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Unterhaltung anstelle von Hochliteratur

Unterhaltung anstelle von Hochliteratur

Wer an literarische Performances denkt, hat dabei vielleicht klassische Lesungen oder Poetry Slams vor Augen: das Nichteinbeziehen des Publikums oder die Bewertung durch selbiges beispielsweise. Die neue Lesebühne der Grazer Autor_innenvereinigung hält weder an dem einen noch an dem anderen Format fest.

Orange und gelb gestrichene Wände, viele Theaterfotografien, gefüllte Sitzreihen – Die Autor_innen Rudi Habringer, Walter Kohl, Dominika Meindl und Kurt Mitterndorfer sitzen im vorderen Teil des Theater Phönix Beisls an Tischen. Für einzelne Texte werden Requisiten verwendet. Das Publikum der letzten Reihen sieht sowohl diese als auch die Autor_innen kaum mehr. Dafür klappt das Hören besser. Vorgetragen werden Kurzgeschichten, Minidramen, Gedichte, Lieder wie ein Blues über Kekse und ein umgedichtetes „O Tannenbaum“. „O Medien, o Medien“ ist einer von mehreren neuen Strophenanfängen. Die Schriftsteller_innen der Grazer Autor_innenvereinigung (GAV, 1973 gegründet) begegnen den Themen Advent und Weihnachten vor allem auf Mundart und humoristisch, manchmal auch ernst und satirisch. Kritik am vorweihnachtlichen Konsum, an der Hektik und an der Kirche sind genauso Inhalt der Texte wie ein banales Gedicht über den Einbruch der frühen Finsternis. „Da Tåg is voabei“ heißt es hier im Mühlviertler Dialekt.

Advent wird nicht stark eingegrenzt gesehen, mit Rassismus und aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen wie der Flüchtlingsthematik in Verbindung gebracht. Ein schwarzer Nikolaus soll nur die Geschenke abgeben und sofort wieder aus dem Haus verschwinden. „Boah“, kommentieren die Besucher_innen kurz. Eine Spur populistischer wird es bei dem flüchtenden Jesus. Er, Maria und Josef könnten 2015 versuchen, mit Schlepper_innen oder per Boot ihren Herkunftsstaat zu verlassen. Kentere das Boot, würde Jesus vielleicht tot an ein Ufer angeschwemmt werden. Diese Versetzung der Flucht in die Gegenwart ist keineswegs neu, so war sie doch bereits in sozialen Netzwerken wie Facebook und auf verschiedenen Webseiten zu lesen. Unabhängig davon, ob Religion hier instrumentalisiert wird oder nicht, hätten die Autor_innen vielleicht ihre Bezüge erwähnen sollen.

Karl May ist derjenige, der am häufigsten zitiert wird. Walter Kohl liefert zu dessen Aussagen seine eigenen Hintergründe zum Kontakt mit Mays Literatur mit. Der Fokus liegt dennoch auf dem Original, nicht auf einem eigenen Text darüber. Später kann das Publikum mit der Zuordnung von Zitaten Preise gewinnen. Ob Karl May, Karl Marx oder weniger konkret genannte Menschen wie ein christlicher Würdenträger- die Beschränkung auf drei Antwortmöglichkeiten wird in jeder Runde benötigt, die Vergabe des Hautpreises folgt nach einer Stichwahl. Zurückhaltender sind die Besucher_innen hingegen beim Open Mike. Niemand liest einen mitgebrachten Text vor.

Die musikalische Untermalung in „Apfent, Apfent – Das Auge tränt“ kommt von Rudi Habringer am Klavier. Der Blues „Meine Oma ist eine Knusperhexe“ beantwortet sämtliche Fragen über Kekse, die sich der/die Besucher_in so wohl noch nie gestellt hat. Eine Kurzgeschichte über hygienische Bedingungen beim Kekse essen rundet das Thema ab. Die beinahe zwei Stunden sind nicht hochliterarisch- wie die Autor_innen selbst sagen-, die Texte stellen primär Unterhaltung nach einem langen (Arbeits-)Tag dar. „Apfent, Apfent“ bietet gesellschaftkritische Ansätze, die sich eher an der Oberfläche bewegen als sich intensiv mit Ereignissen auseinanderzusetzen. Den meisten Jugendlichen bis Senior_innen macht dies jedoch nichts aus. Sie lachen oftmals und klatschen vereinzelt nach Darbietungen. Der Schlussapplaus mancher ist lange und laut, anderer kürzer und zurückhaltender.

„Apfent, Apfent- Das Auge tränt“ erinnert an Kabarett. Genau dies und die einfache Sprache (z.B. weitgehender Verzicht auf Fremdwörter, Stilmittel wie Metaphern,…) haben aber Potential, Menschen zur Beschäftigung mit Literatur anzuregen, die dies bisher kaum taten.

Die nächsten Termine der GAV Lesebühne Oberösterreich sind am 8. März zum Thema Frauen und am 24. Mai zu Lyrik.

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) oder freier Mitarbeit bei Redaktionen. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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