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Martin Kohlstedt: das Konzert des Jahres

Martin Kohlstedt: das Konzert des Jahres

Manchmal sind es die verhältnismäßig kleinen Shows, die den bleibensten Konzerteindruck des Jahres hinterlassen. Einen solchen durften knapp 100 Musikbegeisterte vergangenen Samstag im Linzer Posthof beobachten. Der Thüringer Pianist Martin Kohlstedt machte mit neuem Album, „Strom“, einen Tourstopp im bitterkalten Linz. Ein Konzert, an das man sich noch lange gerne zurückerinnern wird!

Hätte man es nicht vorher gewusst, man hätte meinen können, dass Bilderbuch-Frontman Maurice Ernst einen Genrewechsel hingelegt hat. Nicht nur optisch ähnelte Martin Kohlstedt dem Österreicher – auch vom Gehabe auf der Bühne durfte man schmunzelnd einige Parallelen ziehen. Musikalisch dann halt im Gegensatz dazu nicht. Martin Kohlstedt ist ein Vertreter der sogenannten „Neoklassik“ – andere Beispiele aktuell wären etwa Nils Frahm und Max Richter. „Strom“ heißt sein neuestes Werk, welches aus insgesamt acht dreibuchstabigen Werken besteht. Anders als in den Jahren zuvor bedient sich Kohlstedt hier nicht nur seinem sich auf unglaublich gutem Niveau befindenden Piano-Spiel, sondern nimmt auch verstärkt elektronische Einflüsse mit in sein musikalisches Programm. Das Produkt? Das wohl beste Instrumental-Konzert, das Linz in den letzten Jahren gesehen haben düften, und wohl der Soundtrack, den man sich für seinen ganz persönlichen Film wünschen würde. Auch für Leute, die spätestens mit Beethoven das Kapitel „Klassik“ ad acta gelegt haben, mehr als empfehlenswert.

Kohlstedts Zugang zur Musik dürfte sein, dass er seine Tracks miteinander diskutieren lassen möchte. Live merkt man ihm das an – er scheint sich während seiner Darbietung immer neu in seinen Schaffensprozess hineinzudenken, und man merkt, dass Musik nicht nur Beruf, sondern Leidenschaft ist. Dazwischen Ansagen mit, naja, sagen wir halt mal trockenem Humor dazu. Es spricht aber viel mehr die Musik für Herrn Kohlstedt, als er es selber tut. Unterstützt von einer angenehm präsenten Lichtshow, wo nur das Stroboskop manchmal zu dominant war, verliert man sich während der anderthalb Stunden in die Musik Martin Kohlstedts, und merkt nicht, dass mit „Jin“, dem letzten Track, die Zeit wie im Nu vergangen ist. Zugabe? Gibt es keine – denn das „Jin“ muss ja am Ende stehen. Das ginge ja sonst gar nicht.

Fazit: wer nicht dort war, hat was versäumt. Mit Leichtigkeit in meinen persönlichen Konzert-Top-2 des Jahres!

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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