Pferdemähne
Foto: Avi Theret / unsplash

Von Kriegen, Pferden und den Downs: „Im ersten Licht“ von Norbert Gstrein

In diesem Roman begleitet die Leserschaft Adrian Reiter. Geboren 1901 erlebte er die Weltkriege aus der Perspektive eines Unbeteiligten. Aufgrund einer Verletzung war Adrian selbst nie Soldat gewesen. Dieser Antikriegsroman bespricht Pflicht und Ehre, Gedenken und Erinnern sowie Zugehörigkeit, ohne Teil davon gewesen zu sein.

Die Geschichte beginnt mit den Worten “Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen (…)”. Diese Gegebenheit sollte eine bedeutende Rolle in der darauffolgenden Erzählung spielen. Die Dreiteilung des Buchs orientiert sich an drei Personen, die Adrian prägten und ihn in drei unterschiedlichen Phasen seines Lebens begleiteten. Mit jeder Figur wird ein bestimmter Aspekt der Kriegshandlungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges beleuchtet. Dadurch wird Adrian Reiter selbst zu einem Charakter, der stellvertretend für so viele Menschen steht, die mit den Erfahrungen und Erinnerungen an die beiden Weltkriege leben. Denn, obwohl er selbst nie Soldat gewesen war, waren die Kriege für ihn immer präsent und von Bedeutung. Er selbst wurde Lehrer für Geschichte und Englisch. Dabei erzählt er von Schlachten und Kriegen, obwohl er selbst nie im Krieg gewesen war. Und er lehrt Englisch, obwohl er noch nie England besucht hatte – für die längste Zeit seines Lebens zumindest.

Hörprobe zu »Im ersten Licht« von
Norbert Gstrein auf hanser-literaturverlage.de/

Adrians drei Begleiter

“Im ersten Licht” teilt das Leben von Adrian Reiter in drei Teile, namentlich: Ernest Eller, Martin Baumgartner und Teddy Stephen. In einem kurzen vierten Abschluss schreibt sich der Autor vermeintlich selbst in die Geschehnisse ein. Jede Person vertritt einen Teilaspekt der Weltkriege, erzählt von Verletzung, Pflicht und Vergessen. Norbert Gstrein ist es dabei gelungen, die Sprache der jeweiligen Jahre einzufangen, die Überzeugungen und Bedenken in den damaligen Worten auszudrücken und dadurch die Glaubwürdigkeit und (Nicht-)Sympathie gegenüber Adrian zu gestalten. “Im ersten Licht” ist kein kitschiger Historienroman, sondern eine mit Feingefühl erzählte Erinnerung von der Vergangenheit an die Gegenwart.

Ernest Eller

Ernest Eller ist einer der vielen Kriegsverletzten des Ersten Weltkriegs. Adrian Reiter lernt ihn 1920 in einem Café kennen, worauf sich eine Freundschaft entwickelt. Durch ihn werden Aspekte des Veteran-Seins beleuchtet. Durch die Entstellungen der lebenden, aber meist stark verletzten Soldaten des Ersten Krieges mit Einsatz von Giftgasen und ähnlichen modernen Waffen sind diese in eigenen Einrichtungen „eingegliedert“ und gelten als Schreckgestalten. Adrian ist bis zu einem gewissen Grad fasziniert von Ernest Eller und den Männern rund um diesen. Themen wie Trauma, Scham, psychische Folgen sowie Suizid werden in diesem Teil fokussiert.

Martin Baumgartner

Martin Baumgartner begleitet Adrian im zweiten Teil. Er ist Adrians Schüler und repräsentiert die überzeugten Wehrmachtssoldaten des Zweiten Weltkriegs. Um einiges jünger als Adrian fordert Baumgartner ihn immer wieder heraus und stellt viele Fragen. Es entwickelt sich eine emotional unausgeglichene Beziehung, die sehr viele Jahre aufrechterhalten bleiben sollte. Durch Baumgartner kann Adrian an den Geschehnissen des Krieges teilhaben. Mit der Zeit kommen immer weitere Details zu den Einsätzen in Baumgartners Umfeld auf – Geschehnisse, die auch aufgrund realer Persönlichkeiten Berühmtheit erlangt haben. Es kommen Bedenken rund um die Schuld und Nicht-Schuld der beteiligten Soldaten auf, von Wissen und Nicht-Wissen, was schließlich zur Frage der allgemeinen und individuellen Beteiligung sowie zur eigenen Schuld an den Geschehnissen und Gräueln des Zweiten Weltkriegs führt. 

Teddy Stephen

Der dritte Teil führt Adrian Reiter nach England, wo er nicht nur eine neue Welt kennenlernt, sondern auch die Vergangenheit bis zu einem gewissen Grad aufarbeiten kann. Sein Begleiter für diesen Teil: Teddy Stephen. Genaugenommen ist es nicht Teddy selbst, der in Adrians Leben tritt, sondern Teddys Schwestern Vivian und Veronica. Teddy Stephen war Soldat und wurde mit der Begründung des Verrats durch das Militär hingerichtet. Gemeinsam mit einem etwas fanatisch wirkenden Historiker hat vor allem Vivian das Ziel, zu zeigen, dass ihr (Halb)Bruder nichts Falsches getan hatte. Adrian findet dadurch in der Ferne des ehemaligen Feindes einen Ort, an dem auch er seine Vergangenheit aufarbeiten und auf seine Art verarbeiten kann.

Vom Erinnern und Vergessen

Dieser dritte und letzte Teil hat mich besonders beschäftigt. Die Geschehnisse rund um das Ableben von Teddy Stephen zeigen, im Rahmen des gesamten Buches gebettet, wie lange es tatsächlich dauert, bis eine Gruppe bereit ist, gesamtgesellschaftliche Verbrechen und Gräuel aufzuarbeiten, sich damit zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Im Falle Teddy Stephen steht ein Historiker an der Spitze dieses Vorhabens. In einer Gesellschaft, in welcher der Großteil an die Pflicht und Ehre gegenüber der eigenen Nation glaubt, bemüht sich dieser darum, die Schuld des militärischen Kommandos zu beweisen. Die Geschichte von Teddy Stephen zeigt, wie es in den 1950er und 1960er Jahren langsam zu einem Umdenken gegenüber der Schwarz-Weiß-Fassade der Kriegsgeschehnisse kommt.

Die Figur Adrian Reiter bringt diese Frage nach Schuld, Pflicht und Verrat nach Österreich und in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Wie geht er persönlich mit der “nicht erfüllten” Pflicht um? Inwiefern ist Adrian dennoch Schuld an den Geschehnissen des nationalsozialistischen Regimes? Alles Bedenken und Zweifel rund um die allumfassende Frage, welche Rolle er in den Weltkriegen eingenommen hatte. Von diesem Individuum auf ganz Österreich geschlossen, geben die darin angesprochenen und angedeuteten Gedanken einen wichtigen Nährboden für aktuelle Fragestellungen. Denn obwohl sich seit der Affäre rund um Kurt Waldheim und weiteren Skandalen dieser Zeit vieles im Rahmen der Gedenk- und Erinnerungskultur getan hat, sind diese Anstöße auch aktuell bedeutend für die politische Landschaft in Österreich, Deutschland und Europa.

Fazit

Mit zum Teil langen, aber doch nicht (allzu) verschachtelten Sätzen hat Norbert Gstrein eine ganz besondere und angenehme Art, seine Geschichten zu erzählen. Er schafft es, aus der Zeit der Geschehnisse zu sprechen und die damaligen Worte zu nutzen, um eine Geschichte der Gegenwart zu schreiben. Es ist eine Erzählung und kein Thriller, und vielleicht genau deswegen begleiten die Figur Adrian Reiter und dessen Kumpanen den/die Leser/in so konstant und langanhaltend. Zu erwähnen ist, dass es sich – den Klischees einer Kriegserzählung folgend – um eine deutlich männliche Geschichte handelt. In der Geschichte und Geschichtsforschung werden Frauenfiguren oftmals übersehen und als nicht wichtig anerkannt, weswegen ich diesen Punkt als sehr starken Kritikpunkt an dem Buch gesehen habe. Je länger ich jedoch darüber nachdenke, desto mehr sehe ich diesen Aspekt als bewusstes Stilmittel. Ein Stilmittel, um die Umstände einer vom Krieg getriebenen Figur zu verdeutlichen. Denn selbst wenn es beispielsweise eigentlich um eine Frau und die mögliche Zuneigung zu dieser geht, stehen ein Soldat und Adrians nicht erfüllte Rolle als solcher im Vordergrund.

Jede/r, ob nun mit den Geschehnissen der Weltkriege bewandert oder nicht, findet in “Im ersten Licht” einen Aspekt, an dem festzuhalten ist. Angenehm und charmant erzählt, gibt Norbert Gstrein viele mögliche Anstöße, um über das eigene Gedenken und Erinnern, über das eigene Pflichtbewusstsein und das eigene Handeln nachzudenken. Authentisch und persönlich zeichnet er eine Gesellschaft, die von den Gräueln zweier Kriege gekennzeichnet ist und nach und nach lernt, damit umzugehen.

Norbert Gstrein

Norbert Gstrein ist 1961 in Tirol geboren und lebt in Hamburg. Mit seinen Werken hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Darunter den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung oder den Österreichischen Buchpreis 2019. Die neueste Auszeichnung ist der Siegfried-Lenz-Preis 2026, welchen Norbert Gstrein im September feierlich in Hamburg überreicht bekommen wird. Im Gespräch einer Lesung im April 2026 gab er Auskunft darüber, dass er sich auch selbst in manchen Aspekten von “Im ersten Licht” wiederfindet. Außerdem sei er stolz auf das Pferd sowie die Downs. Zwei Stichworte, welche in der Geschichte selbst eine bedeutende Rolle spielen sollten.


Im ersten Licht

von Norbert Gstrein

Hanser Verlag
416 Seiten, Deutsch, gebundenes Buch / E-Book

€ 27,80 (gebunden) / € 19,99 (E-Book) – jetzt bestellen

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Kreativ offenes Köpfchen, meist mit Kamera und Notizbuch vorzufinden.