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Reptile Youth: „Wir waren nicht zufrieden mit uns“

Reptile Youth: „Wir waren nicht zufrieden mit uns“

„Die Dänen kommen!“ – so titelte der ORF, als es darum ging, dass Reptile Youth nach Österreich kommen. Dass sie gekommen sind, hat sich ausgezahlt, ist doch die Bühnenshow eine ganz andere, als man sie gewohnt ist. subtext.at hat Mads Damgaard und Esben Valloe zum Interview über Zufriedenheit, China-Groupies und das Anspucken eines Fans gebeten.

subtext.at: Gibt es etwas, das ihr gleich zu Beginn des Interviews hinter euch bringen möchtet?

Esben Valloe: Ja, bringen wir doch bitte mal gleich das ganze Gerede über unseren Namen hinter uns. Ich finde, dass das das langweiligste ist, worüber man sprechen kann. Ich versteh das natürlich auch, dass die Leute das wissen wollen – spannend ist das aber nicht.

Mads Damsgaard: Naja, abgesehen davon gibt’s kein Thema, das ich nicht aushalte.

subtext.at: Dann möchte ich gerne mit einem Zitat des ORF beginnen, der über eure Show in Wien folgendes geschrieben hat: „Was man für eine Begegnung mit Mads Damsgaard braucht, sind gute Schultern“ – da du ja nicht die ganze Show auf der Bühne verbringst. Ein Reptile-Youth-Konzert ist also Training auch?

Mads Damsgaard: Das ist wahrscheinlich ein Konzert kombiniert mit Fitnesstraining, ja (lacht).

subtext.at: Warum verbringst du dann verhältnismäßig viel Zeit eines Konzertes abseits der Bühne?

Esben Valloe: Das stimmt nicht hundertprozentig.

Mads Damsgaard: Stimmt, manchmal verbringe ich auch die gesamte Show auf der Bühne. Das ist einfach etwas, das sich in dem Moment richtig anfühlt. Ich mag einfach näher am Publikum sein manchmal. Ich will die Barriere zwischen Musikern und Bühne überbrücken. Ich mag es ja auch selbst, wenn ich auf einem Konzert bin und die Musiker es schaffen, auf einem anderen Level mit dem Publikum zu interagieren. Das muss nicht unbedingt Crowdsurfing sein. Es soll halt nicht einfach nach dem Motto „Da oben stehen Leute, die auf die Leute da unten schauen“ ablaufen.

subtext.at: Auf eurer Facebook-Page steht als erstes geschrieben: „This band is so awesome they have not released a single track yet.“ – seid ihr also die Antithese zu all den anderen Bands auf der Welt, die sich die Arbeit machen, ihre Tracks zu releasen?

(lachen) Esben Valloe: Naja, das „Veröffentlichen“ von Tracks an sich hat sich ja auch verändert. Wären meine Eltern vor 20 Jahren Musiker gewesen und hätten etwas releast, wäre das ganz anders abgelaufen als heute.

Mads Damsgaard: Da gibt’s mehrere Gründe, warum das bei uns so lange gedauert hat. Erstens hat es ziemlich lange gedauert, um zum Kern von dem zu kommen, was wir sind. Wir waren nicht zufrieden mit all dem, was wir gemacht haben. Das wollten wir aber lange sein, bevor wir was rausbringen. Wir mögen es andereseits aber auch, Dinge bewusst anders anzugehen, im Generellen. Wir wollten einfach alles nochmals überdenken – das, glaube ich, ist auch „gesund“ für die Entwicklung.

Esben Valloe: Die Entwicklungen unseres musikalischen Genres war und ist seit unserem Beginn einer starken Wandlung unterzogen. Bei uns war alles verspielt – vielleicht etwas zu verspielt für das Publikum, genauer gesagt in der Hinsicht, dass zum Beispiel eine Nummer sehr blues-lastig war, und eine andere dafür sehr techo-angehaucht war. Das hat sich alles in verschiedene Richtungen gezogen – und wir konnten keine komplette Platte in eine bestimmte Richtung machen unter diesen Voraussetzungen. Das und die Tatsache, dass wir keine professionellen Musiker waren und schon gar keine professionellen Produzenten waren, sind der Grund dafür, weshalb es noch nichts von uns gibt.

subtext.at: Ihr habt gerade erwähnt, nicht komplett zufrieden mit eurer Arbeit gewesen zu sein. Wie habt ihr es trotzdem geschafft, bei der Musik zu bleiben? Gab es Stellen, wo ihr zu euch gesagt habt „Das wars!“ und Gedanken gehabt habt, etwas komplett anderes zu tun?

Mads Damsgaard: Ich glaube, wir haben einfach große Ambitionen. Wir wollten einfach nichts tun, das nicht gut genug für uns waren. Wir mögen es auch, zu streiten und da dann in die Tiefe zu gehen. In gewisser Weise hatten wir Spaß daran, nicht zufrieden zu sein. Natürlich ist es aber auch schön, so wie jetzt zufrieden zu sein.

Esben Valloe: Wobei man da schon auch sagen muss, dass wir noch ein gutes Stück des Weges vor uns haben.

Mads Damsgaard: Wir sind noch immer nicht zufrieden, stimmt.

subtext.at: Wird es dann eurer Meinung nach einen Punkt geben, an dem ihr wirklich zufrieden seid?

Mads Damsgaard: Ich hoffe nicht, ehrlich gesagt. Da würde was fehlen.

Esben Valloe: Wenn ich alt bin, vielleicht – dann kann ich die Stories weitererzählen.

subtext.at: Kommen wir zu einem ganz anderen Thema: Ihr seid ja schon quer über die Welt verteilt aufgetreten – was die unweigerliche Frage aufwirft: Was ist der größte Unterschied für euch zwischen einer Show in Westeuropa und, sagen wir mal, Ostasien?

Esben Valloe: Der größte Unterschied bei einem Konzert in China zum Beispiel ist der, dass die Leute, vor denen wir dort spielen, noch wenig Kontakt zu „westlicher“ Musik haben – die haben erst vor ein paar Jahren zum ersten Mal davon gehört. Das ist auch ein großer Unterschied, weil die ganze Chronologie der Musikgeschichte über den Haufen geworfen ist. Meine Eltern haben mir halt die Beatles vorgespielt und mit mir über Musik geredet, in China halt ist das ganz was anderes.

subtext.at: China ist ja, was westliche Inhalte angeht, sehr restriktiv. Hattet ihr auch mit Problemen zu kämpfen, als ihr dort wart?

Mads Damsgaard: Ja, einen ganzen Haufen. Wir wurden zensuriert. Wir mussten unsere Lyrics zu den Behörden schicken, damit die überprüfen konnten, ob wir eh keinen Schaden anrichten konnten. Sex, Drogen, Religion, Politik – all diese Themen. Da wir aber einen Haufen Songs haben, die diese Themen beinhalten, haben wir sie abgeändert – als wir aber nach China gekommen sind, haben wir dann trotzdem die Originale gespielt. Uns wurde auch gesagt, dass wir ein Video offline nehmen sollen, weil es aussehe, als ob wir Moslems wären. Das war ganz strange, ehrlich gesagt.

Esben Valloe: Das Video war aber schlecht. Insofern ist es vielleicht besser, dass es offline ist.

Mads Damsgaard: Ein anderer großer Unterschied ist aber auch die Fankultur in Ostasien.

Esben Valloe: Das klingt jetzt wie ein Klischee – aber alle asiatischen Mädchen wollen Fotos mit dir machen.

Mads Damsgaard: Das ist fast wie früher – die Beatles als Extrembeispiel konnten ja auch fast keine Konzerte spielen, weil die Fans so ausgerastet sind. Wenn wir vor 10000 Leuten in China ein Konzert gespielt haben, waren allein zwischen Backstageeingang und dem Auto, das uns zum Hotel brachte, mehr als 100 kreischende Girlies vor Ort. Das war eine ganz schräge Erfahrung – das gibt’s hier in Europa nicht.

subtext.at: Ein anders Zitat, das ihr mal in einem Interview gegeben habt: „Life is a fucking dream and so is the band.“ Es ist also wirklich euer Traum, quer durch die Welt zu reisen, Shows zu spielen, und danach abzustürzen? Beide: Ja. Zur Zeit schon.

Mads Damsgaard: Wir haben heute darüber nachgedacht, als wir hergefahren sind. Ich bin grade todmüde, hab einen Kater von gestern, weiß nicht, wie ich das Konzert überleben soll – und bin trotzdem glücklich.

Esben Valloe: Natürlich gibt es Ups and Downs. Ich hätte mein Geld auch in andere Sachen stecken können, die sicher ein höheres Maß an Stabilität und Zukunftssicherheit gebracht hätten. Manchmal vermisse ich es auch, die Vorzüge von Absicherungen zu genießen. Wenn wir aber dann auf Tour sind, dann weiß ich, dass es sich lohnt. Ich freue mich heute schon, meinen Enkeln mal von den ganzen Erlebnissen auf der Tour erzählen zu können.

Mads Damsgaard: Wenn in fünf Jahren alles auseinanderbricht, ist mir das auch egal. Aber das zu tun, was mir in dem jetzigen Moment grade Spaß macht, ist das alles mehr als wert.

 

subtext.at: Eine Anekdote: Die ungewöhnlichste Erfahrung on stage?

Mads Damsgaard: Da fällt mir spontan ein Konzert ein. Das war am Spot-Festival in Dänemark, und ich hab zu der Zeit in einer anderen Band auch gespielt. Da hatte ich dann zwei Shows hintereinander zu spielen – eine halbe Stunde auseinander, am anderen Ende der Stadt. Bei unserem Auftritt war ich dann so darin versunken, dass ich auf das andere Konzert völlig vergessen habe. Am Ende habe ich all meine Kleidung ausgezogen und ins Publikum geworfen. Nachher bin ich dann draufgekommen, dass ich in 20 Minuten spielen soll – halt leider nur in Unterwäsche dastehend. Das war einerseits dumm, andererseits aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie ich in einem Konzert agiere – da vergess ich die Umwelt oft.

Esben Valloe: Bei mir wars in Island, wo mich ein Mädchen gefragt hat, ob sie auf die Bühne kommen darf. Als ich das verneint habe, hat sie begonnen, mir die Schuhbänder aufzumachen. Dann habe ich ihr ins Gesicht gespuckt (alle lachen). Einen Fan dort habe ich also sicher verloren. Ich finde es aber unhöflich, einem Musiker während der Show die Schuhbänder aufzumachen.

Mads Damsgaard:Einem Fan ins Gesicht zu spucken ist aber auch unhöflich, oder?

subtext.at: Meine Standardfrage zu jedem Interviewabschluss: Auf eurem Grabstein soll geschrieben stehen?

Mads Damsgaard: Wow, das ist eine gute Frage grade. Ich hab vor 2 Monaten auf einem Friedhof in London einen Song darüber geschrieben – das war damals „Ich will, dass dieses Grab von Unkraut und Spinnen bevölkert wird“. Also nicht mit Blumen und so. „Auf diesem Grab soll Unkraut wachsen“ wäre also ganz gut.

Esben Valloe: „Thank you for the music“ (lacht).

Links und Webtipps:

Fotos: Christoph Thorwartl

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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