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Metro Exodus: Ein Ausflug aufs Land

Wenn man den Blick auf die österreichische Politik wirft, wundert man sich oft über die Langlebigkeit mancher Gruppierungen und Personen in der Öffentlichkeit. Ein etwas umgekehrtes Phänomen lässt sich in der Computerspielszene beobachten. Wiederholt wird da dieses oder jenes Genre totgesagt, für nicht mehr zeitgemäß gehalten oder über mangelnden Einsatz von Publishern geklagt. Da ist es doch irgendwie beruhigend, dass manche Grundsätze in der Entwicklerszene allgemeine Gültigkeit haben: Gute Singleplayerspiele wird es immer geben!

2002 hat Dmitri Alexejewitsch Gluchowski Metro 2033, den ersten seiner Romane über die Überlebenden eines Atomkrieges, die in der Moskauer Metro Unterschlupf gefunden haben, auf seiner Website veröffentlicht. In den folgenden 17 Jahren ist aus dem Eintrag auf seinem Blog ein beachtliches Franchise geworden. Neben den Fortsetzungen Metro 2034 (2009) und Metro 2035 (2015, orientiert an Metro: Last Light) begann 4AGames unter Publisher THQ damit, die Bücher auf die Halbleiterplatten zu bringen und veröffentlichte in der Folge Metro: 2033 im Jahr 2010 und Metro: Last Light im Jahr 2013. Die Buchvorlagen des russischen Autors sind in unseren Breiten zwar wenig bekannt, in Russland hat sich jedoch ein enormer Hype um den mehrsprachigen Journalisten ausgebildet. Der auch in Interviews als Putin-Kritiker auftretende Schriftsteller wird in der Metro-Trilogie, seinem bisherigen “Opus Magnum”, ebenfalls, zumindest indirekt politisch. Ihm scheint es um das Zusammenleben von Gesellschaften allgemein zu gehen und um damit möglicherweise untrennbar einhergehende Begleiterscheinungen wie Korruption, Gier aber auch Ignoranz und einer “Kopf-in-den-Sand”-Mentalität. Der Stil scheint anzukommen: Metro 2034 war 2009 Bestseller in den russischen Buchläden.

 

Metro Exodus
Publisher: Deep Silver
Entwickler: 4A Games
Plattformen: PC, PS4, Xbox One
Testplattform: PC
Metacritic-Score: 82 %
Preis: 59,99 / 64,99 €

 

Aus der Bratpfanne ins Feuer

Nun aber genug des Vorgeplänkels. Warum hat Metro-Exodus in den vergangenen Monaten für so viel Aufregung gesorgt? Für diese Frage gibt es eine ganze Reihe von Antworten. Wie der Name vermuten lässt, schickt uns die Story von Metro Exodus hinaus aus der ”behaglichen”, postapokalyptischen Moskauer Unterwelt und wir veranstalten mit unseren Spartaner-Brüdern einen Ausflug aufs Land. Überraschenderweise sollen sich nämlich –leichter SPOILER– die Überbleibsel der russischen Regierung nach dem Atomkrieg irgendwo auf eine Arche gerettet haben und nach wie vor gegen die NATO-Besatzer Widerstand leisten.

Dieser Kult ist eine der ersten sonderbaren Gesellschaften, die wir in der Oberwelt antreffen. Seine Seebewohner haben es nicht so mit der Elektrizität, eine Art Elektro-Inquisition sozusagen.

Frischer Wind in-und außerhalb der Metro

Doch es zeigt sich bald, dass die Handlung von Exodus Kurve um Kurve nimmt. Der Umfang von Metro Exodus wurde im Vergleich zu den vorangegangen Teilen Metro: 2033 und Metro: Last Light gehörig nach oben geschraubt. Die Story nimmt einen wesentlich enger umschlungen mit, indem sie den Fokus auf die menschliche Ebene wendet. Die Spielmechaniken wurden im Vergleich zu Last Light etwas verfeinert, Kämpfe und Stealth-Einlagen laufen merklich flüssiger ab. Trotzdem beeindruckt der Titel vor allem aber enorm durch seine Atmosphäre. Zu den dunklen Gruselpassagen unter der Erde gesellen sich nun auch offene Landschaften, von Wüsten über Wälder bis zu Seen ist da so ziemlich alles dabei, was das Herz begehrt.

Zwar können wir den Großteil unserer Gegenstände selbst am Werktisch zusammen basteln, für die Reparaturen an unserer Luxuslok Aurora lassen wir aber lieber einen Profi wie Krest ran. Immerhin tuckern wir mit dem Schlitten das ganze Spiel über durch Russland.

Ukrainische Qualitätsware

Die Metro-Atmosphäre wird diesmal aber auch von den grafischen Fortschritten mitgetragen. Die brandaktuellen Effekte bei Licht, Texturen und Animationen werden zusätzlich aufgewertet, weil sämtliche Gebiete mit großer Liebe zum Detail gestaltet sind. Seien das die vielen Alltagsgegenstände und Kleinigkeiten, welche die besiedelten und unbesiedelten Gebiete dekorieren oder die Gadgets auf Artyoms Waffen und Unterarm.  Das unter anderem RTX-taugliche Spiel zeigt nach The Witcher 3 nachdrücklich, was in den osteuropäischen Spieleschmieden an Qualität steckt. Diese Qualität beschränkt sich natürlich nicht nur auf die AAA-Qualität der Grafik, vor allem in Punkto Inszenierung ist man den weiter westlich gelegenen Entwicklern ein gutes Stück voraus wie es scheint. Zwar hat auch Metro Exodus den einen oder anderen Storytelling-Schnitzer, wie etwas zu dick aufgetragenen Dialog oder etwas zu vorhersehbare Twists hier und da, das Gesamtbild des Shooters-RPG-Mischlings fügt sich aber zu einem stimmigen Gemälde zusammen.

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Den Storytrailer „Artyom’s Nightmare“ sollte man sich bei Gelegenheit wirklich ansehen! Der ist möglicherweise ein heißes Eisen im Rennen um den besten Cinematic-Trailer aller Zeiten!

Keine Todsünden, ABER

Ein wesentlicher Bestandteil des Spiels ist das Aufsammeln von “Schrott” bzw. Crafting-Materialien. Damit können wir nicht nur unsere Waffen verbessern, manche unserer zentralen Ausrüstungsgegenstände bedürfen ständiger Pflege, wie etwa unser Atemschutz. Den müssen wir von Zeit zu Zeit mit einem neuen Filter ausstatten, ansonsten dürfen wir Held Artyom beim qualvollen Erstickungstod zusehen. Darüber hinaus ist das Herstellen von Munition nicht zu übersehen, sonst: ebenfalls Gefahr tragischen Todes. Bei den Mechanics zeigen sich jedoch auch die zwar nicht fatalen aber dennoch vorhandenen Schwächen des Titels. Obwohl im Vergleich zu Last Light an vielen Schrauben ein bisschen gedreht wurde, bleibt ein banal klingendes aber nicht von der Hand zu weisendes Problem bestehen: Es könnte einfach nach wie vor mehr Spaß machen auf Mutanten zu schießen. Damit soll nicht gemeint sein, dass wir uns in blutsprudelnder Doom-Manier durch Dämonenhorden ballern müssen, die Sandbox der Gefechte wirkt trotzdem immer noch etwas zu wenig ausgegoren. Zugegeben: Die Metro-Teile legen den Fokus eben vor allem auf Story, Horror und RPG-Elemente, aber für einen anständigen Singleplayer-Shooter gehört mittlerweile ein solides Gameplaygerüst ohne Zweifel zur Grundausstattung.

Amüsantes Detail hier am Tisch: Die Entwickler bringen Dmitri Alexejewitsch Gluchowski ein kleines Denkmal, oder sind diese Kultisten etwa Freunde alter russicher Endzeitromane?

Die Glocken könnten süßer klingen

Schlussendlich noch ein kurzer, finaler Kritikpunkt: Der Soundtrack. Der ist leider bestenfalls mittelprächtig ausgefallen. Er unterstreicht zwar die Handlung weitestgehend einigermaßen passend, jedoch allenfalls zur Endnote Befriedigend. Ausgesprochen schade, denn ein rundum gut geschriebenes Endzeitspiel, das teils ganz schön düster und traurige Töne anschlagen kann, hätte es sich verdient von einem einfallsreichen Soundtrack umrahmt zu werden. Für mehr als ziemlich generischen Action-Movie-Trash hat es dann aber nicht gereicht.

Im Intro wird das Setting noch einmal erklärt und eindringlich dargestellt. Die Endzeit kann (rein optisch gesprochen!)verdammt gut aussehen.

Fazit

Metro Exodus ist ein sehr feines Stück Software für den Rechner (oder die Spielestation der Wahl). Insgesamt überzeugt der Titel, hat zwar hier oder da kleinere Schönheitsfehler, diese sind aber schlussendlich bei dem Spaß, den drumherum haben kann völlig im Hintergrund. Daher ist Exodus für Freunde des Singleplayers, Freunde guter Story, Freunde der Endzeit und Freunde der Metro rundum zu empfehlen.

Bereichswertungen

Umfang 84%
Gameplay 80%
Atmosphäre 94%
Story 90%
Grafik und Sound 86%

Gesamtwertung

87%
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