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Szene Open Air 2016: Hurra, die Welt geht unter – schon wieder!

Szene Open Air 2016: Hurra, die Welt geht unter – schon wieder!

Ja, wir geben es zu – wir haben bereits damit gerechnet, wieder mal abzusaufen, als wir uns von Linz aus auf den Weg zum 27. Szene Open Air ins ferne Lustenau aufgemacht haben. Parkway Drive, Steel Panther, Crystal Fighters, Moop Mama, Wanda und viele mehr. Das Lineup hat nämlich so einige Highlights zu bieten gehabt!

Donnerstag – welcome to Atlantis!

Einige Highlights, die nur ein Problem haben. Der Wettergott dürfte diesen Sommer eher ein Andreas Gabalier-Fan sein als ein Fan guter Musik. Pünktlich, als wir am Donnerstagabend staubedingt verspätet zu Motrip am Szene Open Air eintafen, kamen sich, zu dieser Zeit noch in der Ferne, stockdunkle Wolken immer näher. Als Southside-Besucher im Jahr 2016 (wir berichteten) wurden wir allerdings zu dieser Zeit noch nicht nervös.

Motrip bot mit seiner Show die doch besser Variante von deutschem HipHop. Sorry an alle SSIO-Fans – er hat einfach die besseren Texte und teilweise auch Beats. Das erkannten auch viele Leute –  so war schon zu dieser frühen Zeit Einiges vor der Bühne los. Highlight des Szene Open Airs ist und bleibt der Alte Rhein – auch wenn das Vergnügen nur für kurze Zeit war, da die Lust, „Plantschen zu gehen,“ an den darauf folgenden Tagen bei den meisten eher nicht vorhanden war – verständlicherweise.

Auf der großen Stage ging es mit MOTHER‘ S CAKE weiter. Die Tiroler Rockband lockte einige Fans vom Campingplatz zur Bühne, aber auch wenn ihr Auftritt doch sehr solide war, gehört die Band meiner Meinung nach trotzdem in einen verrauchten, stickigen, engen Club, wo Punk-Parolen die Wände zieren. Wo verschwitze Köper sich aneinander reiben und man die Band förmlich angreifen kann. Mit sanften Indie ging es dann im Zirkus Zelt weiter – FAREWELL DEAR GHOST. Die Jungs haben mit ihrer EP SKIN was Beues am Start, und das klingt live einfach bezaubernd. Ein zu kurzes (35 MINUTEN!!!!) Konzert, das den Zuhörer in den Bann zieht und wo nach dem Konzert noch lange eine Zugabe gefordert wurde – was der straffe Zeitplan leider nicht zuließ.

Pünktlich, als SSIO die Bühne betraten, betätigte auch Petrus die Klospülung. Die Folge? Die Sintflut! Trotzdem hatten die Besucher während des SSIO-Konzertes ihren Spaß. Überrascht, dass doch mehr als drei Frauen den Weg zum SSIO-Konzert gefunden hatten, wurde das Konzert zelebriert. Kein Wunder, wussten doch zu diesem Zeitpunkt die wenigsten, wie es in Kürze um ihre Zelte bestimmt sein würde. Kleiner Tipp für die nächsten Festivals: Schnorchel einpacken! Musikalisch kann der Buchido-Verschnitt leider nicht punkten, und wenn er sich auch fest vorgenommen hat „sich auf der Bühne menschlich weiterzuentwickeln“ bezweifeln wir, dass SSIO doch noch zu einer „Liebelingsband“ von uns werden kann.

Indirekt bereitete uns die niederländische Band „DEWOLFF“ schon auf den Headliner vor. Eine kräftige Portion Glam Rock vom Feinsten. Lederjacken und verzerrter Sound erinnern an die guten alten Zeiten, wo Rock noch eine Lebenseinstellung war. Danach wurde alles für die Steel-Panther-Show vorbereitet. Das heißt, trocken gelegt. Überschaubarer Andrang im „Wave-Breaker“ (haha, schlechter Wortwitz!) und umso größerer Andrang überall, wo es halbwegs trocken war, war die logische Folge davon. Die weitere Folge: ein Steel-Panther-Privatkonzert in der Szene Open Air’schen Dusche. Wohlwollend geschätzte 500 Leutchen werden es dann doch noch gewesen sein, die unverfroren zu den Glam-Rock-Aushängeschildern unserer Zeit tanzten. Michael Starr und Co. beweisen auch vor dem wetterbedingt schütteren Publikum, weshalb sie den Ruf genießen, eine der besten Live-Bands zu sein, die man derzeit auf Tour zu sehen bekommt. Egal ob bei „Eye of a Panther“, „Fat Girl“, „Gloryhole“ oder vielen, vielen anderen Tracks – bewusst werden hier Glam-typisch drei Gitarrensoli mehr als nötig performt, die Haare viermal mehr als nötig durchgestriffen, und die Muskeln beim Posen fünfmal mehr als nötig strapaziert. Das Ergebnis? Eine (ob des Wetters) phänomenal gute Show, die dem Hair-Metal mehr als würdig war. They do still kick ass!

Danach waren wohl einige Besucher ernüchtert, fanden sie ihr Zelt, das sie vorhin noch neben dem Weg mühsam aufgebaut hatten, mitten im Szene-See wieder. Das ohnehin feuchte Gelände konnte die schieren Wassermassen nicht bändigen, und Amphibien fühlten sich in dieser Donnerstagnacht am Campinggelände wohl wohler als durchnässte Festivalbesucher. Petri Heil! war wohl an diesem Abend die bessere Devise als „HELGAAAA!“!

SSIO

SSIO – Tanzen in strömendem Regen!

Farewell dear ghost

Farewell Dear Ghost – Unser Highlight am Donnerstag!

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Steel Panther: die Frisur hält, auch bei Regen!

FREITAG – and then the rain begins to fall….

Nachdem sich der Regen die Nacht über so richtig ausgetobt hatte und den Campingplatz ans Meer verlegten, stand am Freitag der erste „komplette“ Festivaltag am Programm. Die local Heroes von „Never Say Die“ hatten da die undankbare Aufgabe, mittags das Freibad vor der Hauptbühne eröffnen zu müssen. So konnte man leider die Anzahl der Besucher, die der Weilerer Band lauschten, an einer Hand abzählen. Dabei hätten sich die Jungs durchaus einen größeren Zuspruch verdient gehabt – straighter Metal, druckvolle Riffs, ein Gesang, der sich dankenswerterweise vom derzeitigen metallischen Einheitsbrei abhebt. Schade, da wär mehr drinnen gewesen! Fancy erlitten im Zelt danach ein ähnliches Schicksal.

Genauso wie Intolerant Truth, die danach auf der Hauptbühne standen. Die Melodic Hardcore-Combo wusste musikalisch ebenso zu überzeugen, hatte allerdings mit dem stömenden Regen zu kämpfen. Aber, wie bereits bei Never Say Die erwähnt: durchaus hörenswert, gern auch mal in einem kleineren Club!

Während im Zelt noch die bands des Jazzseminars Lustenau die Bühne enterten, räumte man die große Bühne frei für den australischen Singer/Songwriter Stu Larsen – und der immer noch anhaltende Regen passte zu der leicht melancholischen Musik. Er überzeugt nicht nur mit seiner eigenen Musik, sondern auch mit einem Cover von Coldplay: „Fix You“. Blond, sympatisch und sehr talentiert – seine Platte wurde für den grauen Herbst bereits bestellt.

MIMO, die uns letztes Jahr schon im Zelt verzauberten, schaffte es auch auf der großen Stage das Publikum zu begeistern – und fast schon von Zauberhand hörte der Regen kurz auf. Um dann vor RAF Camora wieder einzusetzten – ja, alle reden über das Wetter. Und wir auch. Der Große Stilbruch nach MIMO mit RAF Camora wundert nach 5 Jahre Festivalliebe auf dem Szene nicht mehr, So ist das Festival durch aus für seine etwas fraglichen Running Orders der Bands bekannt. Die einen lieben die Vielfältigkeit – die anderen betrinken sich derweilen am Campingplatz.
RAF Camora gaben am Freitag jedoch alles, was sich an Energie bei ihnen angesammelt hat. Mit viel Druck lauten Beats und guten Texten, vertrieben sie den Regen nun komplett und lockten auch die Sonne hervor.

Als erster der Headliner betrat dann die Münchner Urban Brass-Kapelle Moop Mama die Bühne. Die zehnköpfige Combo ist aktuell mit ihrem neuen Album „Mooptopia“ unterwegs – und live noch immer genauso gut wie gewohnt. Der Ausspruch „Hupf in Gatsch“ bekam an diesem späten Freitagnachmittag eine völlig neue Bedeutung – herumspringen wurde zur Herausforderung – steckte man zu diesem Zeitpunkt doch schon zentimeterdick im buchstäblichen Dreck fest. Respekt deswegen an Moop Mama – es schaffen wohl nur wenige andere Bands, dass die Besucher auch ob dieser Umstände ihren Arsch in Bewegung bringen. „Stadt die immer schläft“, „Shopping“, „Liebe“ durften als Klassiker natürlich nicht fehlen – nein, das war keine Party der Versager!

Headliner des Abends: PARKWAY DRIVE. Musikalisch halt dann so ganz anders als der Rest – macht aber nix, die Herren machen live Spaß. Konfettikanonen, Pyrotechnik, ja, sogar ein Dreck-Moshpit. Kann man lassen, soll man lassen, sollte man sich vor allem live mal unbedingt anschauen! Ein Act, weswegen viele der Besucher gekommen waren – und sicher keiner wurde dabei enttäuscht. Solide, könnte man meinen. Mehr konnten dann die Hamburger TRÜMMER bei uns punkten – da könnte man sich ohne weiters wieder in ein kreischendes Fangirl vewandeln. Mit Songs wie „Nitroglycerin“, „Europa Mega Monster Rave“  und natürlich „Wir explodieren“  brachten sie in ihrer kurzen Stagetime die Festivalbesucher in ihrer „Interzone“ zum Durchdrehen und das Zelt förmlich zum Kochen.

Letzte Act auf der großen Bühne, waren CRYSTAL FIGHTERS. Schon 2012 durften sie die Stage im schönen Ländle bespielen. Heuer als Headliner, schossen sie das Publikum mit einer magischen Kraft direkt in kosmische Gefilde. Es wurde gestampft, getanzt, gesungen und die Hände voller Zufriedenheit gegen den Himmel gestreckt. Ja, so stellt man sich eine gelungene Show vor. Lieder wie „You and I“, „Follow“ „I love London“ versetzten einem direkt ins Jahr 1986. Flower Power und Liebe für alle!

Szne Open Air Zelt

Ein Zeltplatz mit integriertem Swimmingpool!

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Den Weg zur Zeltbühne musste man sich erkämpfen!

SAMSTAG – let the sunshine in!

Müde, gefoltert vom harten Untergrund und mit leichten Kopfweh weckt einen – nein nicht der Regen und auch keine übereifrigen partybessesenen NotstromaggregatbesitzerInnen – sondern die Sonne!  Langsam schälten wir uns aus den gefühlten zusätzlichen 30 Gewandschichten, und blinzelten verwundert in den strahlend blauen Himmel.

Pünktlich startete der letzte Festival Tag mit LAND OF IAN, SAMT, CLINT und EMMA’S DAYDREAM. Rock, mal härter, mal mehr in Richtung Industrial, mal mehr in klassischeren Gefilden. Solide, und wie so oft am frühen Slot gescheitert. Der Andrang vor den Bühnen? Freunde, Fans, Verirrte – das könnten wie immer mehr sein.  Sicher ist aber, dass JAMARAM nicht unschuldig sein kann an dem guten Wetterumschwung – eine Reggaeband bei Regen macht einfach keinen Spaß. Da muss es warm sein und das Konzert lässt sich erst dann richtig genießen wenn die Sonne  beim Tanzen blendet. Und eines ist sicher, mit ihrem „neuen“ Album „Heavy Heavy“ brachten sie die Meute zum Tanzen! Und Frontmann Tom Lugo bekommt den Style Award für den wohl besten Moustache am Festival.

Immer mehr Leute wurden von der guten Musik und der Sonne aus ihren Zelten zur Bühne gelockt. Grund für das Verlassen des mittlerweile brunzwarmen Dosenbiergelagers war wohl BOSSE. Gutelaunemusik samt Orchester, einfach nur zum Verlieben. Der Hamburger schafft es, auf der Bühne sympathisch zu sein, Anekdoten nie langweilig werden zu lassen, und singt so schön über obskure Liebesbekanntschaften und Mofas, dass man ihn nur ins Herz schließen kann!

Während es im Zelt mit 20LAST CENTURY etwas lauter wurde ging es auf der großen Stage mit Indiefolk weiter. Der großartige ADAM GREEN bespielte den Nachmittag. Für fast mehr Aufregung (im Sinne von Gekreische) sorgte seine Begleitung, Macaulay Culkin. Für alle Kids aus den 90igern: besser bekannt aus Kevin Allein zu Haus. Ja, der „Kevin“ ist jetzt erwachsen und macht Musik – schön, den Unruhestifter live erleben zu dürfen.  Adam Green: gewohnt solide, gewohnt ironisch, gewohnt gut.

Ein Highlight des letzen Festivaltages waren RAMMELHOF. Mit ihrer perfekt inszenierten Show, die mehr an ein Theater erinnert als an eine Musikbühne, begeisterten sie im Zirkuszelt: Vom Steueradler bis zum Putin war alles dabei. Haben wir die Stilbrüche schon mal erwähnt? Nach den Rockern ging es mit KÄPN PENG UND DIE TENTAKEL VON DELPHI weiter. Schnell kommt die Frage auf, wie hat die Fanbase so einer Band je in kleine Clubs gepasst ? Knapp 2000 Menschen dürfen sich zum Abfeiern der Band versammelt haben. Und taten das auch. Robert Gwsidek weiß, wie man das Publikum an sich zieht. „Alternative Hip Hop“ nennt sich das dann. Alternativ? Ja, vielleicht. Wenn man das viel zitierte Wort nicht als Schimpfwort sieht. Und keiner schafft es, so verzwickte Wortspiele so gewaltig zu performen. Thumbs up! Wer von HipHop noch nicht genug hatte konnte im Zelt mit SNEAKBO weiter feiern. Und wenn einer weiß wie man Party macht dann der Brite. Fette Beats, coole Features – und ja, die Lichtershow war auch vom Feinsten. Ein Act, der auch die müden Knochen zum Shaken bringt.

Was sich dann bei WANDA abspielte hab ich so auch noch nicht gesehen. Noch nie war die Begeisterung so bipolar – die alten Scheiben vom Debutwerk „Amore“ und die neue Single „Bussi“ wurden abgefeiert und da wurde auch lauthals mitgegröhlt. Und bei den neuen Songs hätte man sprichwörtlich die Stecknadel fallen gehört. Selbst die unzähligen Amore-Schreie Marco Wandas wurden vom Publikum gekonnt ignoriert. Für jene,die schon fast zwei Hände brauchen, um aufzuzählen, wie oft sie die Band schon live erlebt haben, war dennoch was Neues dabei. Und die unzähligen Räusche und Tschicks dürften auch die Stimme von Marco Wanda in Mitleidenschaft gezogen haben – rauchiger, rockiger war das. Uns gefällt es.

Geheimtipp am heurigen Festival waren die Münchner KYTES. Obwohl, wenn man sich die Masse, die nach WANDA ins Zelt strömt, so anschaut dürfte es kein gut gehütetes Geheimnis mehr sein, dass die Jungs einiges Draufhaben. Schon zu Beginn wird angekündigt, dass die Zeit sehr knapp ist und sie deswegen weniger Quatschen werden und dafür mehr Party machen. Und 35 Minuten später steht man schweißgebadet da und verlangt nach mehr. Songs wie „On the Run“ oder „Inner Cinema“ gingen ab wie die berühmte Schmidts Katze. Den krönenden Abschluss machten Erwin & Edwin. Wie die Kirsche, die deinen riesigen Eisbecher verschönert. Da nützte selbst die runter regulierte Lautstärke nichts – die Leute feierten trotzdem beschwingt das Ende vom Szene Open Air 2016.

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Samstag – so soll ein Festivaltag aussehen

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Sneakbo: was für ein Abriss!

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Ein Konzert mit merkwürdigen Wendungen: Wanda!

Auch heuer hat sich die lange Anreise und Heimreise durchaus ausgezahlt, viele schöne Momente wurden eingefangen – und musikalisch ist das kleine Festival mit guten 5000 Besucherinnen pro Tag die Reise wert. Und nach zwei Tagen ist der vorarlbergerische Dialekt auch nicht mehr ganz so fremd. Auch wenn es diesmal wettertechnisch nicht das gelbe vom Ei war, haben wir schon schlimmeres erlebt – ein Wink mit dem Zaunpfahl an dich, liebes Southside Festival! Und ja,  wir freuen uns auf nächstes Jahr!

Text: Lisa Leeb, Christoph Thorwartl
Alle Fotos: (c) Christoph Thorwartl

 

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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