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THE WONDER YEARS: No Closer To Heaven

THE WONDER YEARS: No Closer To Heaven

2 Jahre ist es her, da haben sich The Wonder Years mit „The Greatest Generation“ einen festen Platz in meinem Herzen erspielt. Jeder Song und jede Zeile saß, wie ein Stich in die Brust. Pop-Punk wird ja oft zu Recht für seine hedonistische Oberflächlichkeit kritisiert – wie schön dass die Band um Dan „Soupy“ Campell, dem Mann mit der zerbrechlichen Stimme und dem Rauschebart, weiterhin ihr eigenes Ding durchzieht. „No Closer To Heaven“ ist nämlich eine liebevolle Hommage an einen verstorbenen Freund geworden. Und trotz all seiner düsteren Momente ist es ein Album dass oftmals geradezu triumphierend und lebensbejahend klingt.

Ein Chor wiederholt die Zeile „We’re no saviors, if we can’t save our brothers“ immer und immer wieder, während der Teppich an Instrumenten dahinter dichter und dichter geknüpft wird. Eine zarte Gitarre rettet sich aus dem Intro hinüber zu „Cardinals“, ehe der Song entfesselt wird. Wut und pure Verzweiflung dreschen da auf einen ein. Der Sänger macht sich verantwortlich für den verfrühten Drogentod seines engen Freundes Mike Pelone (früher Sänger bei Emergency And I) und schwört sich, so etwas nie wieder zuzulassen. Spätestens ab der Zeile „I want those years back“, als die Stimme für einen kurzen Moment unter der Emotion wegbricht, habe ich Gänsehaut am ganzen Körper. Der Tod ist ein allgegenwärtiges Thema auf „No Closer To Heaven“ – Sei es ein Vogel, der gegen das Fenster kracht, oder ein bloß das Airbag Warnlämpchen im Auto. Immer wieder beschwört Soupy die Vergänglichkeit durch vermeintliche Alltagserlebnisse herauf. Auch seine persönliche Schreibblockade während der Arbeiten am Album thematisiert er in zwei Stücken und verknüpft diese in „A Song For Patsy Cline“ und „A Song For Ernest Hemingway“ mit den Lebensgeschichten der tragisch zu Tode gekommenen US-Country Ikone der 50er und des berühmten Autors, der bekanntlich am Alkohol zu Grunde ging und sich das Leben nahm.

In „I Don’t Like Who I Was Then“ regiert der Ärger darüber, des Öfteren zu sehr mit den eigenen Problem beschäftigt gewesen zu sein und seine Freunde im Stich gelassen zu haben. Doch es schwingt auch immer etwas Hoffnung – mit  „I think I’m growing into someone you could trust“, gelobt Soupy Besserung. Der energiegeladene Song unterstreicht dieses Wechselspiel hervorragend. Musikalisch liegt die Weiterentwicklung zum Vorgänger oft im Detail. Den ruhigeren Passagen wird im Songwriting bewusst mehr Platz gelassen, nachdem man zuletzt auch bewiesen hat, hervorragende Balladen fabrizieren zu können. Generell geht die Tendenz weg vom herkömmlichen Pop-Punk hin zu mehr Emo und Alternative Rock. Da dürfen ruhig auch mal bluesige Gitarren und Kirchenorgel einen Gastauftritt haben und Strukturen vom klassischen Vers-Refrain-Schema abweichen, wie in der großartigen Single „Cigarettes & Saints“.

Natürlich gibt es auch Vertreter in der Tracklist, die stilistisch an die frühen Alben erinnern, wie etwa „The Bluest Things On Earth“, „Thanks For The Ride“ und „I Wanted So Badly To Be Brave“, die allesamt mit Energiepegel auf Anschlag, euphorischen Gitarren und ansteckenden Singalongs daherkommen. Dennoch sind es aber die marginal andersartigen Stücke, die dieses Album erst wirklich spannend machen. Zum Beispiel das lange Zeit verhaltene und unerwartet politische (Stichwort: Waffenrecht) „Stained Glass Ceilings“, dass zum Ende mithilfe eines gelungenen Gastauftritts von letlive. Frontmann Jason Aalon Butler zum brachialen Gewitter avanciert. Das abschließende Trio, bestehend aus Lovesong „You In January“ (vielleicht der Beste Refrain am Album), dem punkigen „Palm Reader“ und dem, an Brand New erinnernden, akustischen Titelstück schaffen es nochmal das Album endgültig zum Diamanten zu schleifen.

Auf „No Closer To Heaven“ behalten The Wonder Years das starke Niveau der letzten Platte mühelos bei. Die Lyrics sind berührend wie eh und je, der Sound öffnet sich immer mehr neuen Einflüssen und das Songwriting ist durchgehend exzellent. Ich würde ja jetzt gerne zumindest einen negativen Aspekt aufzählen, der mich an dieser Platte stört, aber zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Kritik ist mir wahrscheinlich auch noch immer nichts eingefallen. Also, belassen wir es mal dabei! Großes Kino – für Genrefans eine unbedingte Kaufempfehlung!

 

Wonder_Years_No_Closer_To_Heaven

Tracklist

01. Brothers &
02. Cardinals
03. A Song For Patsy Cline
04. I Don’t Like Who I Was Then
05. Cigarettes & Saints
06. The Bluest Things On Earth
07. A Song For Ernest Hemingway
08. Thanks For The Ride
09. Stained Glass Ceilings
10. I Wanted So Badly To Be Brave
11. You In January
12. Palm Reader
13. No Closer To Heaven

VÖ: 04.09.2015, via Hopeless Records

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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