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Gasmac Gilmore: „Das dürfte der österreichische Minderwertigkeitskomplex sein!“

Gasmac Gilmore: „Das dürfte der österreichische Minderwertigkeitskomplex sein!“

 

„Gasmac Gilmore“ gelten nicht zuletzt nach dem Austrian Newcomer Award 2009 als aufstrebende Band. Als Vorband von „La Brass Banda“ gaben sie sich vor kurzem im Linzer Posthof die Ehre. subtext.at hat sie nach ihrem Auftritt vor das Mikrofon gebeten.subtext.at: Wie würdet ihr einem Gehörlosen den Stil von Gasmac Gilmore beschreiben?
Elias: Das ist die Musik, die U-Bahn-Waggons zum Wackeln bringt. Und das kann man dann natürlich auch sehen.

subtext.at: Wie kann man sich als Linzer ein Konzert in einer U-Bahn vorstellen? Stellen sich da einfach fünf Musiker in eine U-Bahn und spielen ein Konzert?
Matthias: Naja, das war schon so, dass wir das ganz kurzfristig angekündigt haben. Die treuesten Fans werden schon mitkommen, haben wir uns gedacht. Im Endeffekt waren es dann aber um einiges mehr als nur die engsten Fans – das dürfte sich also ziemlich schnell herumgesprochen haben. Wir haben auch nicht gewusst, wie es werden wird. Allerdings ist dann aus geplanten 20 Minuten eine ganze Stunde geworden.
Max: Das war auch das größte Problem, dass wir eigentlich nur so wenig Programm hatten. Wir haben dafür auch nur drei Nummern mit gehabt, da wir damit gerechnet haben, nach einer oder spätestens zwei Stationen hinausbegleitet zu werden. Nach zwei Stationen hat sich der Wagen aber gefüllt und dann auch zu schaukeln begonnen. In den Haltestellen sind zwar Securities gestanden, die geschaut haben, aber dann doch nicht eingestiegen sind. Es war einfach zu viel Action drinnen. Am nächsten Tag haben uns die Wiener Linien lustigerweise auch noch zu dem Auftritt gratuliert.

subtext.at: In einem anderen Interview mit euch war folgende Aussage zu lesen: „In Österreich muss man einen steinigen Weg gehen, um Anerkennung zu erhalten“. Um wie viel einfacher ist es, wenn man im Vertrieb des Albums ein Major-Label dahinter stehen hat?
Max: Das mit den Majors ist so eine Sache. Natürlich ist es schön, wenn man ein Major-Label im Rücken hat – man ist überall erhältlich und wird auch ein bisschen besser gebucht, einfach weils schön ausschaut. Andererseits sind die Konditionen von Majors einfach der Wahnsinn. Die fressen dich halt auf der Seite wieder auf. Uns hat es schon ein bisschen was gebracht, aber ich glaube, dass der Weg der Majors nicht der zukünftige Weg der Musikindustrie sein wird. Nicht ohne Grund kracht ein Label nach dem anderen. Das Prinzip der Indies ist das, was funktionieren wird – das müssen nur noch die Geschäftsleute checken.

subtext.at: Ihr habt gerade angesprochen, dass die Konditionen von Majors „der Wahnsinn“ sind. Könnt ihr trotzdem von der Band leben, oder müsst ihr euch auch noch anderweitig durchschlagen?
Elias: Naja, der Straßenbahnfahrschein geht sich grad noch aus (lacht).
Max: Man kommt schon irgendwie über die Runden, aber ein Luxusleben ist es halt auch nicht. Das Rockstar-Leben und das Maybach-Fahren spielt es natürlich nicht. Man kratzt an der Armutsgrenze (lacht).
Pavel: Also ich trinke schon Champagner und werfe Fernseher aus dem Hotelfenster. (lacht)

subtext.at: Zurück zu den Major-Labels. Wird man von denen in ein gewisses Anforderungsprofil hineingedrängt oder kann man trotzdem seinen eigenen Stil beibehalten?
Max: Bei uns war es denen völlig wurscht, weil wir ja nur ihren Vertriebskanal nutzen und die dafür eh genug Prozente von uns kassieren. Die hatten da gar kein Mitspracherecht in Bezug auf unsere Musik.

subtext.at: Den meisten werdet ihr wahrscheinlich durch den Austrian Newcomer Award 2009 bekannt sein. Zu diesem Zeitpunkt hattet ihr bereits zwei Alben sowie eine Single zum Animationsfilm „Zirkus“ veröffentlicht. Fühlt ihr euch damit noch als Newcomer?
Matthias: Ich hab mir damals auch gedacht: „So alt muss ich werden, um ein Newcomer zu sein.“ Aber dann wars dann halt da erst soweit. Aber wenn man sich heute Newcomer ansieht, gerade bei diesem Award, dann sind das meistens Bands, die zuvor schon was veröffentlicht haben und sehr viel hinter sich haben. Das hängt dann auch wieder mit Österreich zusammen, wo man einfach sehr viel tun muss, um die nötige Aufmerksamkeit zu kriegen.
Max: Das mit dem Newcomer ist auch so eine Sache. Das ganze Bandleben zur Zeit ist eine extrem kurze Geschichte. Du hast da dein „Sternchen“, dann eineinhalb erfolgreiche Jahre, und dann ist es wieder vorbei. Als Zuseher hast du da das Gefühl, die schießen aus dem Boden und sind dann da, ohne vorher jemals was gemacht zu haben. Jeder, der Musik macht, macht das schon länger, und irgendwann erfolgt dann der Durchbruch – das ist nicht vom Alter abhängig. Im Prinzip geht es darum, das Album zu machen, das bei den Leuten „einfährt“. Dann ist man der Newcomer und wenn man es ein zweites Mal schafft, ist man eine gesetzte Band.


subtext.at: Vor einiger Zeit hat Guadalajara im subtext.at-Interview gemeint, dass es als österreichische Band sehr schwer ist, auf den großen österreichischen Festivals zu spielen. Würdet ihr dem zustimmen?
Pavel: Naja, es gibt ein großes Problem in Österreich – einheimische Musik wird nicht im Radio gespielt. Europaweit liegt es auf Platz eins der Rangliste mit der wenigsten einheimischen Musik und weltweit auf Platz drei, glaube ich. Wenn ein großes österreichisches Festival kommt, kommen mehr ausländische Bands, weil die Leute diese Bands durch das häufigere Spielen im Radio besser kennen. Wenn das geändert wird, wäre das für die ganze Szene wichtig und es würde auch viel mehr Geld in Österreich bleiben. Momentan ist es ja so, dass ein Großteil der AKM-Gelder ins Ausland geht.subtext.at: Kommen wir zurück zum Newcomer Award und den Publikumspreis, den ihr dort eingeheimst habt. Habt ihr das Gefühl, dass ihr diesen steinigen Weg, um Anerkennung zu finden bereits geschafft habt?
Max: Nein, geschafft haben wir den noch lange nicht – aber es war schon Balsam für die Seele, den zu bekommen. Man kämpft jeden Tag mit Anerkennung. Was Pavel bereits angesprochen hat – es ist einfach schwer, als österreichische Band in Österreich anerkannt zu werden. Das dürfte der österreichische Minderwertigkeitskomplex sein. Wenn es dann Auszeichnungen wie den Newcomer Award oder den Amadeus gibt, dann ist das Anerkennung für die Musiker, dass es nicht umsonst ist.
Pavel: Es war eine ganz schöne Überraschung, weil wir es gar nicht erwartet hatten. Wir waren so was wie das schwarze Schaf von dem Abend. Es waren viele Bands in Richtung Ö3-Musik da, umso überraschender war der Award dann natürlich.
Elias: Ich wollte noch anmerken, dass es zwar stimmt, dass es in Österreich schwer ist, in den letzten Jahren hat sich aber auch eine beachtliche Indie-Festivalszene entwickelt. Es gibt zig Festivals, wo irgendwelche Leute am Land sich einen Spaß daraus machen, so etwas meistens unentgeltlich zu organisieren. Das sind einzigartige Events und es macht sehr viel Spaß, dort zu spielen.

subtext.at: Vom eher elektronischen Einfluss auf eurem Debütalbum „Sicknum“ bis hin zum Balkan-Rock auf eurem aktuellen Album „About Boys and Dogs“ ist es doch ein ziemlicher Spagat. Bleibt da noch Raum für Veränderungen?
Max: Naja, ich glaube, es ist ein wichtiger Bestandteil dieser Band, immer zu versuchen, sich zu verändern und nie stehen zu bleiben. Veränderung und Frisches ist immer gut – wir haben seit einem Jahr jetzt auch die Geige dabei. Was beim nächsten Album rauskommt, weiß ich aber nicht.
Elias: Ich hoffe, dass wir das Album noch innerhalb dieses Jahres zu schaffen. Das ist aber auch immer das schwere daran – sich immer neu zu erfinden. Ich will aber nur ein Album, wenn wieder Neues für die Fans darin ist. Das macht den Prozess des Liederschreibens aber auch langwieriger. Andererseits macht das auch den Spaß an der Musik aus.
Pavel: Es gibt viele Möglichkeiten, etwas Neues zu bringen. Wir treffen neue Leute, wir hören neue Musik, wir spielen mit neuen Musikern und machen Kollaborationen mit anderen Musikern. Damit verändern wir uns auch – denn Musik bleibt nicht stehen.

subtext.at: Gehen wir ein bisschen weg von eurer eigenen Musik. Was läuft bei euch zu Hause auf Heavy Rotation?
Max: Ich hab seit zwei Jahren eine kleine Tochter, und mittlerweile ist es so, dass sie bestimmt, was zu Hause läuft. Das geht dann nach „mag ich“ oder „mag ich nicht“.
Matthias: Muse in letzter Zeit, das neue Album – eben weil es neu ist.
Pavel: Die Beatles, das Remastered-Boxset. Oliver Nelson, ein Big-Band-Arrangeur, auch in einem Boxset. Und heute in der Früh Talking Heads (lacht).

subtext.at: Was war das schlimmste Konzert, das ihr je erlebt habt?
Max: Das Schlimmste war Augsburg im Februar 2006. Weitere Kommentare gibt es an dieser Stelle nicht.
Matthias: Da sind schon die Kellner nach dem dritten Lied auf die Bühne gekommen und haben uns Getränke gebracht, weil alles so katastophal war.
Elias: Am schlimmsten für mich war ein Open-Air auf einem Skatecontest im Oktober oder November – bei Minusgraden. Es hat zwei Skater gegeben, die sich dort gebattelt haben – genauso war dann auch die Party. Es war auch ein denkbar schlechter Zeitpunkt für ein Open-Air. Das war das erste Mal, dass mir beim Spielen kalt geworden ist.
Pavel: Die Tournee in Rumänien – die hat dann nämlich nicht stattgefunden.

subtext.at: zum Abschluss noch eine Frage, bei der ausnahmsweise die Interviewten die Frage vorgeben. Auf welche Frage in einem würdet ihr nie antworten?
Max: Wie heißt du?
Matthias: Wie alt bist du?
Elias: Ich würde nie auf die Frage antworten, ob ich meine Musik ehrlich finde.

Foto: Jürgen Koller

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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