MELODY GARDOT: Bittersüße Symphonien

MELODY GARDOT: Bittersüße Symphonien

Sie hat Klasse, sie hat Stil, das Aussehen und eine betörende Stimme. Sie groovt, sie croont, und sie klingt überhaupt ungeheuer verführerisch: Melody Gardot ist eine der der begnadetsten und talentiertesten Jazz-Sängerinnen unser Zeit. Nach drei Jahren Pause gibt es mit „The Absence“ schwerelos im Raum arrangierte, in Versuchung führende Songs, bittersüße Klagelieder, die zwar nicht augenblicklich, aber sich nach und nach in dein Herz mogeln.

Als ich sie zum ersten Mal live auf der Bühne sah, da hab ich mich ein bisschen in sie verliebt. Große blonde Wallemähne, ein attraktives Erscheinungsbild, dazu diese faszinierende, gehauchte Stimme. Sie singt auf ihre ganz eigene Art und verpasst sowohl fremden Liedern als auch den Eigenkompositionen aus dem Singer/Songwriter-Kontext heraus einen Hauch Fragilität. Der folgenschwere Fahrradunfall, in dem sie 2003 unschuldig verwickelt wurde, hat seine Spuren hinterlassen. Körperlich sowieso, benutzt sie doch stets einen Gehstock sowie getönte Sonnenbrillen, um ihr empfindlich gewordenes Augenlicht zu schützen, aber auch seelisch. Seit dem hat Melody Gardot in der Musik einen neuen Lebensantrieb gefunden.

„The Absence“ ist eine Platte geworden, die wie ein Versprechen auf den warmen Süden, auf Sonne, Urlaub, Strand, Erholung und einen endlosen Sommer klingt. Nach der Tour zur letzten Platte „My One And Only Thrill“, die sie international zum Star machte, besuchte sie Metropolen wie Lissabon und Buenos Aires und wurde zur Weltenbummlerin. Marokko, Frankreich und Brasilien standen gleichermaßen auf dem Plan, was zweifelsohne zu hören ist. World music, Tango, Samba, Chanson & Bossa Nova – es ist alles da.

Einklang, Handwerk und Vision kommen auf „The Absence“ zusammen und verschmelzen zu einem stimmungsvollen Ganzen. Jammerschade nur, dass die gesamte Platte nicht so leidenschaftlich ausgefallen ist wie der Schluss „Iemanja“ oder die Single „Mira“, die wahrlich Lebenslust verbreitet. Sie verweilt ätherisch, federleicht, sparsam akzentuiert und ruhig. Anfangs bleibt deswegen wenig hängen, nur mancher Hauch streift den Hörer einfühlsam. Wer Konfrontation sucht, ist hier fehl am Platz. Doch es gibt andere Höhepunkte auf „The Absence“: Das gesellige „Amalia“ zum Beispiel, das betörende „Goodbye“ oder die verlockende Falle „Impossible Love“.

Gut möglich, dass „The Absence“ dem ein oder anderen mehr Geduld und Beharrlichkeit erfordern wird. Es geht nicht darum, in zwei, drei Minuten zum Punkt zu kommen. Wer diesen Standpunkt verstanden hat und nachvollziehen kann, der wird sich wohl genau so in Melody Gardot verlieben wie ich.

Facts:
Melody Gardot – The Absence
Gesamtspielzeit: ca. 58 Minuten
Decca (Universal Music)

Links & Webtips:
melodygardot.com
facebook.com/melodygardot
twitter.com/mgardot

Foto: Universal Music, Fabrizio Ferri

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