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Donots: „Das war fast schon Audio-Vergewaltigung“

Donots: „Das war fast schon Audio-Vergewaltigung“

 

Seit 1994 stehen die Donots als Symbol für deutschen Punk-Rock und für Konzerte, wo kein Besucher ruhig verharrt. subtext.at traf sie und befragt sie über ihre Anfangszeit, altersbedingte Verschleißerscheinungen und die Flucht vor Nazis.

subtext.at: Ihr stammt aus dem kleinen Dörfchen Ibbenbüren, wo ihr bereits 1994 euer erstes Konzert gegeben habt. Habt ihr noch spezielle Erinnerungen daran?
Guido:
Die Scheune, wo das Konzert stattfand – also das Jugendzentrum – gibt’s heute auch noch. Wir haben da auch einen Haufen gute Bands gesehen. Von unserem ersten Austritt 1994 gibt’s sogar noch ein Video – und das ist ja mal ganz schlimm. Wir sehn aus wie Sau.
Jan-Dirk: Wir sehn aus wie Sau – es klingt aber auch wie Sau. Das ist ja fast schon eine Audio-Vergewaltigung.
Guido: Ich hatte so nen blonden Helm aus Haaren, und wir haben da halt ein paar eigene Nummern und ein paar Cover-Versionen, unter anderem von den Sex Pistols oder The Clash, gespielt. Das war dann wirklich eher eine Vergewaltigung und ganz bestimmt nicht gut.

subtext.at: Im Nachhinein gesehen – ist es für euch eher ein Vor- oder ein Nachteil, aus einem so kleinen „Kaff“ zu kommen.
Guido:
Sowohl als auch. Wenn du zum Beispiel aus Berlin kommst, hast du automatisch diesen „Großstadtbonus“. Immer wenn etwas aus Berlin ist, scheint es für die Leute interessanter und toller zu sein. Aber das Schöne als Ibbenbürener ist, dass da eine Lobby da war, weil jeder jeden kannte.

subtext.at: Jetzt seid ihr mittlerweile doch schon mehr als ein Jahrzehnt in diesem Geschäft tätig. Man wird ja auch körperlich älter – merkt ihr schon gewisse Verschleißerscheinungen?
Guido: Ich merk das nachher, weil ich nicht mehr so viel vertrage. Nach vier Bier bin ich dann meistens dicht (lacht). Ansonsten eigentlich nein.
Jan-Dirk: Sobald du auf die Bühne gehst sind die Donots an und es ist egal, wie alt du bist oder ob du einen Kater hast. Das beste Katermittel ist die Bühne, da ist so viel Adrenalin im Spiel.

subtext.at: Und am Tag danach – merkt ihr da Unterschiede zu früher?
Guido: Wenn wir länger nicht gespielt haben, da merk ichs schon, dass ich manchmal einen Moshnacken hab, obwohl ich gar nicht am Moshen war. Links-Rechts schauen tut weh, die Schultern tun weh, und die Hände sind auch immer in Mitleidenschaft gezogen vom Spielen.
Jan-Dirk: Ja, das war aber schon immer so.
Guido: Stimmt auch wieder.

subtext.at: Ihr seid schon Veteranen – gibt es einen Punkt, wo die Donots aufhören würden?
Jan-Dirk: Ich glaube, dass der einzige Grund wäre, wenn wir keinen Spaß mehr haben. Wir haben ja auch nie geplant, das professionell zu machen. Das ist einfach passiert. Wenn der Tag kommt, dass wir uns zum Konzert quälen, dann wärs vorbei.

subtext.at: In eurer Konzertankündigung habe ich gelesen: „Nicht mal die Beatsteaks können sich nach diesem Album noch als Alleinherrscher fühlen.“ Steht ihr auf Vergleiche mit solchen Größen?
Guido:
Das ist ja mal ne Ansage. Aber Vergleiche sind uns nicht so wichtig. Es gibt halt Punkrock-Bands und Pop-Bands, und die haben alle ihre eigene Mischung.

subtext.at: Warum glaubst du dann, dass Bands automatisch immer verglichen werden?
Guido: Das war ja immer schon so. Früher war auch immer der Vergleich Beatsteaks-Donots da. Aber Konkurrenzdenken gibt’s da keines – ich weiß es auch nicht genau, warum immer Vergleiche herhalten müssen.

subtext.at: Kommen wir gleich zum Thema Medien. Da hast du, Guido, mal gemeint, dass man nicht so viel auf Reviews halten soll, weil es nur die Einzelmeinung des Redakteurs wiedergibt. Macht das dann Reviews generell überflüssig?
Guido:
Nein, das nicht. Ich lese ja auch selber Reviews. Aber bei Reviews merkt man, dass, wenn der Redakteur die Musik nicht ausstehen kann, dass dann auch ein qualitativ gutes Album verrissen wird. Wenn der am Morgen schlecht geschissen hat, dann hat er nen schlechten Tag und schreibt schlecht darüber.
Jan-Dirk: Ich finds schade bis schlimm, wenn man rausliest, dass sich da jemand mit dem Album nicht auseinandergesetzt hat und das Ding vielleicht höchstens einmal beim Staubsaugen gehört hat. Dann schreibt er Sachen, die schlichtweg falsch sind. Aber ansonsten sind Einzelmeinungen natürlich auch richtig und wichtig. Aber meistens ist es so, dass die Verrisse unterhaltsamer sind als die guten Reviews.

subtext.at: Das nächste Thema, was unweigerlich kommt, sind die Labels. Ihr wart ja einige Zeit bei einem Major-Label unter Vertrag und habt dann beschlossen, die Zusammenarbeit zu beenden. Wenn ihr auf die Alben, die in dieser Zeit eintstanden sind, zurückdenkt – könnt ihr die überhaupt noch hören?
Guido: Ja, auf jeden Fall. Das hat ja primär nichts mit dem Label zu tun. Die Musik war ja unser Ding. Der Grund, weshalb wir uns dann getrennt haben, war ja, weil die uns falsch repräsentiert haben. Die Promo ist in eine falsche Richtung gelaufen, und da ist noch einiges mehr passiert.
Jan-Dirk: Mit der Musik an sich hatte die Plattenfirma ja nichts zu tun. Was später etwas genervt hat, war die Auswahl der Singles. Wir haben denen gesagt, dass wir alle Lieder auf der Platte gut finden und die selber die Single auswählen können. Da wurde dann halt immer in dieselbe Kerbe geschlagen und immer die Pop-Punk-Nummern als Singles genommen. Unsere Alben haben ja immer schon einen gewissen melancholischen Einschlag genommen und mehr zu bieten gehabt als diese oberflächlichen Pop-Punk-Nummern.

subtext.at: Daraufhin habt ihr euer eigenes Label „Solitary Man“ gegründet. Darauf erscheinen unter anderem in Japan Alben der Dropkick Murphys und natürlich eure eigenen Sachen. Das ist in Japan relativ erfolgreich gelaufen. Wie einfach ist es, dort Fuß zu fassen?
Guido: Naja, das ist natürlich schon ein ganzer Haufen Arbeit. Japan find ich aber interessant, weil es dort alles ganz schnell gehen kann. Dann sind die ganz Kleinen hier da drüben auf einmal ganz groß. Japaner springen relativ schnell auf etwas auf, und wenn die mal auf etwas aufspringen, dann geht’s dort richtig ab.

subtext.at: Warum sind Japaner dann auf euch so abgeflogen?
Jan-Dirk: Bestechungsgelder (lacht). Nein, keine Ahnung, wir waren selber auch ganz überrascht. Ingo hat dann einen Haufen Mails aus Japan bekommen, und drüben wollten Plattenfirmen dann auf einmal Punkrock veröffentlichen. Als wir dann die erste Tour in Japan gespielt haben, haben wir dann erst mitbekommen, dass wir dort schon in den Radiocharts waren – mit Import-CDs, die sich die Leute besorgt haben.

subtext.at: Kommen wir zu eurem aktuellen Album „The long way home“ – wo ist dieses „Zuhause“ aus eurer Sicht?
Jan-Dirk: im Moment ist wohl jeder Club oder der Liner, wo man schläft, zu Hause. Zum Großteil ist wohl wirklich die Bühne unser Zuhause. Wir kratzen gerade so ungefähr an den 1000 Konzerten.
Guido: Pro Woche (lacht).
Jan-Dirk: Man ist halt nicht oft daheim, und wenn man daheim ist, dann verbringt man dann umso mehr Zeit mit Freunden und Familie. Das ist das Einzige, was an diesem Job etwas nervt – wenn man dann, so wie ich, bei der Hochzeit seiner Schwester nicht dabei sein kann. Dafür können wir das Geilste machen, was mach sich vorstellen kann.
Guido: Deine Schwester heiraten (lacht)?

subtext.at: Was war die Location, die euch am negativsten in Erinnerung geblieben ist?
Guido: Rinteln, 1997.
Jan-Dirk: Ah, da wo wir von Nazis verhauen worden sind.
Guido: Wir haben dort vor 150 Leuten gespielt, davon waren 90 Rechte.
Jan-Dirk: Die kamen zum Ende hin und waren auf Schlägerei aus. Wir haben da regelrecht flüchten müssen.

Link: www.donots.de

Foto: Jürgen Koller

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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