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DIE NERVEN: Out!

DIE NERVEN: Out!

2 Jahre nach dem von Presse und Musiknerds gleichermaßen gefeierten Durchbruchsalbum „Fun“ melden sich die Nerven mit neuer Platte zurück. Vom wichtigsten deutschen Rock-Album des Jahrzehnts zu sprechen, wäre (wie auch schon beim Vorgänger) wohl übertrieben. Dennoch ist es den 3 Stuttgartern, in ihrer unnachahmlich kaltschnäuzigen Angepisstheit mit „Out“ wieder gelungen, eine großartige Sammlung dreckiger Post-Punk-Wave-Noise-Was-auch-immer-Rock-Songs auf Platte zu bannen.

Schonmal vorweg: Nein es ist kein Zufall, dass der überreichte Gegenstand auf dem Albumcover einem Smartphone nachempfunden ist und auch die ästhetisch vermittelte (soziale) Kälte ist auf dem gesamten Album spürbar. Die größte Änderung, außer dem Labelwechsel von This Charming Man zu Glitterhouse, ist ganz eindeutig die frisch entdeckte Liebe zum Groove. Einige der hier versammelten Stücke gehen glatt als tanzbar durch, obwohl sich die Nerven immer wieder Mühe geben zu viel aufkommenden Wohlfühlfaktor sofort zu Nichte zu machen und sich ihre Unnahbarkeit (die sie gerade so anziehend macht) in irgendeiner Form zu behalten. „Out“ tut nach wie vor weh, ruft Unbehagen hervor und zieht einen doch wieder genauso in seinen Bann wie das fulminante „Fun“. Eine Band die alles richtig macht, weil sie nichts richtig machen will?

Aufgenommen wurde übrigens mit Ralv Milberg in einer alten Sägemühle. Programmatisch passend sägen sich bei „Die Unschuld In Person“ sofort die ersten dissonanten Töne tief in den Gehörgang und liefern die Grundstimmung der Platte gleich mit – Der Mittelfinger ist erhoben. „Barfuß durch die Scherben“ und „iPhone“ packen, wie bereits erwähnt den Groove aus, während „Jugend Ohne Geld“ und das wortkarge „Dreck“ einfach nur nach vertonter Lethargie klingen. Die Gitarren krachen, der Gesang schwankt zwischen distanzierter Schwermut und wüstem Geplärre.

„Den Tag Vergessen“ hält unserer hedonistischen „Geht mich eh nix an“-Gesellschaft mit Zeilen „Manche haben sich was in die Ohren gesteckt.“ und „Sie haben ein Problem mit Leuten mit Problemen / Letztendlich haben sie ein Problem mit Problemen.“ gekonnt den Spiegel vor und setzt mit erneutem Trompeteneinsatz in Schlussteil immer wieder gekonnt Nadelstiche. Das Albumhighlight „Gerade Deswegen“ klingt durchgehend zum Zerreißen gespannt und entlädt sich immer wieder in krachenden Gitarren-Crescendos. In den Strophen dominieren simple Melodien und sprech-artiger („…wie die nur wieder vielleicht sagen konntest, obwohl du eine Meinung hast“), die immer wieder von Noise-Attacken der Gitarrenfraktion unterbrochen werden. Ein Sound der einerseits Unbehagen auslösen mag, dann aber auch gleich wieder den Finger zur Repeat-Taste wandern lässt – oh du schöner Schmerz.

Verglichen mit dem bisher Gehörten klingt „Wüste“ geradezu wohlig warm in seiner Tonabfolge (wie passend) und entpuppt sich als aufgeladene Rock-Nummer, die man in ihrer Eingängigkeit („und wie man fliegt hast du verlernt“) wohl kaum erwartet hätte. Eine angenehme Abwechslung und der wohl am Leichtesten zu verdauende Nerven-Song bisher – schwer zu sagen ob er gerade deswegen (pun intended) oder trotzdem zu den Stärksten auf der Platte gehört. Zum Abschluss besinnt sich das Stuttgarter-Trio aber wieder auf gewohnte Stärken und verpasst „Ich Habe Gelogen“ vor allem durch den schwermütigen Gesang eine fast schon hypnotische Wirkung und das finale „Hast Du Was Gesagt“ fühlt sich an, als würden uns die Nerven tatsächlich mir nichts dir nichts vor die Tür setzen. Kompromiss- und erbarmungslos, einfach so. Und so stehen wir nun da vor der Tür, nackt im Regen und klopfen wütend dagegen. Werden uns die Nerven wieder reinlassen? In zwei Jahren vielleicht. Bis dann!

die-nerven-out-cover

Tracklist

01. Die Unschuld In Person
02. Barfuß durch die Scherben
03. Jugend Ohne Geld
04. Dreck
05. iPhone
06. Den Tag Vergessen
07. Gerade Deswegen
08. Wüste
09. Ich Habe Gelogen
10. Hast Du Was Gesagt

VÖ: 09.10.2015, via Glitterhouse Records

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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