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Worth: „Musik ist ein permanenter Lernprozess“

Worth: „Musik ist ein permanenter Lernprozess“

Singer/Songwriter gibt es wie Sand am Meer. Neben den bekannten Stars wie Ed Sheeran gibt es auch eine Vielzahl unentdeckter Perlen, die auf ihre Entdeckung warten. Einer davon ist „Worth“ aus Portland/Oregon, der auf Europatournee unter anderem als Support von Everlast einige Shows spielte. 
Der – subjektiv gesehen überaus sympathische – Amerikaner gibt sich im Interview als durchaus reflektierte Person. Ein Interview über Soul und Funk, die Verbindung zwischen Artist und Publikum und die Lehren, die er im Laufe der Zeit gemacht hat.

subtext.at: zuallererst: was möchtest du gleich am Anfang loswerden?
Christopher Worth: (lacht) Warum ich den Namen „Worth“ verwende….

subtext.at: Ok, klingt ja standardmäßig. Weißt du, weshalb du das so oft gefragt wirst?
Christopher Worth: Weil es natürlich ein beabsichtigter Nebeneffekt meines Namens ist. Die Frage und die Antwort danach sind ja fast schon der Sinn dahinter. Ich heiße ja mit vollem Namen „Christopher Worth Babson“ – benannt nach einer langen Linie von Christopher Worths, genannt einfach nur „Worth“. Also eine Hommage an meine Vorfahren.

subtext.at: Bleiben wir aber mal beim aktuellen „Worth“, bei dir. Auf Facebook ist der Ausdruck „Folk-Soul-Alchemist“ zu lesen. Was sind deiner Meinung nach die idealen Zutaten für so einen „Alchemisten“? Gibt es die überhaupt?
Christopher Worth: In einem signifikanten Sinne ist es Werbung für die subtile Erinnerung an die Wirkung, die die Musik auslösen soll. In einer Welt, wo uns täglich unwichtige Dinge verkauft werden, muss der Name „Worth“ halt überall draufstehen, um diese Wertigkeit zu symbolisieren. Weniger in Verbindung mit meinem Namen, sondern mehr die Musik dahinter.  Meine Kunst – also die Musik – stellt ja auch mein Streben nach dem Besserwerden dar – also meine eigene Wertigkeit zu finden. Das geht uns allen in unseren Leben irgendwann genauso. Ich sträube mich ja auch gegen diese „Klassifizierungen“, sehe aber natürlich die Notwendigkeit dahinter. Folk ist die „Musik der einfachen Leute“. Soul ist die „Musik des Spirits“. Ich will die beiden miteinander eher im traditionellen Sinne verbinden. Und nicht nach dem Ranking in den iTunes-Charts.

subtext.at: Ich verstehe. Du bist ja schon einige Zeit lang aktiv – glaubst du, dass dieser schmale Horizont, bezogen auf die „Beschränkung“ auf eine bestimmte Richtung, in den letzten Jahren zugenommen hat? Möchten die Leute eher im Vornhinein wissen, was sie erwartet, und weniger Neues selbst entdecken?
Christopher Worth: Aus der Chart-Perspektive gesehen, bin ich mir nicht so sicher, ob meine Musik dahin passt, was man gemeinhin als „Folk“ und „Soul“ bezeichnet. Aber im ursprünglichen Sinne – der oben angesprochenen „Alchemie“ – glaube ich schon dass ich meine Musik damit richtig einschätze. Aber die reine Menge an Musik hat heutzutage einfach schon die Fähigkeit, auszusortieren, übertroffen. Genres helfen da natürlich – aber andererseits stecken sie Kunst auch in alte Muster. Richtige Kunst ist Innovation, und in der Melting-Pot-Ära des Internets existieren wir, indem wir Eigenschaften einfach zusammenwerfen, und neue Sachen kreieren. Genres sind da alte Zutaten dazu.

Ich glaube ja auch, dass heute das Publkum auch teilweise vergessen hat, wie schön es sein kann, neue Musik zu entdecken, und dabei auch mal Risiken einzugehen. Es ist aber auch schwer, wenn es einfach so viel neue Musik gibt! Und jeder entscheidet in zehn Sekunden, ob er etwas gut findet oder nicht. Das geht halt aber nicht in jedem Fall. Die Konsumkultur ist heute oberflächlicher – oder war es das vielleicht schon immer? Würde Pink Floyd heute noch funktionieren? Würden sich die Leute noch die Zeit nehmen, um die Alben tiefgründiger zu hören? Aber um zu Europa zu kommen: die Leute hier sind offener für Neues, da habe ich schon das Gefühl, dass Neues noch Sinn macht – und es nicht darum geht, „cool“ zu sein.

subtext.at: Also ist Europa für dich einfacher. Du bist ja nicht zum ersten Mal hier – hat sich dieser Zugang auch verändert, oder ist Europa für dich noch immer ein sicherer Hafen in der Musik?
Christopher Worth: Ich liebe es, hier zu spielen – aber nicht um endlich von zu Hause zu entkommen. Der Dialog zwischen Artist und Publikum ist das Entscheidende, denn im Konzertsaal passiert genau das, dass wir uns auf eher auf Gefühlsebene begegnen als in der einer intellektuellen Betrachtung. Das, was ich hier mag, ist, dass Leute zu einer Show kommen, ruhig sind und richtig zuhören. Das macht schon etwas her. Ich fühle mich dann wieder daran erinnert, warum ich überhaupt Musik mache, während das Publikum Emotionen entwickelt auf diesem Konzert, auf das sie vielleicht völlig zufällig hingegangen sind. Die Musik ist dann wie ein Zauber, wenn jeder zuhört und nur für einen Moment die Egos in den Hintergrund treten.

subtext.at: Apropos diese „Show, wo die Leute zufällig hingekommen sind“. Das erste Mal live habe ich dich als Support von Everlast in Linz gesehen. Nachdem, was du bisher gesagt hast, müsste das doch ein perfektes Beispiel gewesen sein, wenn alle ruhig und der Saal voll war, oder?
Christopher Worth: Es ist natürlich niemals „perfekt“ – es kommt natürlich darauf an, wie du es betrachtest. Ich sehe es so: Perfektion in der Inperfektion. Das gibt jeder Erfahrung einen Charakter. Wir lernen mehr aus den harten Brocken als aus den Momenten der Vollkommenheit.

subtext.at: Also hattest du deine „harten Brocken“ bereits zu verdauen?
Christopher Worth: Ein Beispiel – wenn Leute im Publikum reden. Das ist für viele Musiker hart, weil man glaubt, dass man den Leuten egal ist. Ich sehe das zwiegespalten: einerseits muss ich vielleicht als Musiker selbst besser werden, oder die Leute sind einfach hier, um eine gute Zeit zu haben, die ich vereinfachen und verbessern soll. Egal wie man es sieht, es ist perfekt und eben nicht perfekt zur selben Zeit. Aber ja, ich habe diese „harten Brocken“ erlebt. Das sind immer Lehren, die dich stärker machen. Wenn du das so siehst, anstatt in Selbstmitleid zu verfallen,  macht es das einfacher.

subtext.at: Also ist es eine emotionale Achterbahnfahrt für dich, auf der Bühne zu stehen?
Christopher Worth: Genauso wie das Leben selbst. Ich habe natürlich über die Zeit hinweg gelernt. Es ist aber schon beängstigend, zu performen, weil du die tiefsten Teile deiner Persönlichkeit offenbarst, und die Leute dich dafür bewerten. Und das tun sie, ununterbrochen. Das ist ein Teil davon, was es aufregend macht, weil es mich herausfordert, noch ehrlicher zu werden, aber auch davon wegzukommen, rein deswegen Musik zu machen, um Leuten zu gefallen. Die größte menschliche Schwäche ist es, die Anerkennung anderer zu suchen, und Kunst hat nicht diesen Sinn, im Gegensatz zu Entertainment.

subtext.at: Weiter in diese Richtung gedacht – ist das auch mit ein Grund dafür, warum so viele Singer/Songwriter über Gefühle schreiben, und nicht, wie etwa Neil Hannon mir mal gesagt hat, über Architektur oder dergleichen?
Christopher Worth: Im Kern dessen, was uns menschlich macht, ist der Geist, und das sind auch Emotionen. Nicht zu verwechseln mit Sentimentalität jedoch. Ich glaube, dass jede Form von Kunst Emotion erzeugen will, selbst Architektur. Sogar Philosophie erschafft Gefühle.

subtext.at: Etwas profaner wiederum – hast du schon mal nach einem Konzert gedacht, das Publikum eben nicht erreicht zu haben, auf welche Art auch immer? 
Christopher Worth: Sicher. Schon so viele Male. Aber dann sehe ich es als Herausforderung. Es könnte genausogut eine Bar sein, wo dir kein Mensch zuhört, oder ein Label-Showcase, wo man nur nach aktuellen Trends bewertet wird. Ich versuche dann immer mein Bestes. Es ist ein permanenter Lernprozess. Also auch ein schlechter Gig ist eine – manchmal lustige – Herausforderung.

subtext.at: Ich sehe, die Zeit ist fast um. Um den Musiker Worth besser kennenzulernen: ein Album, das du nie mehr hören möchtest, und dein absoluter Favorit?
Christopher Worth: Favorit ist klar: Voodoo von D’Angelo. Episch. Was ich nicht aushalte: alles, was Pitch Correction verwendet, und alles, was übereditiert ist, um Perfektion zu faken. Also alles Unehrliche. Da gibt es so viele davon, du weißt sicher was ich meine (lacht).

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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