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Wein vs. Lukesch: Wofür CDs?

Wein vs. Lukesch: Wofür CDs?

 

Die digitale Gesellschaft übertreibt – lasst die CD leben!

Michaela Wein ist Chefredakteurin und Herausgeberin von mokant.at. Sie mag Oliver Lukesch nicht. Dieser Kommentar ist Teil eines Schlagabtauschs, den Gegenkommentar von Oliver Lukesch gibts hier.Die Musikindustrie ist tot, die CD ein Relikt – die Musikhörerschaft will individuell entscheiden, womit sie sich beschallen lässt, und nicht auf große Plattenfirmen und deren oftmals nicht nachvollziehbare Auswahl an Veröffentlichungen angewiesen sein. Und trotzdem: wer keine CDs mehr kauft, beschneidet sich selbst des Musikgenusses.

Abgesehen von den Auswirkungen auf die Musikindustrie, die Jahr für Jahr über einbrechende Gewinne klagt, schadet der Download und das Streamen von Musik vor allem einer Gruppe: den Musikern selbst, die nicht nur ihr Werk unter die Hörerschaft bringen, sondern vielleicht auch irgendwann einmal von ihrer Kunst leben möchten. Der Verkauf von Tonträgern macht ja ohnehin nicht reich, werden manche widersprechen. Trotzdem haben Vertrieb und Bewerbung von CDs ja schon ihre Existenzberechtigung und ihren Sinn; sie machen aufmerksam auf Konzerte und den Künstler an sich, der sein Herzblut in eben dieses Werk gelegt hat, um eines Tages – einen Klick mehr auf dem „Download“-Button verbuchen zu können? Ganz sicher nicht.

Nichts ist schlimmer als jemand, der begeistert vom neuen Kate Nash-Album erzählt – und es in Wahrheit gar nicht besitzt. Sich online ein Album (noch dazu in schlechter Qualität) anzuhören oder es gar irgendwo runterzuladen ist einfach nicht dasselbe. Eine CD ist ein Kunstwerk. Sie besteht immerhin nicht nur aus der Musik an sich, sondern aus vielen kleinen Details, die das Hörerlebnis erst ausmachen: die Anordnung der Songs, die Gestaltung des Covers, die Danksagung des Musikers, spezielle Arrangements wie vor dem ersten Lied versteckte Hidden Tracks (bei den Ärzten gang und gäbe) und grandiose Überleitungen zum nächsten Song. Viel zu viele Aha- und Glücksmomente gehen verloren beim bloßen Hören einer Ansammlung heruntergeladener Lieder. Wer nicht auf dem Heimweg vom Geschäft im Bus schon das Booklet durchblättert, hibbelig kaum den Moment abwarten kann, bis der CD-Player den ersten Ton hergibt – der hat nicht gelebt. Und wird sich seine mp3-Dateien auch nur schwer signieren lassen können.

Stattdessen lädt sich die Downloaderschaft festplattenweise Musik herunter, tauscht sie mit Freunden aus, und brennt unsagbar schlechte Mixes zusammen. Mit Musikliebhaberei kann das nichts mehr zu tun haben – es ist die Sammelwut und die reine Gier, die sie dazu treibt, möglichst viel Musik an sich zu raffen. Der musikalische Kontext und die Künstler an sich geraten in den Hintergrund, sie werden auf „das eine gute Lied“ reduziert. Stümperhafte Playlists werden gebrannt und verteilt, ohne dass ein Gedanke daran verschwendet wird, dass die Anordnung der Songs vielleicht einen Sinn gehabt hat.

Digitale Gesellschaft hin oder her – Heruntergeladene Musik zu hören ist wie das Essen von Käse aus der Tube in einem Berg aus echtem Camembert. Wenn euch Musik schon so egal ist, dann hört auf, euch hinter eurer angeblichen Musikleidenschaft zu verstecken und dreht doch gleich das Radio auf.

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Foto: Michaela Wein

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