Festival „Der neue Heimatfilm“: Luzzu

Jesmark ist ein leidenschaftlicher Fischer, der mit seiner Freundin Denise und seinem neugeborenen Sohn im malerischen Malta lebt. Mehrmals die Woche fährt er mit seinem Luzzu – einem typischen maltesischen Fischerboot – hinaus aufs Meer, um für sich und seine Familie sorgen zu können. Der über Generationen hinweg weiter gegebene Beruf bringt dabei aber vermehrt Schwierigkeiten mit sich, welche ihn zu Entscheidungen drängen, die eine Abwärtsspirale bedeuten.

Die Fischer auf Malta werden immer weiter unter Druck gesetzt. Die EU verhängt saisonale Fischfangverbote und bringt meeresleerende Trawler mit sich, was die Ausbeute von Jesmark immer weiter einschränkt. Als dann auch noch seine Luzzu baufällig wird und sein Sohn durch körperliche Unterentwicklung besondere Aufmerksamkeit und teurere Ärzt*innen benötigt, zieht sich das Netz um ihn immer weiter zu. Seine Freundin und ihre Familie möchte, dass er es den vielen anderen Fischern gleich tut, welche ihre Boote gegen eine Ablösesumme still legen und ein neues Leben beginnen, aber Jesmark kann sich nicht so leicht überwinden, weshalb er in illegale Schwarzmarktfischerei einsteigt und dabei immer weiter seine Grundsätze in den Hintergrund rückt.

Alex Camilleri, der bei seinem Debüt nicht nur für Regie, sondern auch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich ist, präsentiert hier ein Werk, welches großes Feingefühl für seine Charaktere zeigt. Jesmark – von einem wirklichen Fischer mit gleichem Namen verkörpert – trägt den Film ohne Mühe und zieht das Publikum schon ab den ersten Minuten alleine durch den Ausdruck seiner Augen in den Bann. Und immer dann, wenn genau dieser Ausdruck zählt, hält die Kamera genau wo sie soll, was für reichlich Empathie sorgt. Aber nicht nur Augen, sondern auch Dialoge geben allen Charakteren reichlich Tiefe und Glaubwürdigkeit, wodurch man nicht mehr denkt, dass es sich größtenteils um Laienschauspieler handelt. Kein einziger Satz fühlt sich fehl am Platz an, und trotz der langsam voranschreitenden Geschichte fördert jede Aktion auf eine bestimmte Art und Weise genau diese. Im Speziellen sind die Konflikte, die sich zwischen Jesmark und seiner Freundin auftun, mit einer Energie geladen, die man den Schauspielern ohne zu Zögern voll und ganz abkauft.

Besonders ergreifend ist die im Laufe des Films etablierte Charakterisierung der Boote, die den aus Holz gebauten Wasserfahrzeugen gegen Ende des Films noch einmal eine Seele einhaucht, welche auch wunderbar als Metapher für den Hauptcharakter stehen kann. Diese Errungenschaft ist äußerst bemerkenswert und zeigt noch einmal, wie sanft und genau Camilleri mit seinen Figuren umgehen kann. Die Kamera weiß dabei immer genau, wann sie nahe und wann sie weiter entfernt stehen soll, kein einziges Mal reißt einen ein Schnitt, eine Platzierung von Objekten oder eine Einstellung aus der Erzählung.

Luzzu ist ein herzlicher Film, der alltägliche Probleme aus einer für die meisten unbekannten Situation aufzeigt, dadurch aber keineswegs weniger nachvollziehbar oder fremder wird. Er zeigt große Charakterentwicklung, überzeugende Kraft in ruhigem Schauspiel und das malerische Meer als auch Stadt Maltas von augenschmeichelnder Seite, ob am Tag oder in der Nacht. Er macht definitiv Lust auf mehr Werke vom Debütant Camilleri.

Luzzu
Alex Camilleri
Malta 2021
94 Minuten
Maltesisch
www.filmfestivalfreistadt.at

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geschrieben von

Ein junger Grafikdesigner, der ursprünglich aus dem Waldviertel kommt. Er ist Filmliebhaber mit einem Faible für Silhouetten-Shots und Frame-in-Frame Kompositionen. Hobbymäßig ist er auch noch Filmemacher und Fotograf.

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