Gesichtern des Linzer Landestheaters stehen in Matilda auch zahlreiche junge Talente auf der Bühne. Dafür wurden seit Februar Kinder aus den Musikschulen des Landes intensiv ausgebildet, um ihnen eine professionelle Bühnenleistung auf diesem Niveau zu ermöglichen. Das lange Training hat sich definitiv gelohnt: Das gesamte Kinderensemble beeindruckt mit einer unglaublichen Professionalität und Spielfreude und kann sich absolut mit den ausgebildeten erwachsenen Darstellern messen. Besonders viel Freude macht es, während des Musicals die gesamte Klasse auf der Bühne zu erleben und dabei die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Kinder zu beobachten. Haltet euch fest – diese Kinder werden noch groß rauskommen!

In der Preview durfte ich Leonie Cydlik als Matilda, Felix Hansl als Bruce und Eva oder Greta Winkelhofer als Lavendel erleben. (Welche der beiden Zwillinge auf der Bühne stand, finde ich noch heraus – bitte entschuldigt, ich kann euch wirklich nicht auseinanderhalten!). Die Darstellerin der Lavendel überzeugte bei ihrem Monolog mit fantastischem komödiantischem Timing. Felix Hansl beeindruckte als Bruce nicht nur mit dem längsten Rülpser, den ich je gehört habe, sondern auch mit einem unglaublich sympathischen und charmanten Spiel.

Und nun zu Leonie Cydlik als Matilda: Dass eine 13-Jährige eine Kinderrolle spielt, die fast durchgehend auf der Bühne steht und dabei eine derart professionelle Leistung abliefert, ist wahnsinnig beeindruckend. Ich bin ein großer Fan von Leonies klarer Stimme und war besonders von der Darbietung ihrer langen Monologe fasziniert. Sie blieb durchgehend in ihrer Rolle und verwandelte Matilda in eine lebendige, kluge und wunderbar freche Figur. Wahnsinn!

Kinder(un)freundliche Erwachsene

Wo wir schon bei den Unfreundlichen sind, fangen wir gleich mit einem der bekannten Stars und offensichtlich verdienten dreifachen Publikumslieblinge des Landestheaters an: Gernot Romic. Als Frau Knüppelkuh ist er definitiv nicht der Liebling der Schüler:innen, liefert aber eine fast schon gewohnt grandiose Darstellung der gefürchteten Schuldirektorin. Ich kenne Gernot Romic auf der Bühne vor allem aus Rollen, die eine große körperliche Verwandlung verlangen. Und egal, ob als Dorothy in Tootsie, als Lord Farquaad (auf Knien!) in Shrek oder nun als Knüppelkuh – immer wieder gelingt ihm diese Verwandlung scheinbar mühelos. Es ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend, wie sehr er in seinen Figuren aufgeht.

Auch in Matildas Familie finden sich nicht gerade Sympathieträger. Besonders begeistert bin ich vom perfekten Casting von Astrid Nowak als Frau Wurmwald. Diese schrille Rolle steht ihr wahnsinnig gut. Sie harmoniert sowohl mit ihrem Bühnenmann David Rodriguez-Yanez als Herrn Wurmwald als auch mit dem wahnsinnig lustigen Fabian Koller als Rudolpho. Vor allem in ihrem Solo „Laut“ glänzt nicht nur ihr Kostüm auf der Bühne, sondern auch Astrid Nowak selbst. Ein weiteres Familienmitglied ist Lukas Sandmann als Matildas verblödeter Bruder Michael, der mich mit jedem seiner wenigen Worte zum Lachen bringt. Die gemeinsame Eröffnung des zweiten Akts von Sandmann und Rodriguez-Yanez mit „Ich bin schlau, weil ich viel fernseh“ ist zum Schreien komisch. So komisch, dass sogar das von mir bereits kritisierte, eher zurückhaltende Linzer Publikum begeistert mitsingt.

Ebenfalls laut lachen musste ich über Rudolphos Hüftschwung. Eine derart ernste Miene zu bewahren, während das gesamte Haus über diesen wahnsinnig komischen Hüftschwung lacht, ist schon eine Kunst für sich. Ich kritisiere ja gerne – nicht nur hier, sondern auch im Alltag – die fehlende Tanzbegabung der Männer im Musicalbereich. Doch Fabian Koller räumt mit diesem Vorwurf definitiv auf.

Kinderfreundliche Erwachsene und erwachsene Kinder

Die erste sympathische Rolle, die wir in Matilda kennenlernen, übernimmt Sarah Schütz als Bibliothekarin und erwachsene Freundin Frau Schilf. Sie verkörpert die warme und unterstützende Figur zwischen all den Büchern unglaublich sympathisch und gibt Matilda einen sicheren Ort, an dem sie sie selbst sein darf. Die Rolle der Lehrerin Frau Honig übernimmt Patrizia Unger. Sie mimt die unsichere, aber gleichzeitig bemühte und warmherzige Lehrerin so überzeugend, dass man ihr die Rolle sofort abnimmt. Besonders in ihrem Song „Peinlich“ hören wir ihre wunderschön klare Stimme, während sie gleichzeitig eine schauspielerisch sehr zerrissene Stimmung vermittelt.

Zwei weitere Rollen haben zwar verhältnismäßig wenig Text und erscheinen fast ausschließlich hinter der Gaze, entfalten aber trotzdem eine große emotionale Wirkung: Anneke Brunekraft und Christian Fröhlich als Akrobatin und Entfesselungskünstler. Vor allem Fröhlichs Erscheinung als Vater gegen Ende des Musicals löst bei mir große Emotionen aus. Wenn ich mal groß bin, möchte ich es auch schaffen, wortlos eine Bühne zu betreten und allein durch meine Präsenz bereits das Publikum zu bewegen.

Das Ensemble übernimmt im Musical häufig mehrere erwachsene, aber auch jugendlichere Rollen. Dabei ist es durchaus amüsant, erwachsene – teilweise schon leicht ergraute – Darsteller in Schüleruniformen zu sehen. Im Original werden viele dieser Rollen tatsächlich von jüngeren Darstellern übernommen. Dem Landestheater gelingt es hier nur teilweise, das sichtbar erwachsene Ensemble optisch zu verjüngen.

Das ist allerdings auch meine einzige etwas negative Anmerkung zum Musical und richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Leistung der gecasteten Darsteller:innen. Denn schauspielerisch legen sie bereits von Beginn an ordentlich los. Im „ABC-Schullied“ mimen sie kleine Gangster und vom Röchler traumatisierte und abgehärtete Jugendliche; und das mit ordentlich Spielfreude.

Alles Rundherum

Meine persönlichen Highlights sind die großen Ensemble-Nummern. Vor allem „Wenn ich mal groß bin“ ist wunderschön choreografiert und inszeniert. Ich war sehr gespannt auf die Umsetzung und fand die Idee mit den bunten Papierflugzeugen in der ansonsten grauen Schulwelt genial. Bunt darf es schließlich auch beim „Aufstand“ werden: Das Gute siegt und plötzlich kommt Farbe in Kostüme, Bühnenbild und Lichtdesign. Ein toller visueller Schachzug, um den Sieg der Kinder und der Gerechtigkeit zu feiern.

Die Choreografie von Melissa King schafft es, viel Tanz und Bewegung einzubauen, ohne die Nummern überchoreografiert wirken zu lassen. Besonders schön fand ich die wegweisende Choreografie in Matildas Soli, die trotzdem genügend Raum für Spontanität und Kindlichkeit lässt. Genau diese Mischung macht die Bewegungen so passend zur Geschichte.

Auch das Bühnenbild von Stephan Prattes ist sehr gelungen. Auf der Bühne finden sich meist schwere, wenig kinderfreundliche Bücher mit grauen Covern. Auch das Büro von Frau Knüppelkuh ist von grauen Fernsehern geprägt, während die Schultische ebenfalls grau und ungemütlich wirken. Alles vermittelt eine beklemmende und trostlose Atmosphäre. Die auf- und abfahrenden Seitenbühnen sind dabei ein besonders kluges Element und werden, wann immer sie gebraucht werden, zum zentralen Schauplatz. Mit wenigen Mitteln werden wir so ins Wohnzimmer der Wurmwalds oder in die Bibliothek von Frau Schilf entführt. Das Bühnenbild wird nahtlos durch das Lichtdesign ergänzt, das mir vor allem am Ende endlich bunt entgegenleuchtet.

Auch die Kostümabteilung unter der Leitung von Judith Peter hilft den Darsteller:innen dabei, sich vollständig in ihre Charaktere zu verwandeln. Hair & Make-up macht diese Verwandlung komplett. Vor allem Figuren wie Frau Wurmwald und Frau Knüppelkuh begeistern mich mit ihrer Liebe zum Detail und ihrer starken Wirkung auf der Bühne.

Und ohne die Musiker unten im Orchestergraben wäre es auf der Bühne natürlich ziemlich leise. Wieder einmal durften wir dem genialen Orchester des Linzer Landestheaters unter der Leitung von Tom Bitterlich und erstmals auch Tim Jasper lauschen. Die Band, passend zum Musical „Die Röchler“ genannt, rockt. Und ja, wir erwarten diese Qualität inzwischen fast schon – einfach, weil wir es gewohnt sind, dass die Band großartig ist. Aber genau das darf man eigentlich nicht als selbstverständlich ansehen. Abend für Abend und Spielzeit für Spielzeit aufs Neue so abzuliefern, ist eine Leistung, die mindestens genauso viel Applaus verdient.

Fazit

Matilda, das Musical ist ein Musical, das einfach Spaß macht. Mit einer großartigen Besetzung, einem starken Kinderensemble, mitreißender Musik, tollen Choreografien und einem Bühnenbild, das die zunächst graue Welt am Ende wortwörtlich zum Leuchten bringt. Besonders schön finde ich, dass die Inszenierung nicht nur Kindern etwas zu erzählen hat. Es geht um Mut, Fantasie, Zusammenhalt und darum, sich nicht damit abzufinden, wenn Erwachsene ihre Macht missbrauchen. Und ganz nebenbei darf man dabei ziemlich viel lachen.

Gleichzeitig steckt in der Geschichte eine Botschaft, die heute vielleicht aktueller ist denn je: Matilda findet ihre Welt in Büchern, während ihre Familie vom Fernsehen geradezu hypnotisiert wird. Was 1988 noch die Warnung vor zu viel Fernsehen war, lässt sich 2026 problemlos auf unsere Smartphones übertragen. Das Theater wird damit zu dem Ort, an dem wir wieder zuhören, Geschichten erleben und unserer Fantasie Raum geben.

Wer also Lust auf einen unterhaltsamen, musikalisch starken und gleichzeitig überraschend zeitgemäßen Theaterabend hat, sollte sich Matilda definitiv nicht entgehen lassen. Also: weniger ins Handy schauen und mehr ins Theater gehen, sonst sperr ich euch in den Röchler! Den Link zu den Tickets findet ihr hier.

Musicaldarstellerin zu sein ist mein größter Traum und gleichzeitig bin ich viel zu neugierig, um nur eine Sache zu machen. Ich liebe die Bühne, Tanz und Geschichten, aber genauso Events, Content Creation und kreative Projekte. Deshalb bin ich Musicaldarstellerin, Tänzerin, Tanztrainerin, Eventmanagerin, Content Creatorin, und Sprecherin/Moderatorin in Ausbildung. „Fake it till you make it“ begleitet mich dabei ziemlich gut: Wenn ich etwas machen möchte, probiere ich es aus und lerne den Rest unterwegs. Schön, dass du hier bist. ♡