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„Titanic“: Grotesker Untergang der Gesellschaft

„Titanic“: Grotesker Untergang der Gesellschaft

Seit dem 7. August ist der Kulturverein „Die Werft“ zum vierten Mal seit 2009 im Parkbad zu Gast. „Titanic- Hurra wir sinken noch“ ist ein groteskes Stück, in dem der Untergang zur Metapher für Zeitkritik wird.

Fünf Passagiere der ersten Klasse- das Millionärspaar Mr. und Mrs. Filthrich (David und Lisa Fuchs), Prof. Dr. Klug (Markus Schramm), der Opernstar Andrea Belcanto (Doris Krause) und das Society- Partygirl London Marriott (Isabel Meili)- treffen auf dem Deck der RMS Titanic aufeinander. Ein plötzlicher Ruck des Schiffes wird eher als nächtliche Störung denn als Beunruhigung empfunden. Die Stewardess (Claudia Grevsmühl) kann noch so oft mitteilen, dass das Schiff einen Eisberg gerammt und in weniger als drei Stunden untergehen werde, man vertraut dem charismatische(re)n Mr. Goldman (Tonio Fuchs) mehr. Dieser greift Vermutungen der Passagiere- wie etwa die der Verwechslung eines Eisbären mit einem Eisberg- auf und versucht, sie in diesen zusätzlich zu bestätigen. Die seinerseits genannten Motive für das Wasser an Bord oder das schiefe Stehen des Schiffes ändern sich, so habe man beispielsweise erst später vom atlantischen Regen erfahren. Nach der anfänglichen Verleugnung folgen die vier weiteren der „Fünf Phasen des Sterbens“ (auf die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross zurückgehend, die darin Erfahrungen von 200 sterbenden Patient/inn/en in den USA verarbeitet hat): Im Zorn wird mit Eistortenstücken geworfen, als Verhandlungspartner hält der personifizierte Tod her; die Depression wird von pharmazeutischen Hilfsmitteln begleitet und nach der Akzeptanz erscheint Rettung nicht mehr notwendig.

Die Inszenierung (Erik Etschel und Lisa Fuchs) setzt vor allem auf groteske Elemente als roten Faden, auf parodistische Züge und Slapstick- Humor: Gleich zu Beginn verfehlen sich Kate Winslet (Sofie Pint) und Leonardo Di Caprio (Andreas Kurz), „My heart will go on“ wird im Chor gesungen. Die Charaktere sind archetypische Figuren; Rollen-Träger/innen, die kaum eigenständiges Denken an den Tag legen und dem Attribut „unsinkbar“ sowie der Macht der Technik unhinterfragt vertrauen. Der personifizierte Tod trägt seinen Teil zur Verbindung von Komik und Lächerlichkeit mit Grauen und Bedrohung bei: Er zeigt sich einerseits genervt, gestresst und fragt, ob die Passagiere der ersten Klasse keine anderen Probleme als einen nassen Schuh hätten. Andererseits betritt er nie ganz die Bühne, wird beleuchtet und von düsterer Musik (Bernhard Rehn) begleitet.

Dennoch funktioniert das Vermitteln der Gesellschaftskritik nur bedingt: Die Rolle der Conferenciers (Christian Korherr und Andreas Wipplinger) ist speziell zu Beginn unklar, erinnert kontextabhängig an das epische Theater oder an eine Erzählerrolle. Es entsteht ein zusätzlicher Verfremdungseffekt in einem Stück, in dem man durch archetypische Figuren oder ihre überspitzten Aussagen und Handlungen ohnehin kaum zur Identifikation verleitet wird. Auch ihr Einsatz edler Löffel hätte möglicherweise ein Mal gereicht.
Aspekte, die das eigene Handeln analysieren, präsentieren sich subtiler als diejenigen, die Politiker/innen oder Medien kritisieren: Verhandlungen darüber, dass man erst ab einem bestimmten Einkommen von einer Klasse sprechen könne und die Überzeugung, dass man etwas (nur) deshalb nicht tun könne, da es nicht politisch korrekt sei, oder der Gewinn des Klimawandels bei Schere-Stein-Papier sind sichtbare Botschaften. Dass (etablierte) Politiker/innen für ihre Phrasen („Schluss mit leeren Phrasen. Nieder mit den Vasen“) verurteilt werden, die Passagiere aber dann einer scheinbar unabhängigen Person, die in ihren Aussagen flatterhaft ist glauben, ist ein weniger eindeutig dargestellter Kritikpunkt.

Laut der Website der „Werft“ (Aufteilung des Kulturvereines „Musentempel“ zu „Die Werft“, der unabhängig von diesem agiert, speziell für die Parkbad-Reihe) bleibe es dem Publikum überlassen, zu entscheiden, ob es sich bei den Figuren in „Titanic- Hurra wir sinken noch“ um einen faktischen Teil der Gesellschaft handelt: Das kann insofern bejaht werden, indem man das Stück so interpretiert, dass charismatischen Personen unabhängig von ihren Kompetenzen von vorneherein mehr Gehör als weniger redegewandten geschenkt wird und Versprechungen wie „gratis Saufen“ diesen Effekt erhöhen. Dinge werden zuerst verleugnet, um dann hinterher zu meinen, dass man eine Sache immer schon angedeutet hätte. Wenn das nicht mehr hilft, wird die Krise als Chance gesehen.

Das Wasser steht sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch bis zum Hals. Trotz der Bezeichnung Tragikomödie liegt der Fokus aber auf dem Einsatz grotesker Elemente: Das ist adäquat, wenn die Antidepressiva- Vergabe einer Tierfütterung ähnelt, aber wirkt in Szenen, die zum Beispiel mit Slapstick- Humor verbunden werden, möglicherweise plump. Durch das kurze Ansprechen vieler verschiedener, gesellschaftlicher Bereiche können nicht mehr alle geäußerten Kritikpunkte des Stückes in die Tiefe gehen. Vielleicht werden dem Publikum in dieser Hinsicht zu bemüht wenige Vorgaben gemacht. Es erscheint somit schwer, Kernaussagen des Stückes zusammenzufassen.

Gelungene Zusammenfassungen des Geschehens stellen aber das Bühnenbild (Thomas Kurz), die Licht-und Toneffekte (Elwin Ebmer)sowie die Kostüme (Antje Eisterhuber und Nora Wimmer) dar. Gespielt wird nicht nur außer-, sondern auch innerhalb des Familienbeckens des Parkbades- Absperrungen, Luftmatratzen und Schwimmreifen, die anfangs nicht dem modischen Geschmack der Passagiere entsprechen, inklusive.

Das Ende ist unvorhergesehen und wunderbar skurril: Man wählt lieber den „Heldentod“, als sich von einem anderen Schiff retten zu lassen.

„Titanic- Hurra wir sinken noch“ wird bis 29.8., jeweils um 21 Uhr im Linzer Parkbad, bei Schlechtwetter im Hallenbad, aufgeführt.

http://www.die-werft.at/stueck.html

 

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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