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Julien Baker verzaubert das Flex

Am Samstag fand wohl eines der schönsten Konzerte dieses Jahres statt. Die amerikanische Singer & Songwritterin Julien Baker sorgte gemeinsam mit Support Becca Mancari dafür im ausverkauften Flex Café. Traumhaft, wunderschön, perfekt, unglaublich und vieles mehr war dieser Abend. Einer bei dem einem das Wörterbuch ausgeht, heißer Kandidat auf das Konzert des Jahres!

Beim Flex angekommen, wohin jetzt? Das war lange Zeit bei diesem Konzert nicht klar. Zuerst im Café angesetzt folgte recht schnell die Verlegung in die Halle und dann kurz zuvor auf Wunsch von Julien Baker wieder die Rückverlegung in die „intime“ Atmosphäre des Flex Café. Manch einem Künstler würde man so etwas übel nehmen, nicht jedoch ihr, wenn man die persönliche Vorgeschichte der Amerikanerin kennt. Was wir jedoch doch etwas übel nehmen ist die Tatsache, dass uns sehr kurzfristig vom Management der Künstlerin unser Fotopass gecancelt wurde, das kommt auch eher selten vor – und darum müsst ihr, unser wertgeschätzten Leser, heute nur mit meinem Text zufrieden geben, um zu spüren, wie magisch dieser Abend war. Fotos gibt es keine. Aber das nur zur Information, zurück zu diesem Thema mit der „intimen Atmosphäre“. Die gab es durchaus, was aber wohl daran lag, dass das Café rappelvoll war und sich in eine Sauna mit gefühlt 90 % Luftfeuchtigkeit und 60 Grad Temperatur entwickelte. Ob da nicht die Halle doch die bessere Wahl gewesen wäre.

Musikalisch ging es pünktlich mit einer Überraschung los. Der Name Becca Mancari war nur wenigen Gästen ein Begriff, auch uns nicht, umso mehr waren wir dann positiv überrascht. Eine großartige Stimme und ein Sound, der durchaus mit Julien Baker mithalten kann, jedoch textlich etwas glücklicher und amüsanter ist. Dazu ein Stück Humor und seinen Weihnachtssong „The Devils Mouth“ zu nennen verdient sowieso Applaus. Schade, dass die Settime nur 20 Minuten betragen hat, vor allem, da bis zur geplanten Startzeit von  Julien Baker noch mehr als genug Zeit gewesen wäre. Schade.

Danach warten, langes Warten inklusive riesiger Vorfreude und dann kam die kleine, unscheinbare Amerikanerin mit etwas Verspätung auf die Bühne. Ab dem zweiten Song „Shadowboxing“ auch fallweise von ihrer Geigerin unterstützt. Hier gibt es auch den einzigen Kritikpunkt, denn vor allem zu Beginn waren da spielerisch ein paar ordentliche Schnitzer dabei, da war die Nervosität wohl etwas groß. Davon abgesehen war dieser Abend wohl musikalisch einer der schönsten, die wir je erleben durften. Ab „Shadowboxing“ war alles egal, die Hitze, die Enge und auch die kleinen Startschwierigkeiten. Man kann bei dieser vor allem live zauberhaften Stimme einfach nur die Augen schließen und genießen. Julien Bakers oftmals traurige, aber sehr persönlich ehrliche Texte gehen einem Live durch ihre Art, ihre Gestik und Mimik auf der Bühne noch näher, sorgen für noch mehr Herzschmerz. Keine Schauspielerei, sondern das ehrliches, sichtbare Erleben ihrer Texte auf der Bühne.

Umso länger das Konzert dauerte, umso lauter wurde der Applaus, umso mehr wurde einem gleichzeitig warm und kalt um das Herz. Umso mehr tauchte man in die Musik ein. Man möchte immer wieder diese junge, schüchterne Frau in den Arm nehmen und ihr sagen „die Welt ist nicht so kaputt“. Dreizehn Songs, eine gute Stunde dauerte dieser Traum, der eine perfekte 50:50 Mischung aus ihrem ersten Album „Sprained Ankle“ und ihrem Neuling „Turn out the Lights“ war. Stimmlich perfekt, instrumentalisch perfekt, Mimik perfekt, Gestik perfekt, Kommunikation mit dem Publikum ehrlich und glaubwürdig, einfach durch und durch perfekt. Selten zuvor hat uns ein Konzert so berührt, uns so im Herz getroffen, uns so verzaubert und das ohne viel drumerhumm. Julien Baker pur, mehr brauchte dieser Abend nicht. Einfach nur schön und himmlisch.

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Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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