Wer nicht (mehr) wagt, der nicht gewinnt: BUSH und „The Kingdom“

Hier hätte gerne noch mehr passieren dürfen: Bush finden mit „The Kingdom“ zu alter Stärke zurück, was erfreulich und positiv ist. Dennoch reicht es an die früheren Glanztaten auf Albumlänge nicht vollkommen heran. Mehr Risikobereitschaft und besseres Songwriting hätten die Halbwertszeit enorm verlängert. Beim nächsten Mal?


Lässt sich in verbrannter Erde noch Schönheit finden? Gavin Rossdale ist sich dessen sicher und hat für das achte Album von Bush gleich ein ganzes Königreich erdacht, einen fiktiv-utopischen Ort, an dem die Leute unermüdlich weitermachen und sich von der rauen Welt, in die wir uns ja eigentlich alle befinden, abwenden. „Hey, people just soldier on, this is the goal and this is the kingdom“ stellt der 54-Jährige unermüdlich klar. Während man darüber sinniert, auch ein Teil dessen zu werden, gibt sich das Material in seiner Gesamtheit nicht nur rund und wieder schön druckvoll, sondern geht auch konsequent nach vorn. Das gefällt und ist vom Fleck weg mehr, als man von Bush 2020 erwarten kann. Dennoch ist nicht alles Gold, was rockt und verzerrte Riffs präsentiert. Beim ersten Eindruck hat die Band ein grundsolides neues Album abgeliefert. Der zweite Blick lässt dann erahnen, dass man es mit Grunge/Alternative-Nachschub zu tun hat, dem eine Prise mehr Wendigkeit richtig gut getan hätte. Mittlerweile gibt es außer Rossdale auch selbst niemanden mehr aus der Urformation, der sich im Sound wiederfindet. Schlagzeuger Robin Goodridge hat das Handtuch nun auch geschmissen, Nik Hughes sitzt jetzt an den Drums.

„The Kingdom“ ist also härter ausgefallen, was Fans und Presse beim Erscheinen sehr versöhnlich gestimmt hat, aber über ein bestimmtes Maß an Eindringlichkeit kommt das Album auch beim besten Willen nie so ganz hinaus. Am besten gelingt das noch beim famosen Opener „Flowers On The Grave“, der melodisch und hymnisch die Bush-Kräfte bündelt, beim Titeltrack (der ein Stakkato-Gewitter auspackt) und beim lodernd-groovenden „Bullet Holes“. Der Rest ergänzt sich zum großen Teil, die Songs fließen ineinander, spinnen ein sinniges Ganzes – und dennoch wird die Leine nur gelockert statt komplett losgelassen.

© BMG

Titel wie „Blood Lines“, „Ghost In The Machines“ oder „Quicksand“ fehlt es an zündenden Hooklines. Mit Härte allein ist es nicht getan. Von der standardisierten Ballade „Undone“ ganz zu schweigen. So greifbar sich das Album zu Beginn anfühlt, so verflüchtigt sich dieses Gefühl in der Mitte und auch im letzten Drittel mit Songs wie „Send In The Clowns“, „Crossroads“ oder „Our Time Will Come“. Ob ihnen jemals wieder Evergreens wie „Come Down“, „Greedy Fly“ oder „The Chemicals Between Us“ gelingen werden, ist fraglich, aber sie kommen diesem Vorhaben zumindest etwas näher als auf den letzten Vorgängern. Man muss selbstredend ein Herz für Alternative Rock, für Grunge Rock haben, sonst ist das hier schlicht uninteressant, weil die Einflüsse und Zitate aus dem eigenen Fundus so unverfälscht und unmittelbar ins Licht gerückt werden. „The Kingdom“ bleibt somit, trotz anerkennender Aspekte und funktionierender Anleihen an den Sound der Anfangstage, unterm Strich eine profane und zwiespältige Angelegenheit.

Tracklist:
01. Flowers On A Grave
02. The Kingdom
03. Bullet Holes
04. Ghosts In The Machine
05. Blood River
06. Quicksand
07. Send In The Clowns
08. Undone
09. Our Time Will Come
10. Crossroads
11. Words Are Not Impediments
12. Falling Away

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Fotos: BMG

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