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Gentleman: „Es ist einfach eine Subkultur“

Gentleman: „Es ist einfach eine Subkultur“

 

Diversity – so der Titel des aktuellen Albums von Reggae-Veteran Gentleman. subtext.at stattete ihm in seinem Tourbus einen Besuch ab und sprach mit ihm über den Mythos Cannabis, das Thema Gewalt in seiner Musik und warum Jamaika noch immer eine Tankstelle ist.subtext.at: Ich habe gehört, du hast zu kiffen aufgehört – stimmt das?
Gentleman: Das war gar keine bewusste Entscheidung. Das hat sich einfach so ergeben, dass Rauchen mit dem, was ich vorhabe, nicht mehr vereinbar war. Ich hab seither mehr Energie, bin kommunikativer und seh klarer – Rauch ist ja auch das Gegenteil von Klarheit. Ich weiß aber auch nicht, was morgen ist – im Moment fühlt es sich aber ganz gut an. Ich war ja auch nicht der, der sagen konnte: „Ich rauch jetzt mal am Abend gemütlich einen Spliff“. Da warens dann schon mal 20 am Tag.

subtext.at: Gerade für einen Künstler, der sehr stark von Jamaika beeinflusst ist, ist das aber doch eher ungewöhnlich…
Gentleman: Das ist auch noch immer dieses Klischee, der sich noch immer hält. Die meisten Musiker, die ich kenne, auch in Jamaika, rauchen alle gar nicht. Das ist echt ein Mythos, dass Reggae und Cannabis immer miteinander verbunden sein müssen.

subtext.at: Was war das erste Reggae-Konzert, das du bewusst miterlebt hast?
Gentleman:
Das erste Reggae-Konzert war glaub ich Macka B, 1990 in Dortmund oder irgendsowas. Ich bin ganz schlimm mit Jahreszahlen.

subtext.at: Im Buch „Reggae in Deutschland“ gibt es in Bezug auf Spiritualität und den Umgang mit Gott ein Zitat von dir, das lautet: „Jamaika ist eine Tankstelle.“ Würdest du diesen Vergleich heute auch noch ziehen?
Gentleman:
Ich würd das immer noch so sagen, aber mittlerweile gibt es auch Grau. Früher hab ich gedacht, dass es nur Schwarz und weiß gibt, mittlerweile hab ich aber gesehen, dass es eben auch Grau gibt. Es gibt auch eine sehr starke andere Seite, die einem auch viel Energie nimmt und nicht gibt. Es kommt darauf an, mit wem man wo und zu welcher Zeit zusammen ist. Im Moment ist es so, dass es sicher keine Tankstelle ist, wenn man sich auch ansieht, was gerade so passiert in Jamaika. Da sind Familien von Freunden in Gefahr und bürgerkriegsähnliche Zustände, da kann man dann nicht mehr von „Energie tanken“ sprechen. Aber musikalisch hat es nach wie vor jede Menge zu bieten.

subtext.at: Zwei Artists, Jack Radics und Daddy Rings, hast du als „Teacher“ bezeichnet. Was macht gerade die Beiden aus?
Gentleman: Naja, das sind langjährige Weggefährten. Ich hab schon Anfang der 90er mit denen zusammengearbeitet. Von ihnen habe ich eine Menge in Bezug auf Songwriting und Performen angeht. Mittlerweile sind das ganz enge Freunde geworden, und wir teilen halt auch ganz viel zusammen.

subtext.at: In der aktuellen Ausgabe der „Riddim“ hat Ingo Rheinbay von PowPow gesagt, dass „Reggae immer wieder mal stirbt“. Ist Reggae – gerade im Hinblick auf die aktuellen Debatten (Homophobe Texte gerade von Seiten jamaikanischer Artists, Anm.) – wieder mal am Sterben?
Gentleman:
Ich kann das nicht so unterstreichen, dass Reggae „stirbt“. Es gibt mal mehr und mal weniger – das sind immer so Phasen. Da von Tod zu sprechen, halte ich für falsch. Natürlich hat Reggae zur Zeit ein Imageproblem – das wird sich aber auch wieder legen. Im Grunde ist es aber auch egal mittlerweile, wie Musik akzeptiert wird oder nicht. Es ist einfach eine Subkultur – und es wird wahrscheinlich immer eine Subkultur bleiben. Mitte der 90er Jahre hab ich mal gedacht, dass das vielleicht aus dem Underground hinaus geht. Mittlerweile glaube ich das aber nicht mehr. Es gibt immer einzelne Künstler, die in den Mainstream rücken, das wars aber dann auch schon. Ich hör in ganz Europa im Radio keinen Luciano-Song – dafür halt dann Lady Gaga.

subtext.at: Gerade Sizzla ist in Zusammenhang mit Homophobie im Reggae eine sehr schillernde Figur. Würdest du heute noch einmal ein Feature mit ihm gemeinsam machen, wie du es auf deinem Album „Another Intensity“ gemacht hast?
Gentleman:
Im Moment nicht. Auch was seine Vertrautheit und seine Unterstützung für Robert Mugabe angeht. Das ist dann doch ein Weltbild, das ich nicht teile. Wir sind in vielen Dingen nicht gleicher Ansicht. Ich bin ja auch immer jemand, der die Gemeinsamkeiten sucht, aber wenn Sizzla jetzt in Simbabwe ist und sagt: „I support the president!“, dann ist das schon krass. Genauso wie seine homophoben Texte krass finde, die ich auch überhaupt nicht nachvollziehen kann.

subtext.at: Diese „Battyman-Tunes“ (Songs, wo zu Gewalt gegenüber Homosexuellen aufgerufen wird, Anm.) hat es aber vorher auch schon gegeben – du hast ja trotzdem mit ihm dann ein Feature gemacht…
Gentleman:
Stimmt, die hats vorher auch schon gegeben, aber es gab dann eben auch viele Gemeinsamkeiten. Man reift ja auch und lernt mit der Zeit. Das ganze Land ist ja homophob. Ich verstehs dann auch nicht, wenn man Texte wie „Boom Bye Bye“ schreibt, aber da drüben ist eine solche Einstellung eben weit verbreitet. Und wenn dann jemand sagt, dass er Homosexualität mit seinem Rastafari-Glauben nicht vereinen kann, dann sollten wir das vielleicht auch mal akzeptieren. Was halt schlimm ist, ist, dass in den letzten Jahren trotzdem viel getan hat und das dann nicht mehr gesehen wird. Da werden dann alte Songs mit Hilfe des Internets hervorgekramt. Und wenn du jetzt in Jamaika bist, gibt es mittlerweile keine Battyman-Tunes mehr, weder im Radio, auf Konzerten oder sonstwo.

subtext.at: Trotzdem ist es ja so, dass auch für jamaikanische Verhältnisse aufgeschlossene Artists wie Queen Ifrica auch in ihren Texten gegen Homosexualität outen. Ist die Lage dann gewissermaßen hoffnungslos, dass man Homophobie aus der jamaikanischen Gesellschaft raus bringen kann?
Gentleman: Das hab ich mal versucht zu sagen, und hab damit einen Sturm der Entrüstung losgetreten. Manche Sachen kann man eben nicht von Grund auf verändern. Man kann aber schon die Texte entschärfen und an beide Seiten appellieren, mal runterzukommen.

subtext.at: Zurück zu dir und deiner Musik. „Another Intensity“ wurde damals von Ulli Güldner in der Riddim mit Kritik bedacht, die man normalerweise nicht im Zusammenhang mit deinen Alben gewohnt war. Damals meinte er, „Another Intensity“ besser in eine Kirche passe als in zum Reggae. Warum bist du dann bei „Diversity“ wieder einen Schritt weiter gegangen und hast wieder vermehrt das Thema Gewalt beispielsweise angesprochen?
Gentleman: Ach, ich weiß nicht. Es gibt immer Phasen im Künstlerdasein, und es ist auch wichtig, mal Dellen zu bekommen und mal ein Album zu machen, mit dem man vielleicht nicht ganz so zufrieden ist. Aber es ist doch ok, wenn es ein wenig in Richtung Kirche geht – mein Vater ist Pastor, was soll ich machen (lacht).

subtext.at: Die „radikale Banalität“, wie es Güldner ausdrückte, ist auf Diversity aber nicht mehr vorhanden. Warum?
Gentleman: Naja, es gab auch auf „Another Intensity“ Songs mit der Thematik Gewalt zum Beispiel. Die Thematik kommt aber wahrscheinlich besser durch, wenn man das musikalische Paket anders schürt. Das Thema Gewalt begleitet mich halt ständig, als Vater, als jemand, der viel umherkommt und eben sieht, dass das Thema allgegenwärtig ist und dass wir Künstler auch eine Verantwortung haben, diese Sachen zu behandeln.

subtext.at: Auch auf „Diversity“ gibt es mit „Nuh time fi play“ auf dem „World Domintation“-Riddim wieder einen Ausflug in die Dancehall. Dancehall bedeutet für dich im Vergleich zu Roots Reggae was?
Gentleman:
Dancehall ist wahrscheinlich schnellebiger. Ich kann mir die Dancehall-Songs auf „Journey to Jah“ oder auch auf „Trodin On“ nicht mehr wirklich anhören – die Roots-Sachen schon noch. Roots ist langlebiger – aber ich bin froh, dass es beides gibt. Diversity hat ja auch das Konzept, diese verschiedenen Sachen zu vereinen.

subtext.at: Auf dem Album gibt es ja einen ganzen Haufen Features, unter anderem mit Million Stylez und Patrice. Nach welchen Kritierien wählst du die Leute aus, mit denen du ein Feature machst?
Gentleman:
Bei Features war nie ein Plan dahinter, das ist immer so entstanden. Man war halt zur selben Zeit am selben Ort und das hat dann gepasst. Natürlich ist Sympathie vorhanden, zusammen einen Song zu machen ist ja auch etwas sehr Intimes. Ich hatte am Ende aber schon 18 Songs fertig, dann hab ich mir mal gedacht, dass ein paar Features doch auch ganz nett wären. Patrice hab ich zum Beispiel dann im Berufsverkehr in Kingston getroffen, Tanya Stephens hab ich im Radio gehört und dann einfach mal angerufen – das sind dann eben so spontane Dinge.

Zum Abschluss: Wer wird Fußballweltmeister?
Gentleman: Ich glaub, dass Deuschland weiter kommt als gedacht. Aber Spanien, Holland und Brasilien sind sicher auch weit vorne dabei. Tipp gebe ich aber sicher keinen ab – hey, Griechenland ist auch Europameister geworden!

Links und Webtipps:

Foto: Lukas Friesenecker

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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