Mit einem neuem Album in der Tasche und einer medienwirksamen Kooperation mit einem Lebensmitteldiskonter im deutschsprachigen Raum für Bekleidung ist Pop-Sängerin Anastacia effektvoll zurück auf der Bildfläche erschienen – obwohl sie (nach eigener Aussage) nie weg war. Es gab dennoch Dinge, die sie davon abhielten, mehr im Rampenlicht zu stehen wie eine Scheidung und insgesamt zwei Brustkrebserkankungen, die sie mittlerweile erfolgreich hinter sich gebracht hat.

Ihren quirligen Humor und ihre positive Ausstrahlung hat sich die 49-Jährige mit der markanten Reibeisenstimme nach diesen Schicksalsschlägen zum Glück bewahrt. Ein Interview über Gewohnten, die man hinter sich lässt, Karma und Kindheitsträume.

subtext.at: Anastacia, zuerst gab es 2014 eine musikalsiche Auferstehung mit dem Album „Resurrection“, nun heißt das neue „Revolution“ und im neuen Song „Before“ singst du Folgendes: „I figure out than I’m better, stronger than I’ve been before.“ Sollen wir es nun ein Comeback nennen, eine Fortführung oder erfindest du dich gerade neu?
Anastacia: Ich würde es als ein Durchkommen bezeichnen, weil ich durch so viele verschiedene Dinge gehen musste in meinem Leben. Ich bin nicht zurück, weil ich eigentlich nie weg war, obwohl ich die Redewendung verstehe. Es gab natürlich Dinge, die mich von der Öffentlichkeit fern gehalten haben. Dann war auf Tour und kaum im Radio zu hören. (überlegt kurz) Ich fühle mich gesegnet, weil ich sagen kann, dass ich zu 100% zurück im Fokus bin. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir dessen sicher sein konnte.

subtext.at: Was ging in dir während der Aufnahmen zu „Evolution“ vor?
Anastacia: Nun, es war aufregend für mich, weil ich noch auf Tour war, als ich die Arbeit an „Evolution“ begonnen habe. Das habe ich zuvor noch nie gemacht. Für meine Bucketlist kann ich sagen, dass dieses Thema nun abgehackt ist. Nie wieder (lacht). Zu schreiben ist eine wunderschöne Sache und bislang war ich immer zu Hause in New York oder L.A. in meiner gewohnten Umgebung. Jetzt bin ich nach Schweden geflogen um mit den Produzenten am Album zu basteln. Für mich war es schwieriger, weil auch meine Stimme durch die vielen Auftritte etwas geschwächt war. Nichtsdestotrotz war es eine besonders kreative Herausforderung mit wundervollen Songs am Ende. Es sind genau die Songs herausgekommen, die ich mit der Weilt teilen möchte. Positive, Mut machende Lieder über mich in der dritten Person. Ich sage nicht, dass ich schon am Ziel bin, was meine Persönlichkeit angeht, aber ich bin auf dem Weg, wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke. Ich bin definitiv glücklicher, als ich es jemals war und ich freue mich auf die Dinge, die noch auf mich zukommen. (überlegt kurz) Es gibt einige Songs auf der Platte, die eine Person in ihrer Absicht bestärken wollen, gütiger zu sein und die Zeit wertzuschätzen, die einem bleibt. Lerne zu schätzen, was vor dir liegt. Wir leben in einer Welt, die von schlechten Schlagzeilen dominiert wird und ich wollte ein Album machen für meine Fans, sich etwas stärker zu fühlen in diesen Zeiten.

subtext.at: Hast du über die Jahre deine Komfortzonen verlassen?
Anastacia: Wie meinst du das genau?

subtext.at: Wie die Sache mit Schweden zum Beispiel. Das war für dich neu, so etwas hast du noch nie zuvor gemacht. Gibt es noch mehr solche Dinge?
Anastacia: Ich bin immer offen für Neues. Dann stelle ich fest, ob es wirklich cool war, diese Entscheidung, oder eben nicht. Wäre ich nicht auf Tour gewesen, hätte ich diese Erfahrung in Schweden viel mehr genossen. Davon bin ich überzeugt. Das ständige Hin und Her zerrt jedoch an den Nerven, wenn man 111 Shows spielt und dazwischen an einem Album bastelt beziehungsweise nach der Tour ein Album fertigstellen muss. Ich war am Ende. Erst war ich total davon überzeugt, klar kann ich im September eine Platte raushauen, cool, und dann habe ich festgestellt, dass ich noch ziemlich angeschlagen war. Ich bin auch kein junges Huhn mehr, denn vor zwanzig Jahren hätte ich vermutlich gegrölt wie eine Wahnsinnige, hätte mir jemand die Idee vorgeschlagen (lacht).
Wenn ich Musik mache, dann weiß ich davor auch nicht, was dabei herauskommen wird. Ich habe keine fertigen Pläne und Ideen, sondern ich fange wirklich bei Null an. Klar, man macht sich Gedanken, was in der Welt vorgeht oder was die Liebe mit einem macht. Ich habe mich scheiden lassen, da dachte ich auch, ob wohl gerade ich einen Lovesong schreiben sollte (lacht). Ich habe dann meine Fans als Metapher benutzt, als meine Muse für die Entstehung der Songs.

subtext.at: Leute drücken sich ganz unterschiedlich aus, wenn sie verliebt sind. Die einen sagen es, die anderen machen es durch Geschenke oder Gesten deutlich. Wie bist du, wenn du verliebt bist?
Anastacia: Gott, ich mache all das. Ich bin eine Romantikerin, sehr gefühlsbetont. Manchmal, wenn mir danach ist, nehme ich meine Schwester beiseite und gebe ihr einen Kuss, ohne einen triftigen Grund. Sie sieht mich dann ganz entgeistert an, aber ich hatte eben diesen Moment (lacht). Weißt du, gerade heutzutage gibt es so viele Dinge, für die wir dankbar sein sollten. Stattdessen handeln wir oft wie Maschinen. Wir sollten den Dingen nicht nur in Gedanken nachgehen, sondern auch in der Realität. Ich bin dankbar, noch am leben zu sein. Ich bin dankbar, glücklich zu sein und meiner Karriere verpflichtet sein zu dürfen. Das ist für mich nicht selbstverständlich. Meine Erwartungen habe ich heruntergeschraubt, weil man nie weiß, was das Leben mit einem macht. Klar, es gibt Momente, wo du nicht mehr weiter weißt, aber irgendwie gibt dir Gott die Kraft, weiter zu machen. Es ist eine Balance aus Aufgeben und Weitermachen.

subtext.at: Trotz allem, was dir passiert ist, wirkst du auf mich wie eine toughe Frau mit einer starken Persönlichkeit. Was machst du, wenn du dennoch einmal nicht mehr weiter weißt abseits der Musik?
Anastacia: Es kommt darauf an, welche Einstellung du zum Leben hast. Worüber beschwerst du dich? Sieh es dir genauer an, zerleg es in alle Einzelteile und betrachte es erneut. Wenn du Liebeskummer hast, erinnere dich daran, dass es Leute gibt, die vor Hunger sterben… Man muss alles in Relation sehen, sich Szenarios vorstellen. Neulich habe ich mich über den Regen beschwert, der während meines Auftritts bei der Starnacht in Österreich fiel, weil meine Haare und mein Outfit nass geworden sind. Dann dachte ich mir, dass ich gerade aus Amerika gekommen bin, wo ein Sturm tobt, der Leute umgebracht und für Zerstörung gesorgt hat. Ich fühlte mich wie der letzte Depp. Manchmal muss man sich selbst einfach wieder die Realität vor Augen führen. (überlegt) Sage den Leuten, was du auf dem Herzen hast. Es gibt auch Leute, die das, was sie mit dir gemacht haben, einfach mit der nächsten Person weiterführen. Sie bezeichnen sich dann als Opfer, obwohl sie keine Opfer sind… OK, vielleicht sind sie es, weil sie diesen Kreislauf nicht durchbrechen. Ich bin mit Sicherheit kein Opfer. Ich war nahe dran, weil ich gewisse Dinge in der Vergangenheit nicht verstanden habe. Kontrolle über alle Aspekte des Lebens gibt es nicht. Das musste ich erst lernen.

subtext.at: Das hast du erst in den letzten Jahren über dich gelernt?
Anastacia: Als ich „Resurrection“ geschrieben habe, begann ich innerlich wirklich zu verstehen, wie ich ticke. Wir alle richten den Zeigefinger auf jemanden, wobei die restlichen Finger auf einen selbst zeigen. Als ich Krebs bekommen habe, habe ich nicht gesagt „Wow, toll“, aber ich habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Das bedeutet auch, dass ich darüber rede und mich mitteile, damit auch anderen Leuten helfen kann, die in solch einer Situation sind. Ich möchte all meine Informationen und Geheimnisse mit den Frauen teilen. Es sind nicht immer die Gene, sondern auch die Umgebung, der Stress oder die Ernährung. Es sind all diese Faktoren, die zusammenkommen und für eine Erkrankung sorgen können. Man muss sich den Dingen stellen, denn es bringt nichts, sie unter den Teppich zu kehren. Wir neigen ja oft dazu. Teile den Leuten mit, wenn dich etwas stört oder verletzt hat, nimm sie zur Seite, klär sie auf. Das möchte ich auch bei mir sehen, dass die Leute mit mir so umgehen, wenn ich über die Stränge schlage oder eine Grenze überschritten habe.

subtext.at: Gehst du mit Veränderungen leicht um?
Anastacia: Total. Ich bin in dieser Hinsicht sehr anpassungsfähig.

subtext.at: In dem Song „Boomerang“ singst du: „I’ve had to learn the hard way, what comes around goes around.“ Was hat es damit auf sich?
Anastacia: Dieser Song bin komplett ich. Ich glaube an Karma. Ich glaube auch daran, dass bestimmte Leute sich manchmal wie dein Spiegelbild verhalten. Oft ist es so, dass du eine Person zwar nicht leiden kannst, aber es auch was mit dir selbst zu tun hat. Die Probleme mit anderen haben auch mit einem selbst zu tun. Man muss einfach tiefer in sich hineinblicken, denn es lässt sich so vieles dabei lernen. Der Song sagt es bereits: „Life is what you make of it, you live and you learn, whatever you throw into it, you get in return, like a boomerang.“ Ich bezweifle, dass wenn du positive Energie in die Welt hinausträgst, dass dir die Welt das Gefühl geben wird, du seist ein Idiot. Es gibt auch einige Große da draußen, die weiterhin in große Fettnäpfchen treten. Unser Präsident zum Beispiel, der uns durch seine Taten wenigstens zu großen Diskussionen führt. Republikaner und Demokraten tauschen sich wegen Trump mehr aus, habe ich das Gefühl. Trotzdem bin ich froh, dass es einen Kongress gibt.

subtext.at: Wenn du auf dein Leben zurückblickst, bist du dann das geworden, was du dir immer vorgestellt hast?
Anastacia: Nein, denn ich wollte Mutter von vielen Kindern sein. Weil ich an Karma glaube, denke ich, dass ich es schon in einem früheren Leben wohl gewesen bin. Es führt mich wieder zur Musik. Ich habe keine Kinder, bin nicht verheiratet und dennoch kann ich sagen, ich fühle mich wohl, weil ich Leute erreichen kann. Ich habe die Situation angenommen, was früher nicht der Fall war. Ich habe versucht, es zu vollbringen. Im Nachhinein habe ich dann festgestellt, dass es mich weit weg von mir und meiner Karriere gebracht hat. Manche Leute bekommen all das unter einen Hut und manche nicht. Meine Schwester wollte nie Kinder und ich hätte es geliebt, welche zu haben, wobei ich nicht gewollt hätte, zehn Nannys um mich herum zu haben und meine Karriere aufzugeben. Ich hätte es gewollt, dass sie behütet aufwachsen und nicht aufgrund des Medienrummels später eine Therapie machen müssen. Ich liebe Kinder so sehr und wenn ich welche mit meiner Musik erreichen kann, große wie kleine, dann fühle ich mich damit sehr, sehr wohl. Heutzutage werden Kinder so schnell erwachsen, es ist furchtbar. Sie sind so vielen Reizen ausgesetzt wie nie zuvor. Es liegt an den Eltern, für deren Bodenhaftung zu sorgen.

subtext.at: Denkst du, dass wir die Spitze von all dem irgendwann erreichen werden?
Anastacia: Gott, ich finde es schwer zu glauben, dass wir mal die Spitze dieser Entwicklung erreichen werden. Wir werden bestimmt irgendwann fliegende Autos besitzen, davon bin ich fest überzeugt (lächelt). Da werde ich sicher schon tot sein oder wirklich, wirklich, wirklich alt und furchtbar aussehen. Es wird einfach immer weiter eine Fortführung geben. Wir sprechen ja schon mit unseren Uhren wie in Star Trek. Es ist verrückt und es ist spannend, es mitzuerleben, aber ich habe keine Ahnung, wohin es uns bringen wird als Gesellschaft.

subtext.at: Vielleicht lebt die Menschheit irgendwann auf einem anderen Planeten…
Anastacia: Genau! Forscher sollen ja herausgefunden haben, dass es ein Universum außerhalb unseres Universums gibt. Jesus… Müssen wir das wirklich wissen? Gibt es nicht wichtigere Dinge? Welthunger zum Beispiel? Sollen wir unsere kostbare Zeit mit anderen Universen vergeuden? Wie dem auch sei, ein Wissenschaftler würde mir wohl hiermit die Freundschaft kündigen (lacht). Ich bewundere sie, so ist es nicht, aber ich möchte mich lieber auf das Hier und Jetzt fokussieren. Das ist mein Ziel für die Zukunft und daran arbeite ich.

 

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