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Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Medien

Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Medien

Rassismus ist nicht natürlich gegeben. Rassismus wird geschaffen. Niemand kommt auf die Welt und hat sofort „Angst vorm schwarzen Mann“. Die Gesellschaft und vor allem die Medien schüren diese Angst. Tagtäglich schwirren Horrormeldungen um uns, mit kraftvollen Wörtern wie „Sextäter“, „Gewaltverbrecher“ oder „Terroranschlag“, die in Verbindung mit Asylwerbern und Flüchtlingen stehen. Das dies zu einer Verzerrung unseres Bildes führt und somit zu einer fortlaufenden Spaltung der Gesellschaft, ist absehbar.

Rassismus bedeutet, gegen eine bestimmte Gruppe, der man gemeinsame Eigenschaften zuschreiben kann, Vorurteile zu haben. Eigentlich wissen wir ja, dass dies keine gute Eigenschaft ist. Wenn ich auf die Straße gehe und jemanden „Du Rassist“ nenne, wird dieser mit Sicherheit nicht erfreut sein. In gewisser Weise ist also „Rassist“ ein Schimpfwort. Trotzdem befinden wir uns gerade in einer Zeit in der Xenophobie, die Überhand gewinnt.  Laut dem Verfassungsschutz gab es 2015 bei den Straftaten mit einem fremdenfeindlichen Hintergrund eine Verdreifachung.

Um herauszufinden, warum das so ist sind wir wieder bei der Angst, die fortlaufend in uns wächst. Die hat man in Österreich nämlich zur Genüge, und von ihr können gewisse Medienplattformen und politische Gruppen fein leben. Im Jahr 2015 wurden in Österreich 89.340 Asylanträge gestellt (Quelle: BMI). Zugegeben: eine immense Zahl. Vollkommen verständlich ist auch, dass sich in diesem Strom aus Flüchtenden nicht nur „gute“ Menschen befinden, die mit ihrer derzeitigen Lebenssituation vollkommen zufrieden sind und ohne angestaute Wut und Trauer nur darauf warten, ein trachtentragender Vorzeigeösterreicher zu werden.
Gerade, wenn man ein bisschen in den Medien stöbert, zeigt sich allerdings ein Bild auf, das vermuten lässt, dass die Kriminalitätsrate seit dem Zuwanderungsfluss im Sommer in Österreich in die Höhe geschossen sei. Klar schüren die Headlines der Boulevardzeitungen auch den Zweifel, ob die Aufnahme so vieler Flüchtlinge wirklich eine durchdachte Idee gewesen ist. „17-Jährige von Asylwerber brutal vergewaltigt“ wirft wohl kaum ein gutes Licht auf jene, die in unser Land einreisen. Vor allem, weil solche Schlagzeilen kein Einzelfall sind. Doch stimmt es wirklich, dass die Straftaten seit der Flüchtlingswelle gestiegen sind? Nein, das ist falsch. Eine Statistik des österreichischen Bundeskriminalamts belegt sogar das Gegenteil – 2015 wurden um 1,9% weniger Anzeigen erstattet als im Vorjahr. Bedenken muss man dabei auch, dass es aufgrund der erhöhten Einwohneranzahl eigentlich zu einem natürlichen Anstieg der Kriminalität kommen hätte müssen. So ist es zum Beispiel in Deutschland der Fall. Allerdings ist der Anstieg so gering, dass er sogar unterproportional zum Bewohnerzuwachs ist. Auch bei uns in Österreich zeigte eine kürzlich veröffentlichte Studie, dass die Anzeigen im Bereich der Kleindelike, wie Drogenhandel, Taschendiebstählen und leichter Körperverletzung gestiegen sind. Auch hier kann man aber auch nicht definitiv sagen, dass dies mit einem Anstieg der Kriminalität in Verbindung steht. Laut der Kriminologin Katharina Becelin liegt auch hier ein Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung vor. Diese schürt in den Menschen Unsicherheit – und das führt zu einer höheren Anzeigenbereitschaft, die besonders gegenüber Ausländern zu beobachten ist.

Die Artikel, die trotzdem am präsentesten in den Köpfen der Österreicher verankert bleiben, sind die der sexuellen Übergriffe. Zumindest sind sie, wie mir scheint, eines der Lieblingsargumente der Flüchtlingsgegner. Spätestens seit der Silvesternacht in Köln werden nicht selten Flüchtlinge als pauschale Gefährdung für unsere Frauen bezeichnet. Interessant sind auch hierbei wieder die Medien. Denn sexualisierte Gewalt ist kein Phänomen, das erst existiert, seit wir die Grenzen geöffnet haben. Sexualisierte Gewalt gibt es wahrscheinlich schon seit es die Menschen gibt. Allerdings ist die Berichterstattung bisher immer völlig untergegangen. Erstens weil es ein Tabuthema ist. Kein/e Betroffene/r spricht gerne offen über so traumatische Erlebnisse und macht diese publik. Auch wenn es kaum vorstellbar ist, ist es auch immer noch etwas, das vielen Frauen peinlich ist und wo sie nicht selten die Schuld bei sich selbst suchen. Gerade dadurch ist sexualisierte Gewalt wohl noch immer ein Metier, dass gerade, wenn es im häuslichen Umfeld passiert, gar nicht erst zur Anzeige gebracht wird. Zweitens sind in unserem bürokratischen System gerade Fälle der Vergewaltigung oft sehr schwer über die Bühne zu bringen und nicht selten mit einer jahrelangen Tortur der Opfer verbunden, und letztendlich bleiben die Prozesse dann doch aufgrund mangelnder Beweislage erfolglos. Und plötzlich kommen seit 2016 immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe, und anscheinend ist es auf einmal möglich offen darüber zu sprechen.

Frauen können sich frei zu Wort melden, werden auch gehört und ernst genommen.Allerdings natürlich nur, wenn es nicht der Partner oder der Onkel ist, sondern dann wenn es „die Anderen“ waren. Leicht ist es zu sagen: „Ich bin keiner von denen, denn ich bin Österreicher und Gewalt gegen Frauen gibt es bei uns nicht“. Dass das jedoch völlig falsch ist, wissen wir spätestens, wenn wir ein bisschen in die Keller der vergangenen Jahre blicken.Viele werden jetzt sagen, dass sie nicht glauben, dass früher so brutale Vergewaltigungen ohne medialen Rummel über die Bühne gingen. Aber haben wir schon mal davon gelesen, dass pro Oktoberfest 30 Delikte von sexualisierter Gewalt zur Anzeige gebracht werden? Die Dunkelziffer ist dabei allerdings bestimmt vielfach so hoch.

Es liegt also an uns diese Spaltung, die Medien definitiv verstärken, nicht zuzulassen und diesem Phänomen entgegen zu steuern. Darum müssen wir aufhören uns auf etwas zu stützen, mit dem wir uns nicht auseinandergesetzt haben. Eine Meinung kann nur der besitzen, der auch Wissen hat. Und das erlang man nicht nur durch eine Headline, sondern dadurch, Dinge von verschieden Seiten zu betrachten und mehrere Quellen zu Rate zu ziehen. Und von diesem Prinzip sollte sich weder der Neonazi noch der „linkslinke Gutmensch“ ausnehmen.
Denn so wie sich die Gesellschaft derzeit in Lager teilt, darf sich niemand wundern, dass die Politik und ein friedliches Zusammenleben nicht funktioniert.

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