Konsumkonflikt: STEVEN WILSON und sein zukunftsweisender E-Commerce-Pop

Stationen einer Verwandlung: In seiner derzeitigen Inkarnation lässt der ehemalige Porcupine Tree-Mastermind Steven Wilson seine Prog- und Metal-Wurzeln komplett links liegen und positioniert sich mit „THE FUTURE BITES“ als impulsgebender Synthie-Futurepopper par excellence. Nicht mal Urgestein Elton John ist dem abgeneigt. 

© Lasse Hoile

Sieht so die Zukunft aus? Und viel wichtiger: Hört sie sich so an wie auf „THE FUTURE BITES“, dem sechsten Soloalbum von Steven Wilson? Der Ausdruck, der erweitert sich jedenfalls weiter. Die Klangflächen strahlen jetzt in mondänem Weiß, das Album tönt eher warm aus den Boxen, obwohl die Aura klinisch rein, also antibakteriell und steril anmutet, und zu guter Letzt liegt über den neun Songs eine Schwere und Stringenz, die zwar stets spürbar, aber nicht immer das Klangbild beherrscht. Widersprüchliches vereinen, das kann der Brite. Das sind luftig produzierte Lieder, die so gut sitzen wie ein maßgeschneiderter Anzug und daneben tummeln sich noch geschmackvolle Melodien, die Wilson mit Backgroundsängern oder Streichern in Songs wie dem gegen Egozentrik ankämpfenden „Self“, dem sphärischen „King Ghost“ oder dem treibenden „Follower“ einem subtil ins Ohr säuselt. Homogene Töne aus der Welt der Pro-Tools dominieren – ein Albtraum für Progisten und Metalfans.„THE FUTURE BITES“ versteht sich formal wie inhaltlich als kritisches Statement zum aktuellen Weltgeschehen, stellt viele wichtige Fragen, die uns angehen und auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die großen Themen unserer Zeit wie etwa Konsum, Selbstoptimierung, Selbstzentriertheit, Personenkult und Social Media, setzt Wilson in todschickem Synthiepop um, der die virulenten Drahtzieher auf der Welt aufs Korn nimmt und unsere Probleme noch einmal verdeutlicht. Was einen dabei im nächsten Song erwartet, ist nur sehr schwer voraussagen. Das macht „THE FUTURE BITES“ zu einer spannenden Angelegenheit, auch wenn nicht alles, was Wilson hier anpackt, gleich fesselt wie etwa das mediokre „12 THINGS I FORGOT“ mit einem Schlusspart von Sir Elton John.

„Buy for comfort, buy for kicks, buy and buy until it makes you sick.“

Steven Wilson hat seiner Musik sprichwörtlich eine Linie gegeben, ein Design, welche er über die eigens ins Leben gerufene Website augenzwinkernd vermarktet. Luxus-Boxsets, T-Shirts, aber auch Vitaminpräparate, arktische Luft in Dosen und feinstes Toilettenpapier für günstige €229,- werden dort von der The Future Bites Corporation™ angeboten. Eine  fiktive Werbekampagne flankiert zudem die Veröffentlichung, die coronabedingt um mehr als ein halbes Jahr verschoben wurde. „THE FUTURE BITES“ ist hörbar weit gedacht, geht über den Gedanken eines simplen Albums weiter, will dem Pop einen Puls geben.

Wilson bezieht Stellung. Sein Pop-Entwurf ist nicht der Pop-Entwurf der anderen. Er verknüpft seinen andockenden „Prog-Pop“ mit ausgewiesenem Sinn für Dramatik so smart mit dem Mainstream-Zeitgeist wie wohl keiner zur Zeit. Die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten wurden schon beim letzten Veröffentlichung „To The Bone“ für Fans der ersten Stunde strapaziert, als plötzlich ABBA-Melodien im Songwriting zu finden waren. Die eigenen Grenzen werden von Album zu Album, von Track zu Track, neu definiert. In der konzeptuellen Übertreibung, mit starkem Bezug zum Heute, liegt nun der Reiz an „THE FUTURE BITES“ der Reiz und mit seinen Alleinstellungsmerkmalen geht Wilson viel selbstbewusster hausieren.

Zwischen ambienter Elektronik und entrückten Rock-Anleihen, denkt man an Bands wie Depeche Mode oder Placebo und wird dabei förmlich eingelullt und eingesogen. Fadenscheinige Süßholzraspelein („MAN OF THE PEOPLE“), groovende Betrügereien („EMINENT SLEAZE“) oder bedrohende Besessenheiten („PERSONAL SHOPPER) kommen fokussiert zum Vorschein. „THE FUTURE BITES“ ist eine lakonische Bestandsaufnahme und eine selbstbewusste Zurschaustellung sowie auch Fortführung von Wilsons diversen Soundästhetiken. Diese Musik hat Haken und Ösen und doppelte Böden zu bieten und stellt damit eine Form von Individualismus in der gleichgeschalteten (Musik)Konsumwelt dar. Wilson beglückt uns mit einem „virtual brick through your window“ und wir können dem nicht ausweichen.

© Lasse Hoile

Tracklist:
01. UNSELF
02. SELF
03. KING GHOST
04. 12 THINGS I FORGOT
05. EMINENT SLEAZE
06. MAN OF THE PEOPLE
07. PERSONAL SHOPPER
08. FOLLOWER
09. COUNT OF UNEASE

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Fotos: © Lasse Hoile // Universal Music

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