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Urban Gardening: Balkonien lässt grüßen

Urban Gardening: Balkonien lässt grüßen

Lasst uns dem Gartenbau das Politische zurückgeben. Selbstversorgung war früher ein Statement gegen die kapitalistische Gesellschaft. Heute ist von der „Revolte“ nur noch ein Hobby für ältere Frauen übrig geblieben. Aber ist das Hegen und Pflegen von Pflanzen wirklich so langweilig? 

Der Frühling kommt. Und mit dem Frühling auch die Lust draußen zu sein und zu „gachteln“ (gärtnern). Sämtliche Baumärkte bereiten einen schon seit Jänner auf das Frühjahr vor und locken mit unzähligen Aktionen und Angeboten. Wann das Anbauen von Gemüse und Obst zu einen lukrativen Geschäft für die großen Konzerne geworden ist, weiß man nicht so genau. Klar gab es den Verkauf von Saatgut schon (fast) immer, aber braucht man wirklich den ganzen Schnickschnack von rosa Hacke bis zu Dreifachrasendünger? Das Bepflanzen von Beeten ist immer mehr in Mode gekommen und Ratgeber zu diesem „Hobby“ gibt es wie Sand am Meer. Aber wo ist der politische Aspekt des Gärtners hingekommen, der Versorgungsaspekt und der Selbsterhaltungsaspekt?

erste Ernteerfolge: Erdbeeren am Balkon!

Mir ist bewusst: es gibt schon mindestens 100 Artikel zum Thema „Urban Gardening“ und mindestens so viele Bücher, die in den Diskontbüchläden aufgereiht sind. Viele haben gelernt, Profit aus diesem Trend zu schlagen. Doch eigentlich gibt es das „Urban Gardening“ ja eh schon immer. So denkt man etwa an die Kriegszeiten zurück, wo die Menschen in den Innenhöfen Gemüse angebaut haben, um sich selbst zu versorgen. Oder an das Stichwort „Schrebergarten“. Eine Pflanze in der Stadt anzubauen und ihre Früchte zu essen ist somit nichts Neues. Meine Oma würde mich bestimmt verschmitzt anschauen, wenn ich ihr von dem „neuen“ Trend erzähle. Der einzige Unterschied zu heute ist: wir sind nicht mehr auf die Früchte angewiesen, klappt es mal nicht, kann man sich immer noch am Markt mit Vitaminen eindecken.

Ich möchte euch einige Möglichkeiten zeigen, wie man aber trotzdem seiner Lust am Gärtnern fröhnen kann und wie man sich ein Stück weit mitten in Linz versorgen kann, ohne auf große Lebensmittelketten angewiesen zu sein. Ursprünglich wollte ich alles in einem Artikel verpacken, nur hat meine Recherche so viel spannendes Material hervorgebracht, dass es eine Artikelreihe wird – also keine Angst, es kommt noch mehr.

der Klassiker für Botaniker: Tomaten am Balkon!

Beginnen wir mit dem, was am Einfachsten und Naheliegendsten ist: Anbauen am eigenen Grund und Boden (oder Balkonien).  Ich muss gestehen: ich habe schon seit Jahren keine Blümchen mehr am Balkon, weil sämtliche Flächen mit Gemüse- und Obstpflanzen vollgestellt sind. Klar ist es ein Aufwand, die Pflanzen jeden Tag zu gießen und zu pflegen – den leider ist es mit dem Einpflanzen selbst nicht getan. Ich habe mit meiner Wohnung inklusive einem Balkon ja sehr viel Glück, auch wenn 6 Quadratmeter nicht unbedingt groß sind, so bekommen meine Pflanzen tagsüber sehr viel Sonne und sind doch windgeschützt. Das ist gerade für Tomaten und Erdbeeren sehr wichtig.

Die Liebe zu den Pflanzen war bei mir schon immer da. Als kleines Kind half ich oft meiner Oma im Garten und begleitete sie auch beim Sammeln verschiedener Kräuter. Damals schon fand ich es faszinierend, wie viel man aus den verschiedenen Pflanzen machen kann. Ich lernte auch die Seite der Landwirtschaftsindustrie kennen, inklusive Ackerbau und Co – was mich darin bestärkte, lieber mein eigenes Gemüse anzubauen oder überwiegend Bio und regional einzukaufen.

Mein Umzug nach Linz war etwas befremdlich. Nicht nur weil große Stadt und so, sondern auch weil ich es nicht gewohnt war, keinen Garten vor der Tür zu haben, in welchen man schnell rausgehen kann, um sich sein Mittagessen zu ernten. Schnell war für mich klar, dass ich zumindest die frischen Kräuter nicht missen möchte – und so hat sich das Ganze von Kräutern bis hin zu Gurken und Kartoffeln ausgeweitet. Klar geht mal was schief – da hat man die falsche Erde oder vergisst im Urlaub, jemandem Bescheid zu geben, die Pflanzen zu gießen. Aber im Großen und Ganzen klappt es meistens doch.

Die Vorteile, die ich für mich als Balkongärtnerin gegenüber dem normalen Garten entdeckt habe, sind zahlreich. So hat man kaum Unkraut, weil so ein Löwenzahnsamen schafft es selten bis in den zweiten Stock. Weiters kann man selbst bestimmen, wie die Mischkultur aussieht. Weiters ist man meistens vor anderen Ungeziefern wie Mäusen geschützt – oder aber auch gegen starken Regen. Bei Wind oder auch bei Frost sind die Pflanzen gut versorgt – also prächtige Voraussetzungen. Anzufügen ist hier auch noch, dass in der Stadt kaum Pestizide angewendet werden. Hier hat man hier auch einen großen Vorteil.

Meine Pflanzen kommen auf unterschiedlichen Wegen zu mir. Ein paar ziehe ich mir selbst aus dem Samen vom Vorjahr oder ich kaufe mir das Saatgut. Oft passiert es mir auch, dass ich direkt Pflänzchen kaufe, beispielsweise auf diversen Pflanzlflohmärkten. Und die Variante, die ich am meisten liebe, ist, Pflanzüberschüsse von Freunden zu bekommen oder gegenseitig auszutauschen, da man meistens sowieso zu viele Zöglinge für den eigenen Balkon hat. So kommt man zu einer großen Pflanzenvielfalt, die spätestens bei der Ernte große Freude bereiten wird.

Gemüse in den Startlöchern: Pflanzerl

Tipps für Einsteiger:

Eine gute Erde ist die halbe Miete. Weil die Pflanzen ohne unsere Hilfe nicht laufend mit Nährstoffen von unten und außen versorgt werden, ist es wichtig, eine Erde zu wählen, die auch den Bedürfnissen der Pflanze gerecht wird. Ich selbst bin mit einer Mischung aus Pflanzerde und Hochbeeterde immer sehr gut gefahren.

Den Pflanzen genügend Platz und den richtigen Standort geben. Kräutern genügt oft schon ein kleiner Topf, die Tomaten brauchen da aber schon ein größeres Gefäß und vor allem auch Luft nach oben. Viele Pflanzen lieben die Sonne und brauchen sie auch, um zu reifen. Andere meiden die pralle Sonne wie die Vampire das Tageslicht – Stichwort Pflanzenabstand. Wenn du dir nicht sicher bist hat Google da meistens einen guten Ratschlag parat.

Pflanzen aus Saatgut zu ziehen ist nicht schwer, bei den meisten zumindest. Einige sind da aber schon etwas pingelig und brauchen viel mehr Aufmerksamkeit als andere. Hohe Erfolgschancen hat man mit Karotten, Radieschen, Erbsen, Salat und Kohlgemüse. Frustrieren kann schon mal das Ziehen von Tomaten, Paprika oder diversen Kräutern sein – wer sich das Pikieren und Verhätscheln sparen möchte, kauft am liebsten die fertigen Pflanzen.

Auch wenn die ersten Sonnenstrahlen im Februar den inneren Drang zum Gärtnern wecken, ist es oft besser, noch etwas zu warten. Gerade, wenn es um das Aussetzten ins Freie geht. Während der Nacht ist es oft noch sehr kalt und das kann die jungen, empfindlichen Pflanzen das Leben kosten. Als Richtwert ist die Information am Saatgutpäckchen immer eine gute Hilfe.

Manche Pflanzen lieben sich heiß und innig und können ohne den anderen kaum sein, andere hassen sich wie die Pest. Ja, Pflanzen haben auch Gefühle. Die Pflanzenverträglichkeit ist eine eigene Wissenschaft. Tomaten mögen keine Erbsen als unmittelbare Nachbarn, dafür haben sie gerne Radieschen um sich. Für Anfänger gibt es viele Tabellen, die erklären, welche Pflanzen sich untereinander gut vertragen – und welche sich am liebsten an die Gurgel gehen möchten.

Dem Erfolg steht nur noch eines im Weg: die Versorgung mit Wasser. Regelmäßiges Gießen ist deswegen Pflicht.

Experimentieren erlaubt. Nur so erfährt man, was am eigenen Balkon am besten gedeiht. Hat man die Kartoffelaufzucht am Balkon noch nicht probiert, kann man auch nicht sagen, ob er sich dafür eignet.

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in das Leben der Selbstversorger geben. Ich freue mich jetzt schon wenn es endlich wieder wärmer wird und meine Pflänzchen raus in die Sonne kommen. In den nächsten Artikeln möchte ich mich weiter mit dem Thema Selbstversorgung in der Stadt Linz beschäftigen und weiters darüber Auskunft geben, wie ich mich von den Früchten der Stadt versorgen kann. Viel Glück beim Experimentieren!

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