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Frank Turner: Show Nummer 1821

Frank Turner: Show Nummer 1821

Frank Turner ist ein Wunderjunge der Musiklandschaft. Mit seiner 1821ten Show beehrte er wiedermal die Bundeshauptstadt und lieferte eine tolle Performance ab, die jedoch oftmals zu sehr nach Standardkost geschmeckt hat.

Wien ist anders – und schwierige Wetterverhältnisse machten die Fahrt in die Bundeshauptstadt zu einem eher mühsamen Weg. Vielleicht lag es auch daran, dass die Kellner etwas gelangweilt mit ihren Smartphones spielten, und die Einlasskontrolle an Quantität kaum zu unterbieten war. Schade, dass sich das erst zum Hauptact änderte. Denn verdient hätte ich sich der langjährige und bärtige Mann aus Brixton in England ein volles Haus. Will Varley wirkt unscheinbar, etwas erdrückt von dem bereits aufgebauten Bühnensetup von Skinny Lister betrat er gegen halb 8 die Bühne. Er und seine Gitarre, mehr braucht es auch nicht. Denn, ach, Bühnenshows sind manchmal überbewertet. Will Varley schaffte es minimalistisch, puristisch, einfach und in Usain Bolt-Geschwindigkeit sich in jedes schlagende Herz der Zuschauermasse zu singen. Mit unbeschreiblich ehrlichen und lustigen Texten,  Texte, mit denen sich jeder identifizieren kann, nicht sprachlich unnötig verschnörkelt, einfach ehrlich einfach . Mit kräftiger und schöner Stimme. Mit wahrlich persönlichen und glaubhaften Gesprächen aus seinem Leben und seinem ersten Tag in Wien band er das Publikum in seine Show ein. Mein Highlight des Abends, das wiedermal bewies, dass es keine übertriebene und aufwändige Bühnenshow braucht. Es braucht keine ewig lange Setlist und auch keine einschleimenden Standardsätze. Manchmal reicht ein einzelner Mensch mit seiner Gitarre und das Ticket zu Wolke 7 ist gelöst. Absolut zu empfehlen!

Traurig ,dass Will Varley die Bühne verließ, und um ein Bier reicher, weckten die nun folgenden Skinny Lister in mir ein Verlangen nach Whiskey und Guinness. Vielleicht klang es auch nach Seemann Shantys und dem 16. Jahrhundert, und stellenweise kam mir das alles sehr, sehr bekannt vor. Grundsätzlich mal gut gespielter, energiegeladener Folk mit einem Cellisten, der sein Instrument mehr durch die Gegend warf, als es zu spielen. Doch was fehlte war einfach die Abwechslung. Werden mir die Songs in diesem Augenblick noch einmal vorgespielt, könnte ich wohl noch immer keinen Unterschied erkennen. Stellenweise kamen mir dann auch noch manche Akkorde so bekannt vor, dass ich zumindest die vage Behauptung aufstelle, da hat sich jemand etwas von den Dropkick Murphys abgeschaut. Schade drum, vielleicht wirkt das ganze auch nur auf einem Festival, bei strahlendem Sonnenschein, wo die Grundstimmung ausgelassener ist oder in einer verrauchten Bar in London. Denn tanzbar ist dieser Folk auf jeden Fall.

Mit doch nicht mehr kleiner Verspätung, betrat dann auch der Mann die Bühne, wegen dem der Großteil des Publikums die Reise ins Gasometer auf sich genommen hat. Zumindest vermag es nur Frank Turner an diesem Abend die Halle wirklich zu füllen, auch wenn der Abend nicht ausverkauft war. Man kann dem guten Herrn und den Sleeping Souls dann auch keinen echten Vorwurf machen. Die Setlist war gut durchgemischt, das Mindestmaß an Interaktion mit dem Publikum wurde eingehalten, auch wenn ich die immer gleichen Sprüche nicht mehr hören kann. Und vor allem dafür, mit welcher Energie Frank Turner nach fast 2000 Shows noch immer auf der Bühne steht, muss man ihm Respekt zollen. Aber ja trotzdem, wo ich am Rock im Park noch schwer begeistert war, wurde ich gestern etwas enttäuscht. In einer klassischen Konzerthalle wirkt die Show dann doch etwas zu viel nach Ware von der Stange, nach Fließbandarbeit. Summa sumarum war ich jedoch absolut zufrieden, und mit Will Varley hat sich jemand an diesem Abend in meine Plattensammlung gespielt.

Fotos: Andreas Wörister

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Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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