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MARVEL’S SPIDER-MAN: Gut geklaut ist halb gesponnen

Eins gleich vorweg: Marvel’s Spider-Man, exklusiv für die PS4 erhältlich, weiß gut zu unterhalten. Dieses kurzweilige Abenteuer des beliebten Netzschwingers aus der Nachbarschaft hat das Zeug dazu, das Fundament für weitere Spidey-Abenteuer von Insomniac Games zu bilden. Dass die Entwickler dabei Blicke nach links und rechts riskiert und sich von anderen erfolgreichen Reihen unserer Zeit wie Assassin’s Creed oder die Arkham-Reihe um Batman inspirieren haben lassen, ist indes nicht von der Hand zu weißen.

 

Marvel’s Spider-Man
Publisher: Sony Computer Entertainment
Entwickler: Insomniac Games
Plattformen: PS4
Testplattform: PS4
Metacritic-Score: 87 %
Preis: 74,75 €

 

Zwischen den Stühlen

Gleich zu Beginn wird man in eine Art Bandenkrieg verwickelt, was sozusagen den ersten großen Teil der Handlung ausmacht. Insomniac Games hält sich nicht, wie es mittlerweile üblich ist in der Unterhaltungsindustrie, mit der x-ten Erzählung oder Neuinterpretation der Entstehungsgeschichte auf , sondern steigt mitten ins Geschehen ein. Es gilt unmittelbar den Verbrecher Kingpin zu fassen und ins Gefängnis zu bringen. Gleichzeitig tritt das den mysteriösen Mr. Li auf den Plan, eine eher neu eingeführte Gangster-Figur im Marvel-Universum. Dieser will Gerechtigkeit und natürlich ein bisserl Rache. Im bekannten Latexkostüm muss man fortan gegen beide Lager in den Krieg ziehen, sich von Skyscrapern im Big Apple stürzen und durch Manhatten schwingen, nach Hinweisen suchen, Rätsel lösen, dabei eng mit der Polizei zusammenarbeiten, nebenbei funktionale Gadgets zusammenbauen, Sehenswürdigkeiten fotografieren und kleine Ganoven, fiese Kriminelle und obligatorische Super-Schurken bekämpfen. Drei Schwierigkeitsstufen sind wählbar und die Choreografie der Kämpfe (mit zahlreichen Kontermöglichkeiten) lässt wenig zu wünschen übrig. Als offensichtliche Inspiration dienten die Abenteuer des Dunklen Ritters aus dem Hause DC Comics, die aus der Feder der Entwickler Rocksteady stammen, denn die Attacken und Gefechte sind annähernd gleich aufgebaut. Schlecht ist das keineswegs.

Dem bekannten Kostüm wurde eine leichte Frischzellenkur verpasst

 

Konkurrenz belebt das Verbrechen

Erfrischend ist auch, dass Insomniac bei der Gestaltung der Story vollkommen neue Wege geht. Mary Jane Watson etwa, ewige Flamme von Peter Parker, arbeitet hier als Journalistin für den Daily Bugel. Tante May ist weniger gebrechlich und aktiv für ein Obdachlosenheim tätig. Norman Osborn, Wirtschaftsmogul und immerwährender Widersacher von Spider-Man, hat es gar zum Bürgermeister gebracht. Und Peter Parker selbst, der stets als Fotograf in Erscheinung getreten ist, forscht als Praktikant von Otto Octavius an diversen Projekten. Der Name wird Kennern bestimmt ein Begriff sein, denn hier setzt der zweite wichtige Handlungsverlauf an. Die Rivalität, die zwischen Octavius und Osborn seit ihrer gemeinsamen Studienzeit (Überraschung!) vorherrscht, führt schließlich zu extremen Rachegelüsten und zur Zusammenkunft der Sinister Six, um bekannte Antagonisten wie Scorpion, Rhino, Electro oder Vulture. Spider-Man steht somit erneut zwischen den Fronten. Bis die erlösende und furios erzählte Katharsis für die Figuren greifbar ist, erlebt man zwischen 20 und 30 Stunden lang Spinnen-Action vom Feinsten.

Schwingen über den Dächern des Big Apple sah nie besser aus

 

Rivalität lohnt sich nicht

Desweiteren sorgen Nebenfiguren wie eben Mary Jane oder Neuzugang Miles Morales, der gegen die Trauer um seinen verstorbenen Vater ankämpft und nicht dem Jähzorn ausgeliefert sein möchte, für Abwechslung, denn auch sie sind zu bestimmten Zeitpunkten spielbar und bringen die Geschichte voran. Überhaupt steht die Action nicht zu jeder Zeit im Mittelpunkt, denn es sind die Dialoge (leider ohne frei wählbare Antwortmöglichkeiten, die Charaktere und die versponnenen Verwicklungen mit- und untereinander, die sich spannend gestalten. Auf Melodramatik und Tragik getrimmte Szenen evozieren hier durchaus Empathie. Insomniac’s Versuch, Superhelden-Action mit einem sozialen Lehrstück zu fusionieren, funktioniert vor allem dann, wenn das sensationelle Finale ansteht. Mehr sei dazu nicht verraten. Hat man die Hauptstory jedenfalls hinter sich, warten noch genügen Nebenmission für den Gamer. Mal sind es Verstecke der Diebin Black Cat, die es ausfindig zu machen gilt, dann sind es normale Passanten, die um Hilfe bitten. Es lassen sich insgesamt zahlreiche Fähigkeiten freischalten und ausrüsten, ebenso wie Kostüme unterschiedlicher Epochen aus Spider-Man’s langjähriger Karriere.

Auch in den gefährlichsten Momenten bleibt der Humor nicht aus

 

Große Macht ≙ Große Verantwortung

Es wird deutlich, dass Sony und Insomniac Games einen originären Zugang zum Mythos der Spinne schaffen wollten, obwohl sie beim Gameplay ein wenig abgekupert haben. Wenn Spider-Man Funkmasten in der gesamten Stadt reaktivieren muss, um einen besseren Überblick zu erhalten, schwenkt die Kamera wie bei Ubisoft’s bekanntem Zugpferd in 360°-Manier um den Titelhelden. Die Luft aus den Segel nehmen auch einzelne Missionen, wo es darum geht, dass X den Ganoven Y ausmacht und anschließend die Ruhe wieder in dem Stadtteil einkehrt. Musikalisch gibt es stets eine passende Untermalung des Geschehens und was Grafik und Technik angeht, liegt das Spiel absolut auf Höhe der Zeit. Jede Figur, die man antrifft, ist optisch ansprechend gestaltet und NYC erstrahlt mit all den bekannten Wahrzeichen wie Empire State Building, Rockefeller Center, dem Central Park oder dem Avengers Tower (!) sowohl am Tag als auch in der Nacht im tollen Glanz. Das Schwingen durch die Straßen gerät flüssig, auch wenn es etwas dauert, bis man die Steuerung verinnerlicht hat. Sprich: Je höher das Gebäude, umso höher kann man sich hinaufschwingen. Ist gerade keines in der Nähe, was vorkommt, verliert man unweigerlich an Halt, was im Kugelhagel manchmal nervtötend sein kann.

NYC macht optisch ordentlich was her

 

FAZIT: Gut aufgehoben im Netz der Spinne

Marvel’s Spider-Man steht in einem guten Verhältnis von Action, Humor, Plot, und ja, auch Gesellschaftskritik. Der Wandkrabbler vermittelt glaubhaft sein Besorgnis darüber, wenn es darum geht, verseuchte Fische im Wasser zu behandeln, von der Vogelgrippe befallene Vögel zu isolieren oder Autos mit schlimmen CO2-Werten aufzuspüren. Das Spiel verwebt von Anfang an den Plot eines typischen Action-Games mit einer gesellschaftspolitischen Komponente, ohne dabei die Spannungsbögen zu beeinträchtigen, für die das Marvel-Universum so geschätzt wird. Aktuellen Seh- und Mediennutzungsgewohnheiten tragen die Macher Rechnung, in dem sie auch unseren Helden nicht ohne Smartphone auskommen lassen. Die Spinne gehört nicht umsonst seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Helden weltweit und hier bekommt man dank Insomniac Games endlich einen spiele-technisch guten Eindruck davon, warum das so ist.

Bereichswertungen

Umfang 85%
Gameplay 80%
Realismus und Atmosphäre 88%
KI 82%
Grafik und Sound 85%

Gesamtwertung

84%
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