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TILL BRÖNNER: „Wir haben viel mehr gemeinsam, als es nach außen hin den Anschein hat“

Was lange währt, wird endlich gut. Till Brönner, der wohl bekannteste Jazz-Trompeter im deutschsprachigen Raum, und der ruhmreiche Kontrabassist Dieter Ilg haben gemeinsam ein Album produziert. „Nightfall“, so der Name dieser Feuertaufe, funktioniert prächtig als zauberhafte Kopfkulisse. Die Platte wurde an einem Ort mit Atmosphäre aufgenommen, wie Ausschnitte auf YouTube bezeugen. Ausschnitte, die den Blick auf sattgrüne Hügel freigeben. Auf Wälder, Bäume, Gewässer.

Und so trifft ländliche, mondäne Eleganz auf urbanes Blue Note-Treiben. Das Album atmet viel Räumlichkeit. Selbst eine seltsam spacige Stimmung kommt in manchen Songs auf. Spätestens mit dem letzten Track, dem geistlichen „Ach, bleib mit Deiner Gnade“, ist es da: Das erhabene „Nightfall“-Gefühl.

Interpretation von Johann Sebastian Bach neben Leonard Cohen neben den Beatles zu stellen, ist gewagt. Selbst „Scream & Shout“ von will.i.am und Britney Spears gerät zur großen Überraschung so stimmig wie ein schmackhaft prickelnder Cuba Libre. Und zu guter Letzt noch das Model Lisa Tomaschewsky mit der Kippe in der Hand auf dem Cover. Auf das Eingangs im subtext.at-Interview erwähnte Statement, dass es Raucher heutzutage nicht besonders leicht in der Gesellschaft hätten, lacht Brönner herzhaft. Wohl wissend, in welche Richtung wir uns mit der ersten Frage hinbewegen. Den vollabstinenten Vernunftsmenschen findet der 46-Jährige dennoch erstrebenswert, wie er beteuert.

subtext.at: Till, das Cover des neuen Albums „Nightfall“ zeigt eine attraktive Frau, der Blick gesenkt, genießend, in der Hand eine Zigarette. Wolltest du den ehemals mondänen Sexappeal des Rauchens wieder aufgreifen?
Till Brönner: (lacht) Die Planung sah ursprünglich ein Cover mit uns beiden, mit Dieter Ilg und mir, vor. Ziemlich überschaubar also. Über Nacht haben wir diese Idee dann über den Haufen geschmissen. Auf einmal stand im Raum, dass weder Dieter noch ich auf dem Cover sein sollen.

subtext.at: Welche Position bezieht sie? Weshalb hast du dich gerade für dieses Foto entschieden?
Till Brönner: Natürlich schwingt diese von dir aufgegriffene Symbolik bewusst und gewollt mit.

subtext.at: Rauchst du selber?
Till Brönner: Nein. Ab und zu gönne ich mir aber eine Zigarre.

© Chris Noltekuhlmann

subtext.at: Frauen rauchen anders als Männer. Sie greifen vermehrt in Stresssituationen zur Zigarette, sagen Forscher, während Männer eher in Gesellschaft Nikotin konsumieren.
Till Brönner: Das kann ich dahingehend beurteilen, dass ich selbst ein Gelegenheitsraucher durchgehe. Dann darf es eben schon mal eine Zigarre anstatt einer Zigarette sein und ja, in Gesellschaft.

subtext.at: Früher galt die Kunst des Rauchens als Genuss, heute wird sie erbittert erkämpft. Der Tabak und sein Gebrauch galt als etwas Schönes, Beflügelndes, Leidenschaftliches. Ist heutzutage alles viel zu korrekt, auf Korrektheit gebürstet?
Till Brönner: Das spielt mittlerweile in allen Aspekten des Lebens eine Rolle. Wir haben uns die Freiheit genommen, was das Bild anbelangt, die Zigarette abzubilden. Rauchen und Jazz haben ja eine lange Tradition miteinander. Das ist nun mal so, es lässt sich nicht leugnen.

subtext.at: Mit einem Rauchverbot als ein klares, gesellschaftspolitisches Statement ist in Österreich mit der neuen Regierung ja nicht zu rechnen. Österreich hat eines der laschesten Rauchergesetze in der EU. Verfolgst du, was bei uns politisch passiert?
Till Brönner: Natürlich. Ich habe dennoch das Gefühl, dass die deutsche und die österreichische Politik in vielen Belangen viel mehr Gemeinsamkeiten hat, als es oft und stillschweigend nach außen hin gezeigt wird (lächelt). Wir haben viel mehr gemeinsam, als es nach außen hin den Anschein hat. Das Rauchen und die damit verbundene Kaffeehauskultur gehört zudem zur Identität eures Landes. Ein Wien ohne die dazugehörige Kaffeehaustradition kann ich mir gar nicht vorstellen. Da würde ich mir manchmal wünschen, dass bei uns eine Meinung in gewissen Dingen standhafter bleibt als es oft der Fall ist.

subtext.at: Bei unserem letzten Treffen hast du gesagt, dass dir dein Produzent Dinge abgenommen hat, die dich als Akteur mittlerweile ganz schön überfordern. Gibt es etwas, was dir Dieter abgenommen hat?
Till Brönner: (lacht) Wir haben uns viel mehr ergänzt. Wir kooperieren schon recht lange und diese Platte ist nur die logische Fortsetzung daraus.

subtext.at: Du hast auch gesagt, dass du auch viel Zeit vertrödelst und schlecht planen kannst, wie viel Zeit du für etwas benötigst. Musstest du jetzt disziplinierter arbeiten?
Till Brönner: Wenn ich arbeite, vertrödele ich keine Zeit. Da bin ich schon recht fleißig und bemüht.

subtext.at: Ebenfalls hast du erwähnt, dass du keine Lieder interpretieren kannst, die keinen emotionalen Bezug zu dir herstellen. Welchen Bezug darf ich mir bei ausufernden Liedern wie „Peng! Peng!“ oder „Wetterstein“ vorstellen?
Till Brönner: Manchmal verläuft das Leben nicht in geordneten, geregelten Bahnen und gerade diese zwei Lieder sind solch ein Beispiel dafür. Ich bin froh, diese Facette auf „Nightfall“ zeigen zu können.

subtext.at: Wirtschaftsmedien berichten, dass es mit der E-Gitarre bergab gehe. Sinkende Umsätze und ein fehlendes Interesse der Jugend seien schuld. E-Gitarren-Kunden seien jedenfalls alle jenseits der 30. Wie sieht es eigentlich bei Jazz-Instrumenten aus?
Till Brönner: Das kann ich nicht bestätigen oder feststellen. Im Gegenteil. Ich merke, dass weiterhin Interesse bei der Jugend besteht, eine klassische Ausbildung zu beginnen und ein Jazz-Instrument spielen zu lernen. Speziell in Deutschland sind die dazugehörigen Ausbildungen eigentlich sehr gut vernetzt im ganzen Land. Ich nehme an, dass es hier bei euch nicht sehr viel anders sein wird. Ich habe den Eindruck, dass es immer noch erstrebenswert ist, diese Richtung einzuschlagen.

© Chris Noltekuhlmann

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