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Donots: Angst und Bier

Donots: Angst und Bier

Vor ihrem Konzert in Steyr haben wir Frontmann Ingo Knollmann und Bassist Jan-Dirk Poggemann zum Interview gebeten. Gesprächsthemen waren neben dem aktuellen Album noch Fremdenhass, Tourgewohnheiten und die Zukunft der Band, dabei auch die sprachliche.

subtext.at: Erstmal danke dafür, dass ihr euch die Zeit nehmt. Und herzliche Gratulation Ingo zur Geburt deines Kindes.
Ingo: Vielen Dank.

subtext.at: Mit „Karacho habt ihr zum ersten Mal ein Album auf Deutsch veröffentlicht. Aktuell gibt es durchaus einen kleinen Trend, dass Bands aus dem deutschen Raum wieder von der englischen Sprache ins Deutsche wechseln. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?
Ingo: Ist das ein Trend? Ich weiß gar nicht, ob das so richtig ein Trend ist. Wir haben da jetzt auch schon öfters Interviews dazu gegeben und die meisten sagen eigentlich, dass es wenig Bands gäbe, welche das wirklich erfolgreich machen. Element of Crime zum Beispiel.
Jan-Dirk: Das ist auch das einzige Beispiel, welches mir überhaupt einfällt.
Ingo: Und ansonsten ist die deutsche Sprache eigentlich immer „in“, besonders in Deutschland. Kraftklub, Casper, Materia, die ganzen Sachen. Das sind aber halt auch die guten Beispiele. Gibt ja auch unfassbar viel Scheiß auf Deutsch. Ich hab mir das auch gar nicht so einfach gemacht, auf Deutsch zu texten, weil ich echt davor Angst hatte, dass das halt scheiße wird. Ich bin ein ätzender Perfektionist und ich wollte schon einen „Sprech“ haben, der halt eher Deutsch-Punk als Deutsch-Pop ist. Also diese radiodeutsche Mucke, damit kann ich echt nichts anfangen.

Southside Festival 2014 - Donots

subtext.at: Das kann ich verstehen. War vielleicht die Bewegung dahinter, dass man auf Deutsch Botschaften besser ausdrücken kann? „Karacho ist ja doch ein sehr inhaltslastiges Album im Vergleich zu den Vorgängern.
Ingo: Ja das stimmt.
Jan-Dirk: Es war so eine Mischung aus allem. Wir sind da schon ein bisschen reingestolpert, wie das bei uns immer so ist, weil wir immer das machen, worauf wir Bock haben. Wir sind jetzt seit 21 Jahren dabei und – weil du sagst es gibt gerade so ein Deutsch-Trend – den gab es auch vor 10, vor 15 Jahren. Ich glaub der Grundstein war eigentlich ein bisschen gelegt, als wir in den Staaten mit Flogging Molly auf Tour waren und, ich mein, die gehen hier [Anm.: in Europa] natürlich auch schon tierisch ab. Wenn du die aber in den Staaten mal siehst, da wird jeder Ton von Anfang bis Ende mitgesungen, komplett aus einer Lunge, und das ist richtig beeindruckend. Du stehst daneben und denkst dir ‚krasse Scheiße, heftig‘. Dann hatten wir bandintern ein Gespräch darüber, dass es halt doch noch einen Unterschied macht, die Leute mit ihrer eigenen Sprache zu packen, wo sie nicht diese Transferleistung machen müssen, sondern direkt verstehen, was von der Bühne kommt. Als wir dann zum 20-jährigen Jubiläum irgendwas Besonderes rausbringen wollten, entweder eine Single oder eine EP, da kam dann der Gedanke zu versuchen, ein oder zwei Songs auf Deutsch zu machen. Dann sind wir ins Studio gegangen und, wie Ingo auch schon meinte, das war gar nicht so einfach am Anfang den Switch umzulegen. Weil ruckzuck bist du entweder zu kitschig oder die Ansprache ist zu direkt, dann ist sie wieder plump. Da eine Mitte zu finden ist schwer. Wir haben uns dann 10 Tage im Studio eingeschlossen. Haben jeden Tag von morgens 10:00 Uhr bis nachts um 04:00 Uhr gearbeitet und hatten am Ende 10 Songs fertig, alle auf Deutsch. Zwar noch nicht ganz komplett, aber bereits grobe Gerüste und da kam dann zum ersten Mal der Gedanke ein deutsches Album zu produzieren. Wie finden wir das überhaupt? Da wir aber so beeindruckt waren, wie uns das gekickt hat im Studio, war uns allen klar, wir müssen das rausbringen. Also zusammenfassend eigentlich eine Mischung aus Angst und Bier.

subtext.at: Kommen wir zur zweiten Frage. Aus dem Album sticht ja in der aktuellen Lage ganz besonders der Song „Dann ohne mich“ heraus. War das für euch eine spontane Geschichte aufgrund der aktuellen Situation rund um PEGIDA, Flüchtlingskrise, etc., dass ihr der Meinung wart, ihr müsst ein Statement abgeben?
Jan-Dirk: Traurigerweise leider nicht, der Song war schon weit vorher fertig.
Ingo: Genau genommen hatten wir den Song schonmal mit einem anderen Text aufgenommen. Und der war mir dann am Ende des Tages so ein bisschen zu harmlos und zu middle of the road geraten. Den haben wir dann nochmal komplett weggeschmissen und den Text neu geschrieben und neu eingesungen. Das war weit vor PEGIDA, AfD und dieser ganzen Problematik und vor allem weit vor dieser Flüchtlingsgeschichte. Da kannst du mal sehen, wie traurig das eigentlich ist, dass so ein Song irgendwie immer aktuell bleibt. So ähnlich wie „Goldene Türme“ oder „Schweineherbst“ von Slime. Das sind Songs, die kannst du heute genauso abspielen und sind  aktuell. Der Song ist also keine Reaktion auf die aktuelle Situation, er passt einfach leider in diese Zeit.

Southside Festival 2014 - Donots

subtext.at: Es war also im Endeffekt ein trauriger Zufall?
Ingo: Ja, genau.

subtext.at: Wie ich viel über Facebook mitbekommen habe, ist euer soziales Engagement im Vergleich zu Wake the DogsZeiten doch merklich größer geworden. Waren diese Themen euch damals schon ein Anliegen oder war es für euch wichtig, in der aktuellen Situation ein Statement abzugeben und sich den rechten Hetzern entgegenzustellen?
Jan-Dirk: Ich glaub beides. Erstens wirst du in der deutschen Sprache mehr gehört, das heißt, die Leute reagieren natürlich eher auf so einen Song wie „Dann ohne mich“, weil sie ihn ja direkt verstehen. Unsere politische Richtung war, glaub ich, schon immer klar, nur haben wir die nie großartig nach Außen getragen. Bei „Karacho“ war uns halt wichtig, sich vom rechten Lager abzugrenzen, weil die sich oftmals linker Songs bedienen. Den Ärzten ist das passiert, Madsen auch. Und Ingo hat mal gesagt, nur weil wir uns verstehen, heißt das noch lange nicht, dass wir uns verstehen. Uns ist es sehr wichtig, dass wir uns da vom falschen Lager abzugrenzen. Ansonsten waren wir schon immer politisch, aber im Moment ist es auch einfach die Zeit. Ingo ist der Kragen geplatzt, als es hieß, in Berlin ist eine ausländische Familie von Rechten angepöbelt und die Kinder bepinkelt worden. So geht es einfach nicht. Die Zeit ist leider gerade so, dass man das Maul aufmachen muss und sollte.
Ingo: Eigentlich musst du das Maul aber immer aufmachen. Aber es stimmt schon, dadurch das „Karacho“ eine Deutsch-Punk-Platte wurde was die Texte und den Gestus angeht, polarisiert das in einer gewissen Weise einen Tick mehr, weil du natürlich klarere Aussagen triffst und einzuordnen bist. Jeder weiß sofort, um was es geht, wenn er die Texte liest. Das Bild, das du projizierst, wird dadurch natürlich viel eindeutiger, vor allem wenn du Projekte wie „Pro-Asyl“ und „Kein Mensch ist illegal“ unterstützt. Lustigerweise aber ist diese Problematik schon immer Thema bei uns gewesen, das wird durch diese direkte Ansprache nur viel klarer. Als die Platte rausgekommen ist, war eine der ersten Einträge auf meiner Facebook-Seite „Ja Hurra, das war’s dann. Gute Reise noch, ihr Arschlöcher“. Wo ich mir einfach gedacht habe „Wo warst du die letzten 20 Jahre, dass du nicht kapiert hast wo wir politisch stehen?“. Umso schöner, dass wir jetzt so ein klares Statement raushauen können.

subtext.at: Wie geht ihr dann trotz der überwiegend positiven Meldungen mit den negativen Kommentaren bezüglich eurer politischen Position um? Beantworten? Ignorieren?
Ingo: Man muss dazu wissen, dass die ganzen rechten Kader im Internet Leute bewusst einsetzen, welche ganz gezielt probieren, unter Postings wie unsere Diskussionen anzustacheln, die also einfach nur rumtrollen um möglichst eine Gegenposition zu besetzten. So probieren sie, meinungslose Menschen in ihr Lager zu zerren. Auf so eine Diskussion musst du dich erst gar nicht einlassen. Da gibt es ja auch dieses Bullshitbingo für die immer neun gleichen Antworten (Anm.: der rechten Trolle), die es auf jegliche linke oder linksliberale Aussage gibt, welche wie ein Satellit in ihrem eigenen Kosmos um sich selbst kreisen. Da kannst du einfach nicht reinstoßen. Das ist aber völlig in Ordnung, lass die einfach ihren Kram machen. Ich bin froh, wenn es so viel Zuspruch gibt, dass diese negativen Meldungen nur ein marginal kleiner Teil sind.

subtext.at: Jetzt kommen wir nun zu einer kleinen Kategorie. Ich gebe euch einen Satzanfang vor und ihr müsst ihn vollenden. Der schönste Konzertmoment war,..
Ingo: Das ist jetzt eine harte Frage.
Jan-Dirk: Der schönste Konzertmoment war..
Ingo:.. der, welcher heute noch kommt. Denn eigentlich muss jedes Konzert, das allerbeste der Welt sein. Wir gehen das seit 20 Jahren immer noch mit dem gleichen Spirit an. Du darfst niemals denken, dass man gestern nicht mehr toppen kann. Das muss jeden Abend das beste Konzert sein, ein Konzert, das so nicht reproduzierbar ist.
Jan-Dirk: Ich hätte noch eine Antwort. Der schönste Konzertmoment war, als wir auf dem Nova Rock gespielt haben und ich aus dem Augenwinkel gesehen hab, dass irgendwas Großes auf die Bühne fliegt. Ich dachte zuerst es wäre ein Eimer mit Sand, aber es war ein voller Sangria-Eimer und plötzlich war alles voller Orangenscheiben und riesengroßen Strohhalmen!
Ingo: Ok, das war der beste Moment. Ich gebe zu, das Beste liegt bereits hinter uns.

Donots @ Röda Steyr

subtext.at: Auf Tour komme ich nicht, ohne Gegenstand XY aus…
Ingo: Joggingschuhe und mein IPhone inklusive meiner kompletten Musik Library. Jeden Tag joggen gehen muss sein, wie auch schon am Nachmittag eine Dreiviertelstunde hier in Steyr. Das ist genau dieses kleine bisschen Privatsphäre, welche man auf Tour mitnehmen kann.
Jan-Dirk: Ich komme ohne Guido nicht aus. Überhaupt nicht deswegen, was auf der Bühne passiert, das ist mir scheißegal. Aber alles abseits der Bühne ist halt Gold wert.

subtext.at: Wäre ich nicht Musiker geworden, wäre ich heute…
Jan-Dirk: Im Arsch *lacht herzlich*.
Ingo: Ganz ehrlich, ich glaube ich würde in der Videospielbranche arbeiten. Seit den 80er Jahren bin ich wirklich Core-Gamer. Ich besitze dank der Band mittlerweile sogar meinen eigenen Arcade-Automaten, sammle sämtliche Plattformen und so weiter. Das ist Wissen, welches ich mir angezockt habe, über Jahrzehnte. Damit könnte ich sofort anfangen in der Videospielbranche zu arbeiten.

subtext.at: Langsam kommen wir zum Ende. Nochmals Danke fürs Zeitnehmen und viel Spaß beim Gig nachher. Wie geht es jetzt mit den Donots weiter? Wird das nächste Album wieder in Deutsch oder doch in Englisch?
Ingo: Wir haben „Karacho“ ja sogar nochmal in Englisch aufgenommen für den asiatischen Raum. Dort macht es dann wirklich Sinn, eine englische Platte zu haben. Im März nächsten Jahres fliegen wir rüber in die Staaten und machen eine Tour zusammen mit Rancid, Flogging Molly, Frank Turner und den Street Dogs. Einmal um die Bahamas drumherum, was super wird, und auch da macht es Sinn eine englische Platte zu haben. In einer perfekten Welt würde ich ab sofort am liebsten beides machen. Zuerst auf Deutsch und dann die gleiche Platte nochmal in Englisch herausbringen. Weil Texten macht mir in beide Richtungen total viel Spaß. Ich möchte diese Möglichkeit durch das Ausland touren zu können trotzdem nicht missen, weil das hat mich einfach immer unfassbar umgehauen, dass wir eine der wenigen deutschen Bands waren, die das weltweit machen darf. Mal gucken. Ich hab ehrlich gesagt sogar schon wieder angefangen, ein paar Textfragmente zu sammeln. Aber wir sind jetzt erst einmal bis in das Frühjahr 2016 mit Touren beschäftigt und danach werden wir langsam mal anfangen, an ein nächstes Album zu denken.

subtext.at: Geht sich 2016 noch aus oder wird es eher Frühjahr 2017?
Jan-Dirk: Ich glaube 2016 schaffen wir nicht mehr, selbst wenn wir schnell sind:
Währenddessen zückt Ingo fast panisch sein Smartphone.
Ingo:
Warte, lass mal gucken. Ich mach hier jetzt einen Timer an.
Jan-Dirk: Und dann zählt der runter?
Ingo: So ab jetzt geht’s los.
Jan-Dirk: Ich würde echt gerne das nächste Jahr noch mit „Karacho“ verbringen, weil ich einfach extrem stolz auf die Platte bin und auch gerne noch die Festivals im Sommer mitnehmen möchte. Und dann im Herbst ins Studio.

Das Schlusswort widmet Ingo dann noch in einer betörenden Art und Weise Freistädter Märzen. Aber weil der Artikel so oder so schon viel zu lange ist, machen wir hier jetzt Schluss und sagen nochmals Danke an die Donots!

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Kritik des Konzerts im Röda in Steyr

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Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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