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Die Gerechten: „Terror ist nichts für zarte Gemüter“

Die Gerechten: „Terror ist nichts für zarte Gemüter“

„Wir sind Mörder und wir haben beschlossen, Mörder zu sein“, resümiert Stepan in einer hitzigen Diskussion über Gewalt und Gerechtigkeit. In dieser ist der Weg zu einer gerechteren Gesellschaft der schwierigste gemeinsame Nenner unter fünf Terrorist_innen. Sie sind sich nicht einig darüber, wie weit der Kampf um Gerechtigkeit gehen darf. Kommt es nur auf das Ergebnis oder auch auf die Mittel an? Können politisch motivierte Attentate überhaupt legitim sein? In „Die Gerechten“ stellt der Autor und Philosoph Albert Camus (1913-1960) Fragen, die heute aktueller denn je scheinen.

Eine rote Couchkulisse auf Autoreifen als kurzfristiges Versteck und ungemütliches Zuhause, das sich für trübe Gedanken eignet- an diesen Ort (Bühne: Fabian Lüdicke) platziert Regisseurin Anke Salzmann das Theaterstück „Die Gerechten“. Nur selten von Geräuschen wie dem Knall einer Bombe unterbrochen planen und diskutieren hier fünf Terrorist_innen. Im vorrevolutionären Russland Anfang des 20. Jahrhunderts soll ein Attentat auf den Großfürsten Sergej die Unterdrückung des Volkes beenden.  Eine Revolution für eine neue Gesellschaftsordnung muss her und soll ein Zeitalter der Gerechtigkeit einläuten. Das gemeinsame Ziel der Gruppe scheint klar, die angestrebten Mittel und Motive könnten sich kaum stärker voneinander unterscheiden. Während Dichter Janek (David Fuchs) das Leben liebt und Skrupel hat, Kinder zu töten; ist sein Kontrahent Stepan (Felix Rank) hasserfüllt und kennt keine Grenzen auf dem Weg zur Revolution. Während die ehemalige Studentin Sascha (Anna Maria Eder) die Gruppe verlässt, bleibt Anführer Borja (Markus Hamele) stets ruhig und scheint selbst dann keine Zweifel an den Plänen zu haben, als hitzige Diskussionen entfachen. Über den Dingen stehend – eine Eigenschaft, die auch auf Dora (Marion Reiser) zutrifft,  bevor sie der Liebeskummer vereinnahmt.

„Wir sind nicht mehr von dieser Welt, wir sind Gerechte. Es gibt eine Wärme, die ist nicht für uns“– mit diesem Zitat lässt sich Doras Schwierigkeit, jemanden in einer Gruppe zu lieben, der Ideale mehr bedeutet als Menschen, treffend beschreiben. Mit seinem Text greift Camus ethische Grundsätze der Gewalt und des Widerstands auf. Terror sei nichts für „zarte Gemüter“. Diskutiert wird in der Organisation aber auch nicht über das Leben des Fürsten, sondern über das von zwei Kindern, die ihn begleiten. Daran können weder die Großfürstin (Anna Maria Eder) noch Polizist Skuratow (Markus Hamele) bei ihren Besuchen im Gefängnis viel ändern.  Einem Schauplatz, der mit herunterkrachenden Metallketten und aufgetürmten Reifen dargestellt ist. Begleitet von einer Stimme, die von oben herab spricht und deren Sprecher nicht sofort zu sehen ist. Ein Gedankengefängnis durch die Ideologie?

Trotz fein gesetzter Pausen müssen die Besucher_innen in „Die Gerechten“ mitdenken, um den philosophischen und emotional werdenden Dialogen folgen zu können. Ablenkung von Camus’ Text gibt es kaum. Die Inszenierung lässt die Worte im Vordergrund, das Schauspiel-Ensemble bewegt sich maximal durch hektisches Ankommen und Weggehen auffällig. Musik und Geräusche (Gilbert Handler) wie das der herunterkommenden Metallketten sind spärlich eingesetzt und nur kurz zu hören. Die schwere Vorlage wird jedoch mit überzeugend gespielten Emotionen und Charaktereigenschaften auf die Bühne gebracht. Eine Ausnahme zu letzterem ist Sascha, die sogar bei ihrer Rückkehr zur Gruppe mehr wie eine Mitläuferin als eine starke Persönlichkeit wirkt.

Neben Persönlichkeiten in einem historischen Stück mit schlichter Inszenierung. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Manche Besucher_innen seufzen bei durchgehenden Textpassagen und unterhalten sich im Anschluss lieber nicht mehr über das Stück. Andere lachen bei einzelnen Aussagen oder über Stepans angewiderten Blick, als er Umarmungen ablehnt. Der Premierenapplaus ist zurückhaltend, wird aber von manchen jubelnden Besucher_innen begleitet.

Mit der Inszenierung spricht das Theater Phönix diesmal nicht das breitestmögliche Publikum an; dafür aber eines, das sich beim Theaterbesuch nicht vor viel Text, Tiefgang und brisanten gesellschaftspolitischen Themen abhalten lässt. „Die Gerechten“ wird zunächst von 21-25. September um 19.30 Uhr aufgeführt.

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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